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Wieder A49-Gegnerin abgestürzt: 14 Polizisten verletzt

Homberg (Ohm)  

Wieder A49-Gegnerin abgestürzt: 14 Polizisten verletzt

21.11.2020, 11:42 Uhr | dpa

Bei den Protesten gegen die Rodungen im mittelhessischen Dannenröder Forst für die Autobahn 49 ist erneut eine Aktivistin aus mehreren Metern Höhe abgestürzt. Sie verletzte sich am Samstagmorgen schwer. Die Frau sei im südlichen Bereich des Waldes von einer mit Seilen zwischen Bäumen befestigten Holzpalette aus vier bis sechs Metern Höhe zu Boden gestürzt, teilte die Polizei mit. "Die Palette geriet gegen 8.40 Uhr aus noch ungeklärter Ursache in Schieflage", hieß es weiter. Später seien insgesamt 14 Polizisten verletzt worden, als sie von mehreren Personen mit Pyrotechnik und Zwillen beschossen worden seien.

Rettungskräfte und ein Notarzt hätten sich um die Erstversorgung der abgestürzten Frau gekümmert. "Ein unmittelbar alarmierter Rettungshubschrauber konnte witterungsbedingt nicht starten", erklärte die Polizei. Am Samstagmorgen war es in Hessen vielerorts neblig. Die verletzte Aktivistin kam in ein Krankenhaus. "Nach derzeitigem Stand besteht keine Lebensgefahr", ergänzte die Polizei.

"Wir haben die Stelle abgesperrt", sagte ein Polizeisprecher. Beamte begannen in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Gießen zahlreiche Zeugen zu befragen und umfangreiches Video- und Bildmaterial auszuwerten. Für die Klärung der Absturzursache wurden laut Polizei "ein unabhängiger Sachverständiger und die Tatortgruppe des Polizeipräsidiums Westhessen sowie Ermittler des Hessischen Landeskriminalamts hinzugezogen".

Die Rodungsarbeiten wurden nach Angaben der Polizei in diesem Bereich für Samstag gestoppt. "Den Personen, die sich hier noch immer in den Bäumen befinden, wurde angeboten, diese ohne weitere polizeiliche Maßnahmen zu verlassen. Einige Personen kamen dem nach", hieß es weiter.

Eine Demonstrantin, die ihren Namen nicht nannte, sagte, mehrere Polizisten seien vor dem Absturz auf ein markiertes Sicherungsseil getreten. "Da stand drauf: "Achtung, wenn Sie hier drauftreten, fällt ein Mensch runter"", erklärte sie. "Die Polizei ließ das Seil los und dann ist es gerissen." Ein Polizeisprecher bemerkte dazu, die Details seien zunächst nicht bekannt, sie müssten erst untersucht werden.

Die Polizei teilte auch mit, bei der Bergung zweier Aktivisten, die sich am Freitag in 20 bis 25 Meter Höhe mit Seilen gesichert auf einer Plattform aneinandergeklammert hätten, sei ein Elektroimpulsgerät eingesetzt worden. "Sie haben sich trotz Aufforderung nicht voneinander gelöst. Wir mussten sie trennen, um sie sicher zu Boden zu bringen", sagte ein Polizeisprecher.

Dem Angriff gegen die Beamten seien am Nachmittag Aufrufe zur Gewaltanwendung gegen Polizisten vorangegangen, sagte ein Polizeisprecher in einem via Twitter verbreiteten Video. Nach Polizeiangaben beteiligten sich bis zu 300 Personen, einige davon seien festgenommen worden. Die Beamten hätten eine unbeteiligte Familie aus dem Gefahrenbereich bringen müssen. Die Polizei stellte einen Rucksack mit Pyrotechnik, mehrere Rauchtöpfe sowie eine Zwille mit Steinen sicher. Insgesamt 14 Einsatzkräfte hätten sich Verletzungen zugezogen, darunter Knalltraumata, kleinere Schürfwunden und Prellungen. Die betroffenen Beamten könnten alle ihren Dienst fortsetzen, hieß es. Insgesamt 46 Personen seien am Samstag in Gewahrsam genommen worden, außerdem leitete die Polizei 20 Ermittlungs- und 26 Ordnungswidrigkeitenverfahren ein und sprach 49 Platzverweise aus.

Die Demonstranten hatten der Polizei wiederholt vorgeworfen, bei den Räumungen Leben zu gefährden - vor allem, nachdem bereits am 15. November eine Aktivistin von einem hochbeinigen Gestell gestürzt war. Verantwortlich dafür soll laut der Staatsanwaltschaft Gießen ein Polizist gewesen sein, der zuvor ein Seil durchtrennt habe, das mit dem Gestell verbunden gewesen sei. Die Verbindung soll für den Beamten nicht erkennbar gewesen sein. Gegen ihn wird der Staatsanwaltschaft zufolge wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung im Amt ermittelt. Den Ermittlern zufolge gibt es keine Hinweise auf ein vorsätzliches Handeln.

Die Gruppe "Klimagerechtigkeit Kassel" kritisierte, die Polizisten stünden unter großem Zeitdruck, weil Bäume nur bis zum Ende der Rodungssaison gefällt werden dürften: "Sie räumen deswegen ohne Pause jeden Tag - auch am Wochenende." Es müsse einen sofortigen Rodungs- und Räumungsstopp geben.

Das "Aktionsbündnis Keine A49" kritisierte teils waghalsige Manöver bei den Räumungen: "Die Fällungen erfolgen mitunter in unmittelbarer Nähe von Menschen, Aktivisten wie Polizisten. Bei Maschinen wie Mulchern oder Häckslern werden im Betrieb Schutzabdeckungen aufgeklappt. Es wird teilweise im Dunkeln gearbeitet." Das Aktionsbündnis leitete nach eigener Aussage bereits 49 Arbeitsschutzbeschwerden an die zuständigen Behörden weiter.

In dem Waldstück nahe Homberg/Ohm im Vogelsbergkreis sollen auf einer Fläche von 27 Hektar Bäume für den Weiterbau der Autobahn 49 gerodet werden, die Arbeiten laufen längst. Umwelt- und Klimaschützer protestieren, weil sie das Projekt angesichts der Klimakrise für verfehlt halten. Befürworter versprechen sich von dem Autobahnbau weniger Verkehrs- und Lärmbelastung in den Dörfern und eine bessere Anbindung ans Straßennetz. Vor mehr als einem Jahr hatten Aktivisten den Dannenröder Forst besetzt. Sie richteten sich in mehreren Baumhaus-Camps ein und bauten zahlreiche Barrikaden.

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