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Soziokultur durch Corona in Bedrängnis

Zwickau  

Soziokultur durch Corona in Bedrängnis

28.05.2020, 16:22 Uhr | dpa

Soziokultur durch Corona in Bedrängnis. Eine Gruppe Jugendlicher steht vor dem alten Gasometer in Zwickau

Eine Gruppe Jugendlicher steht vor dem alten Gasometer in Zwickau. Foto: Wolfgang Thieme/dpa-Zentralbild/ZB (Quelle: dpa)

Auch elf Wochen nach Beginn der Corona-Krise stehen Sachsens soziokulturelle Zentren ohne finanzielle Unterstützung da. "Stand heute gibt es kein einziges Hilfsprogramm", sagte Mario Zenner vom Alten Gasometer Zwickau am Donnerstag. Freie Kulturvereine seien von allen bisherigen Maßnahmen ausgenommen. Für den Zwickauer Gasometer bedeutet das laut Zenner allein im Veranstaltungsbereich ein Minus von rund 80 000 Euro. Hinzukämen rund 100 000 Euro durch die Haushaltssperre der Stadt Zwickau.

Seit Ende April zahlt die Verwaltung den freien Trägern mit Verweis auf coronabedingte Einbußen bei der Gewerbesteuer keine Zuschüsse mehr. "Aktuell sind 15 Prozent unseres Jahresetats ungedeckt", so Zenner. Das sei angesichts der Pandemie, die viele ohnehin schon in Bedrängnis bringe, mehr als unsolidarisch.

Mitte Juni soll der Sozialausschuss über die Bewilligung von Mitteln entscheiden - die Beschlussvorlage der Stadtverwaltung gleiche jedoch mehr einer Streichliste, meint Zenner. Demnach sollen die Stadträte rund 370 000 Euro weniger freigeben als von den Trägern für diverse Sozialleistungen beantragt. "Das ist ein Schlag ins Gesicht." Das soziokulturelle Zentrum ist neben der Kulturarbeit Träger der Jugendhilfe. Unter seinem Dach arbeitet zudem ein Demokratiebündnis.

Trotz der finanziellen Probleme wolle der Alte Gasometer für die Kultur der Region ein Zeichen setzen: Ab kommender Woche wird es im kleinen Rahmen mit maximal 80 Gästen eine Sommerbühne im Garten mit Konzerten, Kabarett, Kino oder Kinder-Musiktheater geben. "Das ist lohnend für alle Kulturliebhaber, aber nicht für die Künstler oder den Verein", sagt Dirk Haubold, Leiter des Kulturbereichs.

Laut dem sächsischem Landesverband Soziokultur öffnen in diesen Tagen auch weitere Zentren wieder ihre Türen. "Die Einnahmeverluste belaufen sich seit Mitte März auf monatlich eine Million Euro", sagte Geschäftsführerin Anne Pallas auf dpa-Nachfrage. Für die freien Träger müsse es einen Schutzschirm geben, sonst seien viele der mehr als 50 Zentren schon in diesem Jahr akut gefährdet.

Nach Angaben des Verbands finanzieren sich die Einrichtungen der Soziokultur im Durchschnitt zu 40 Prozent über öffentliche Gelder. Etwa ein Fünftel stamme aus Drittmitteln, rund 37 Prozent seien Eigenmittel. "Und die werden vor allem über Veranstaltungen erwirtschaftet." Ein Wiederanlauf im Kleinformat könne diese Ausfälle nicht kompensieren. So steht beispielsweise im Alten Gasometer einem Drittel des üblichen Publikums aufgrund von Hygiene- und Abstandsregelungen der vierfache Personalbedarf gegenüber. "Von einer Normalität sind wir weit weg", so Haubold.

Der Landesverband befürchtet angesichts von Steuerausfällen zudem eine Sparwelle. Weil aber Soziokultur neben Kultur vor allem bürgerschaftliches Engagement und Demokratiearbeit bedeute, hätte ein Wegbrechen der freien Träger gravierende Folgen. "Wir haben in den neuen Bundesländern seit der Wende mühsam eine Zivilgesellschaft aufgebaut", sagt Pallas. Wenn nun in diesem Bereich als erstes gestrichen werde, habe man angesichts des Rechtsrucks vielerorts ein "massives Demokratieproblem."

Sachsens Soziokultur beschäftigt rund 500 Menschen und zählt pro Jahr zwei Millionen Besucher. Bis auf drei Ausnahmen werden alle soziokulturellen Zentren im Freistaat als Vereine geführt.

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