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Kritik an Weils Corona-Kurs: 5000 Tote in Niedersachsen

Hannover  

Kritik an Weils Corona-Kurs: 5000 Tote in Niedersachsen

09.04.2021, 12:42 Uhr | dpa

Kritik an Weils Corona-Kurs: 5000 Tote in Niedersachsen. Medizinischer Mundschutz

Medizinischer Mundschutz liegt auf einem Tisch. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archivbild (Quelle: dpa)

Hannover (dpa/lni) – Die Einschätzung der Landesregierung zur Corona-Entwicklung in Niedersachsen sorgt bei Medizinern und der Opposition für Kritik. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatte erklärt, die aktuellen Infektionszahlen seien geringer als erwartet und die Lage in den Krankenhäusern entspannt. Am Wechselunterricht in vielen Schulen und Modellöffnungen in einigen Kommunen hält das Land daher weiter fest, während der für Montag geplante Corona-Gipfel von Bund und Ländern abgesagt wurde. Die Unimedizin Göttingen und die Grünen zeichnen dagegen ein pessimistischeres Bild.

INFEKTIONSZAHLEN: Ministerpräsident Weil zufolge geht die Tendenz dahin, dass der schnelle Anstieg der Corona-Infektionszahlen gestoppt sei. Tatsächlich lag die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz am Freitag mit 89,5 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner deutlich unter dem Wert von vor einer Woche (115,1). Allerdings führte das Landesgesundheitsamt die geringeren Zahlen auch darauf zurück, dass es über Ostern weniger Arztbesuche und Tests gegeben habe. "Wie Stephan Weil vor diesem Hintergrund zu seiner Einschätzung gekommen ist, bleibt offen", kritisierte Grünen-Fraktionschefin Julia Willie Hamburg.

Insgesamt wurden seit Ausbruch der Pandemie in Niedersachsen 207 905 Corona-Infektionen nachgewiesen. Fast 90 Prozent der Betroffenen gelten Schätzungen zufolge mittlerweile als genesen. Die Zahl der seit Beginn der Pandemie an oder mit Corona gestorbenen Menschen in Niedersachsen ist am Freitag derweil auf 5000 gestiegen. Dem Gesundheitsamt zufolge waren 87 Prozent von ihnen 70 Jahre oder älter. Die jüngsten Verstorbenen gab es in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen (fünf Fälle). Ihren Höchststand hatten die täglichen Todeszahlen Anfang Januar erreicht, seither gehen sie zurück.

LOCKDOWN: Einen harten "Brücken-Lockdown", den CDU-Chef Armin Laschet Anfang der Woche ins Spiel gebracht hatte, lehnte Weil in den vergangenen Tagen mehrfach ab. Der Vorschlag lasse viele Fragen offen und trage so zur Verunsicherung bei, sagte er, zudem habe er Zweifel, ob weitere Einschränkungen nötig seien. Grünen-Fraktionschefin Hamburg bezeichnete das als "eher bockig als verantwortungsvoll". Es sei unklar, wie die Infektionszahlen deutlich gesenkt werden sollen und es bleibe beim "bleiernen Dauerlockdown-light, der so viele Menschen schier zur Verzweiflung bringt", sagte sie.

KRANKENHÄUSER: "Die Lage in den Krankenhäusern in Niedersachsen ist entspannt", erklärte Weil am Donnerstag im ZDF. Allerdings waren an dem Tag laut Deutscher Interdisziplinärer Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) mit 292 so viele Covid-19-Patienten im Land auf einer Intensivstation wie nie zuvor. Damit sei der Höchststand von Mitte Januar übertroffen worden, berichtete die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Dem Gesundheitsministerium zufolge gab es im Januar an einem Tag jedoch sogar mehr als 300 Intensivpatienten.

Der Vorstand Krankenversorgung der Unimedizin Göttingen (UMG), Martin Siess, sagte dem NDR nun, die Dynamik der jüngsten Entwicklung mache große Sorgen. Die Zahl der Intensiv- und Beatmungspatienten mit Corona nehme zu. Derzeit würden an der UMG fast 30 Prozent mehr Erkrankte beatmet als am Höhepunkt der zweiten Welle im Januar. "Wir sehen deutlich jüngere schwerkranke Patientinnen und Patienten." Nicht dringend benötigte Operationen würden bereits verschoben.

MODELLKOMMUNEN: Der Start der verbliebenen zwölf Modellkommunen mit an Negativtests gekoppelten Öffnungen verzögert sich - soll aber weiterhin kommen. Frühestens am 15. April geht es los, darauf hätten sich die beteiligten Kommunen verständigt, erklärte der niedersächsische Städtetag. Allerdings müsse noch die weitere Entwicklung auf Bundesebene abgewartet werden. Denkbar ist, dass die angekündigte Verschärfung der "Notbremse" bei Inzidenz 100 dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung macht.

Noch hält die Regierung aber an ihrem Projekt fest - "weil wir es für richtig halten, nach Wegen zu suchen, wie wir uns langsam an Normalität heranwagen können", wie eine Sprecherin sagte. FDP-Fraktionschef Stefan Birkner warnte bereits, es dürfe nicht sein, "dass sich die Kommunen, Händler und Gastronomen jetzt mit großem Aufwand vorbereiten, nur um dann nach wenigen Tagen wegen eines neuen Beschlusses auf Bundes- oder Landesebene wieder gestoppt zu werden".

TESTS AN SCHULEN: Auch im Schul- und Kitabetrieb ändert sich fast nichts. Liegt eine Region drei Tage in Folge unter der Inzidenz 100, findet von Montag an weiter Wechselunterricht statt. Liegt sie darüber, geht es - mit Ausnahme der Grund- und Förderschulen sowie Abschlussklassen - zurück in den Distanzunterricht. Auch die Abiturprüfungen sollen, wie von Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) gefordert, weiterhin stattfinden. Neu ist hingegen, dass die Schüler ihre Corona-Selbsttests noch zu Hause und nicht erst in der Schule machen sollen. Kita-Kinder werden weiterhin gar nicht getestet. Um zumindest die Tests beim Personal finanzieren zu können, forderte der Landkreistag am Freitag zusätzliches Geld vom Land.

IMPFUNGEN: Die Einbindung der Arztpraxen in die Impfkampagne beschleunigt das Tempo deutlich. Am Donnerstag wurden, wie schon am Vortag, knapp 65 000 Erst- und Zweitimpfungen verabreicht - in den Wochen zuvor hatte der Spitzenwert bei knapp 40 000 am Tag gelegen. Doch auch hier gibt es Streit um eine Vorgabe der Landesregierung: Denn die hatte der Stadt Göttingen unter der Woche untersagt, den Impfstoff von Astrazeneca auch an Menschen zu geben, die noch nicht impfberechtigt sind. Der Grünen-Politiker Trittin verurteilte das als "verantwortungslos", weil es schnelleres Impfen verhindere.

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