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"Haderbücher" geben Einblick ins Dorfleben vor 500 Jahren

Ingelheim am Rhein  

"Haderbücher" geben Einblick ins Dorfleben vor 500 Jahren

29.11.2020, 11:32 Uhr | dpa

"Haderbücher" geben Einblick ins Dorfleben vor 500 Jahren. "Haderbücher" im Stadtarchiv Ingelheim

"Haderbücher" des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit aus dem Stadtarchiv Ingelheim. Foto: Nadine Gerhard/Stadtarchiv Ingelheim/dpa/Archivbild (Quelle: dpa)

Beleidigungen, Schlägereien, Streit um Äcker, Arbeit oder Geld: Das Zusammenleben im Dorf war vor 500 Jahren alles andere als konfliktfrei. Festgehalten haben den Zank Gerichtsprotokolle des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit aus Ingelheim am Rhein. Diese "Haderbücher", benannt nach dem alten Wort für Streit, können im Internet eingesehen werden.

"Das ist einzigartig in Deutschland", sagt der Historiker Stefan Grathoff, der an der Digitalisierung dieser bis ins Jahr 1387 zurückreichenden Quellen und ihrer Veröffentlichung im Internet mitgearbeitet hat. Solche Gerichtsbücher gebe es zwar in ganz Deutschland verteilt, aber nirgends in einer solchen Fülle wie für Ingelheim. "Die Protokollbücher gelten als die ältesten seriell erhaltenen gerichtlichen Textzeugnisse im deutschsprachigen Raum", erklärt das Stadtarchiv Ingelheim zu seinem besonderen Schatz.

Jahr für Jahr hielten die meist alle zwei Wochen tagenden Ortsgerichte in Ober-Ingelheim, Nieder-Ingelheim, Wackernheim und Groß-Winternheim ihre Verfahren schriftlich fest. So legte im August 1521 der Ober-Ingelheimer Henne Pfeffer einen "Klagezettel" gegen Hans Wagener vor. Darin führt Pfeffer aus, dass er "seinen Tag ehrlich, friedlich und ohne Streit zugebracht habe", dass Wagener ihn aber "auf öffentlicher Straße, im Beisein vieler frommer Bürger zu Ingelheim immer wieder als einen Lecker und einen Verräter mit schmähender Absicht beschimpft" habe. Der Kläger führte aus, dass ihn "diese zugefügte Schmach ans Herz und ans Gemüt gegriffen habe".

Der Beklagte holte sich wohl juristischen Rat und erwiderte, dass sich der Kläger zum Teil auf bürgerliches Recht, zum anderen Teil aber auf "peinliches Recht", also auf das Strafrecht beziehe. Beides dürfe aber nicht miteinander vermengt werden. Die Sache blieb dann ohne Urteil.

Häufig versuchten die Richter, Kläger und Beklagte zu einer gütlichen Einigung zu bewegen. "Denn der Mund sei ihnen gegeben worden, dass die Parteien sich einigen", hieß es zu einem Streit im Jahr 1481. Manchmal hat damals wie heute die Zeit der Justiz geholfen: "Die Sache zwischen Anna Ott und Agnes, der Magd von Henne Gotz, (...) ist verschoben worden, damit sie versuchen, sich gütlich zu vertragen", wurde 1521 vermerkt.

Die "Haderbücher" geben Aufschluss über die Entwicklung der Justiz und die Bedingungen des dörflichen Alltagslebens im 15. und 16. Jahrhundert. Auf Initiative von Werner Marzi (1933-2019) entstand 2010 am Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz das Projekt, diese besondere Quelle zu publizieren. Drei Bände wurden als Buch gedruckt, danach zogen die "Haderbücher" ins Internet um. Auf Basis des Content-Management-Systems Typo 3 entstand eine umfangreiche Plattform, auf der die "Haderbücher" gelesen und durchsucht werden können.

Mit der kürzlich abgeschlossenen Publikation des "Wackernheimer Haderbuchs 1472-1501" sei das finanziell von der Stadt Ingelheim und dem Unternehmen Boehringer Ingelheim getragene Projekt nun vorerst beendet, sagt Grathoff. Allerdings gebe es noch weitere Bücher, deren Publikation lohnenswert wäre.

"Das ist eine einzigartige Quelle zum Alltagsleben, zu den sozialen Strukturen im Dorf, zu Weinbau und Landwirtschaft", sagt der Historiker. Die Gerichtsprotokolle zitieren die Beteiligten in indirekter Rede, "so dass man dem damals gesprochenen Wort sehr nahe kommt". Damit seien die "Haderbücher" ein Schatz für Linguisten und Sprachforscher. Wenn die gleichen Bewohner häufiger auftauchen, entstehen kleine Biografien, die Menschen der damaligen Zeit werden greifbar in ihren Besonderheiten und Schwächen. Das Material wurde bereits für einige Forschungsarbeiten mit spezifischen Fragestellungen ausgewertet - aber noch nicht für eine umfassende Darstellung des Ingelheimer Alltags im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit genutzt.

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