Sie sind hier: Home > Regional >

Gutachter: Sekten-Chefin in Mordprozess ist schuldfähig

Hanau  

Gutachter: Sekten-Chefin in Mordprozess ist schuldfähig

23.06.2020, 17:16 Uhr | dpa

Gutachter: Sekten-Chefin in Mordprozess ist schuldfähig. Landgericht Hanau

Ein Schild mit dem Landeswappen ist am Gebäude des Land- und Amtsgerichtes befestigt. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Archivbild (Quelle: dpa)

Die mutmaßliche Sekten-Chefin, die sich wegen Mordes an einem vierjährigen Kind vor dem Hanauer Landgericht verantworten muss, ist laut einem Gutachter trotz einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung schuldfähig. Zu dieser Diagnose kommt Dieter Marquetand, Facharzt für Psychiatrie, der am Dienstag als Sachverständiger aussagte. Der Vierjährige war im August 1988 im Haus der Hanauer Gruppe gestorben, weil er in einen Leinensack verschnürt wurde. "Ob es sich nun um eine geschlossene religiöse Gruppierung oder um eine Sekte handelt - aus psychologischer Sicht ist das völlig irrelevant", befand der Gutachter, der keinerlei Einschränkungen der Schuldfähigkeit der Angeklagten erkannte.

Marquetand sagte, die Selbstdarstellung und -überschätzung der Angeklagten in religiösen Dingen sei zwar "schwer abnorm", stelle aber keine Psychose wie einen Wahn dar. "Es liegt kein krankhafter Verlauf vor." Die Angeklagte gibt seit Jahrzehnten vor, mit Gott in direktem Kontakt zu stehen. Der Gutachter attestierte zudem einen "manipulierenden Umgang mit anderen Menschen - aus Mangel an Empathie". Marquetand befand, dass der Krankenschwester die Folgen ihres Vorgehens hätten klar sein müssen: "Sie hätte wissen müssen, dass Fixierungen von Patienten, beispielsweise mit einer Zwangsjacke, niemals die Atmung eines Menschen behindern darf." Die Einsicht in ihr Handeln sei nicht eingeschränkt gewesen.

Die 72-Jährige ist nach Ansicht der Staatsanwaltschaft dafür verantwortlich, dass das zur Züchtigung in den Sack geschnürte Kind im August 1988 starb. Die Frau soll den Jungen als vom Bösen besessen bezeichnet haben. Die Verteidiger der Frau weisen den Vorwurf zurück. Sowohl leibliche als auch adoptierte Kinder hatten in dem seit Oktober 2019 laufenden Verfahren über schwere Misshandlungen berichtet. Die Staatsanwaltschaft hatte den bereits zu den Akten gelegten Fall 2015 neu aufgerollt, nachdem es Hinweise von Sekten-Aussteigern gab. 1988 war die Behörden von einem Unfall ausgegangen. Es hieß, der Junge sei an Erbrochenem erstickt.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail


shopping-portal