Sie sind hier: Home > Regional >

Alkohol in der Schwangerschaft: Folgen werden unterschätzt

Cottbus  

Alkohol in der Schwangerschaft: Folgen werden unterschätzt

08.09.2021, 05:08 Uhr | dpa

Alkohol in der Schwangerschaft: Folgen werden unterschätzt. Schwangerschaft

Eine Frau hält ihren schwangeren Bauch. Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn/dpa/Archivbild (Quelle: dpa)

Alkoholkonsum in der Schwangerschaft - das Thema wird nach Meinung von Experten immer noch unterschätzt. Dem Gesundheitsministerium in Brandenburg zufolge gehen Fachleute davon aus, dass in Deutschland jährlich rund 10.000 Kinder geboren werden, die wegen Alkoholkonsums in der Schwangerschaft unter körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen leiden - sogenannten Fetalen Alkoholspektrum-Störungen (FASD). Etwa 2.200 davon sind an der schwersten Form erkrankt, dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS).

Dass die Folgen in der Schwangerschaft unterschätzt werden, liegt nach Einschätzung der Cottbuser Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Kristina Kölzsch, auch daran, dass FASD nicht immer gleich erkannt wird. An diesem Donnerstag (9.9) jährt sich der "Internationale Tag des alkoholgeschädigten Kindes".

Medizinerin Kölzsch arbeitet in einem Sozialpädiatrischen Zentrum, das dem Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus angegliedert ist. Dort hat sie über zehn Jahre eine Beratungsstelle aufgebaut, in der sie und ihr Team Kinder bis 18 Jahren betreuen, aber auch werdende Mütter. Dazu gehöre Diagnostik, ein individueller Behandlungsplan, aber auch Schulungen für Pflegeeltern, Kriseninterventionen und Fortbildungen werden angeboten. "FASD ist nicht auf den ersten Blick sichtbar, sondern man muss einfach dran denken", berichtet Kölzsch der dpa.

Nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder-und Jugendärzte ist bei Betroffenen mit FASD das Sozialverhalten beeinträchtigt, es gibt Probleme beim Lernen oder eine Intelligenzminderung. Häufig gelten sie zudem als aggressive, impulsive oder hyperaktive Störenfriede und werden so möglicherweise sogar Opfer von Mobbing. Andere sind viel zu freundlich, als dies für die jeweilige Situation angemessen wäre. Dann können sie dem Berufsverband zufolge möglicherweise sogar Opfer von Misshandlungen werden. Menschen mit FASD kann zudem der Aufbau und die Pflege von Beziehungen schwerfallen.

Bei der Diagnose gebe es vor allem in Bezug auf FASD eine hohe Dunkelziffer, berichtet die Professorin für Sozialpsychiatrie an der BTU, Annemarie Jost. Bei dieser Behinderung komme es beispielsweise nicht unbedingt zu Gesichtsfehlbildungen wie bei FAS. Die größte Dunkelziffer sei im Erwachsenenalter. Die Menschen würden oft als Borderline Persönlichkeitsstörung fehldiagnostiziert, so Jost. Sie plädiert für Aufklärung, etwa durch Warnhinweise auf Alkoholflaschen, Plakate, Sticker in Kneipentoiletten und Aufklärung beim Gynäkologen, in Schwangerschaftskursen und in Schulen.

Viele Kinder mit FAS oder FASD in Deutschland leben nach Angaben des Berufsverbandes in einer Adoptiv- oder Pflegefamilie. Diese seien häufig auf die Herausforderungen, die die Aufnahme eines solchen Kindes mit sich bringen kann, nicht vorbereitet. Die Cottbuser Ärztin hat mit zahlreichen Mitstreitern ein regionales Netzwerk gegründet, das seit drei Jahren auf Fachtagungen unter anderem Pflegefamilien und Jugendämter für das Thema sensibilisiert. "Seitdem nimmt die Anzahl der Ratsuchenden und der Betreuenden in unserer Spezialsprechstunde merklich zu", erzählt Kölzsch.

Auch Studierende aus dem Studiengang Soziale Arbeit an der BTU Senftenberg Cottbus würden mittlerweile mit einbezogen in die Aufklärungsarbeit. Sie seien mit dem Krankheitsbild vertraut gemacht worden und könnten ihr Wissen jetzt in ihren Arbeitsfeldern wie Schule, Kita oder Streetwork anwenden.

Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) wies zum Jahrestag noch einmal auf die erheblichen Gesundheitsrisiken hin, die mit Alkoholkonsum während der Schwangerschaft verbunden sind: "Jede werdende Mutter möchte, dass ihr Kind gesund und körperlich unbeeinträchtigt das Licht der Welt erblickt. Ich bitte daher alle Schwangeren: Verzichten Sie auf Alkohol - schützen Sie Ihr Kind!"

In Brandenburg beschäftigt sich ein Projekt der Landesstelle für Suchtfragen mit Aufklärungsarbeit und bietet Hilfe an. Es nennt sich "selbstbestimmt - Suchtprävention für vulnerable Zielgruppen im Land Brandenburg" und wird vom Gesundheitsministerium gefördert.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail


shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: