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Covid-19-Simulation: Lockdown bis Ende Januar reicht nicht

Saarbrücken  

Covid-19-Simulation: Lockdown bis Ende Januar reicht nicht

16.01.2021, 08:36 Uhr | dpa

Covid-19-Simulation: Lockdown bis Ende Januar reicht nicht. Thorsten Lehr

Thorsten Lehr, Pharmazie-Professor steht vor einem Bildschirm mit einer Simulation der Corona-Entwicklung. Foto: Iris Maria Maurer/dpa (Quelle: dpa)

Der von Politikern verfolgte Zielwert bei Corona-Neuinfektionen für ein Lockdown-Ende wird nach Berechnungen des Saarbrücker Pharmazie-Professors Thorsten Lehr Ende Januar wohl nicht erreicht. "Die Chance ist extremst gering bis nicht vorhanden", sagte Lehr der Deutschen Presse-Agentur in Saarbrücken. Er ging davon aus, dass die angestrebte Rate von 50 bei Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner in sieben Tagen frühestens Mitte Februar möglich sei. "Und das wäre eine optimistische Vorhersage."

Der Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes hat mit seinem Forscherteam einen "Covid-Simulator" entwickelt, der das Infektionsgeschehen in Deutschland berechnet und Prognosen liefert: für ganz Deutschland, die einzelnen Bundesländer bis hin auf Landkreisebene. Er kann auch online genutzt werden: In den vergangenen zwei Monaten wurde die Seite fast eine Million Mal aufgerufen, wie der gebürtige Hanauer sagte.

Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz lag am Freitag bundesweit laut Robert Koch-Institut bei 146. "Momentan ist eigentlich kein Absinken in Sicht", sagte Lehr. "Es stagniert vielmehr." Wegen Nachmeldungen aufgrund der Weihnachtsfeiertage und des Jahreswechsels gebe es immer noch gewisse Unklarheiten bei den Zahlen. Festzustellen sei aber, dass die derzeitigen Maßnahmen "nicht so greifen".

Dies liege zum einen daran, dass es "eine gewisse Lockdown-Müdigkeit" gebe, sagte der Professor. Regeln würden maximal ausgereizt. "Das ist rechtlich in Ordnung, aber infektionstechnisch sollte die Frage sein: Muss ich das machen?" Zum anderen gebe es immer noch viele Kontakte und damit Möglichkeiten der Übertragung. Die Mobilität sei nicht so eingeschränkt, es gebe weniger Homeoffice als im ersten Lockdown (Frühjahr 2020) und Kitas seien teilweise gut besucht und "weit weg von einer klassischen Notbetreuung".

Dabei brauche es auch angesichts der neuen drohenden Virusvarianten, die durch Mutationen entstanden und hochansteckend sind, "dringend eine Reduktion des Infektionsgeschehens", sagte er. Die neuen Mutante zum Beispiel aus Großbritannien könnte den R-Wert sprunghaft um 0,5 nach oben schnellen lassen. "Dann würden viele Maßnahmen auf einen Schlag weggewischt. Und da zeigt sich dann: Je weiter wir unten sind, desto besser können wir die Ausbreitung bremsen."

Lehr betonte, dass im ersten Lockdown 2020 die Sieben-Tage-Inzidenz nie die Schwelle von 50 überschritten hatte. Von daher dürften Lockerungen ab einem Wert von 50 nicht stark sein, warnte er. "Denn die Gefahr, dass es dann wieder ansteigt, ist sehr groß." Falsch sei, gleich wieder "Normalität" zu suggerieren. Lehr sagte, er würde für eine niedrige Rate von 25 oder weniger eintreten, bevor es Lockerungen gebe. "Die Kontakte müssen nachverfolgt werden können."

Eine Rückkehr zum Schulalltag sieht Lehr kritisch. "In den Schulen finden Infektionen statt." Viele Kinder durchliefen die Krankheit asymptomatisch. "Wir sehen an unseren Daten, dass Schulschließungen einen großen Effekt haben." Das liege aber nicht nur daran, dass die Institution zumache, sondern auch weil der Weg dorthin in Bus, Bahn oder zu Fuß wegfalle. "Infektiologisch ist es nicht gut, die Schulen zu öffnen. Gesellschaftlich stellt sich natürlich eine andere Frage. Da ist es natürlich besser für Schüler, in die Schule zu gehen."

Der Covid-Simulator beruht auf einem mathematische Modell. Er wurde ab Mitte März 2020 entwickelt, erste umfängliche Berichte für die Öffentlichkeit folgten einen Monat später. "Unser Ziel war: Wir wollten das für die Bevölkerung zur Verfügung stellen, damit jeder ein bisschen Pandemie-Verständnis entwickeln kann", sagte der 43-Jährige. Das Angebot würde auch von Landesregierungen genutzt.

Das Programm erfasse nicht nur die Zahl der Patienten, ihre stationäre Behandlung und die Todesfälle, sondern auch vorhandene Kapazitäten in den Kliniken. So könnten bundesweit und für einzelne Stadt- und Landkreise Vorhersagen getroffen werden, wie viele Krankenhausbetten, intensivmedizinische Plätze oder Beatmungsplätze für die jeweiligen Infektionszahlen benötigt werden. Demnächst solle es auch eine Version für Spanien und für die USA geben, sagte Lehr.

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