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Kiel: Tierschutzbeauftragter spricht über Tierversuche an Uni Kiel

Tierschutz und Tierversuche  

Warum die Universität Kiel (noch) mit Tieren forscht

12.06.2020, 09:13 Uhr
Kiel: Tierschutzbeauftragter spricht über Tierversuche an Uni Kiel . Ein Schwein in rotem Licht: An der Christian-Albrechts-Universität in Kiel leisteten 2018 knapp 19.000 Tiere ihren Dienst für die Wissenschaft.  (Quelle: Sven Raschke)

Ein Schwein in rotem Licht: An der Christian-Albrechts-Universität in Kiel leisteten 2018 knapp 19.000 Tiere ihren Dienst für die Wissenschaft. (Quelle: Sven Raschke)

Die Universität Kiel nutzt Tierversuche für die Forschung. Doch Versuche an Tieren sind umstritten – auch an der Uni. Für Professor Dr. Gerhard Schultheiß sind sie derzeit dennoch nicht wegzudenken.

Zehntausende Tiere werden jedes Jahr in Schleswig-Holstein für Tierversuche verwendet – mehr als 48.000 allein im Jahr 2018, so das Landesumweltministerium. An der Christian-Albrechts-Universität in Kiel leisteten 2018 knapp 19.000 Tiere ihren unfreiwilligen Beitrag für die Wissenschaft – darunter hauptsächlich Mäuse (9.000), Ratten (6.000) oder Fische (3.000). Vertreten sind aber auch Vögel, Rinder, Schweine, Frösche, Kaninchen und Robben.

Tierversuche sind in der Bevölkerung umstritten. An der Uni Kiel ist Professor Dr. Gerhard Schultheiß zusammen mit Kollegen als Tierschutzbeauftragter dafür zuständig, dass der Forscherdrang im angemessenen Verhältnis zum Tierwohl steht. Was dabei als angemessen gilt und ob Tierversuche für die Wissenschaft tatsächlich unverzichtbar sind, beantwortete Schultheiß im Gespräch mit t-online.

t-online.de: Herr Schultheiß, Forschungseinrichtungen stoßen mit ihren Tierversuchen teils auf massiven Widerstand aus der Bevölkerung. Machen Forscher an der Kieler Uni solche Erfahrungen?

Professor Dr. Gerhard Schultheiß: Nein. Wir gehen damit ja sehr offen um. Als beispielsweise im Februar Tierschützer bundesweit zu einer Mahnwache gegen Tierversuche aufgerufen hatten, waren 15 bis 20 Personen auch hier bei uns, und ich hatte mich mit ihnen unterhalten. Wir waren im Prinzip der gleichen Meinung, dass Tierversuche ein Problem darstellen. Der Unterschied war nur: Diese Personen wollen sie sofort abschaffen. Wir sagen, wir können sie nicht sofort abschaffen. Sie sind sozusagen ein notwendiges Übel. 

Ein Schwein in rotem Licht: An der Christian-Albrechts-Universität in Kiel leisteten 2018 knapp 19.000 Tiere ihren Dienst für die Wissenschaft.  (Quelle: Sven Raschke)Ein Schwein in rotem Licht: An der Christian-Albrechts-Universität in Kiel leisteten 2018 knapp 19.000 Tiere ihren Dienst für die Wissenschaft. (Quelle: Sven Raschke)

Was muss man sich unter Tierversuchen vorstellen?

Die sind sehr heterogen. Das geht los mit ganz harmlosen Dingen – wenn etwa Vögel einen Chip aufgeklebt bekommen, um den Vogelzug zu erforschen. Dann gibt es die schwerbelastende Tumorforschung, etwa den Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das wird in Kiel mit Mäusen gemacht. Da werden Tumorzellen in die Bauchspeicheldrüse der Maus injiziert, das Tumorwachstum ist sehr schmerzhaft. Was wir sehr oft haben: Wir töten Mäuse schmerzlos und untersuchen dann Verschiedenes an den toten Tieren.

Sind aus Ihrer Sicht als Tierschutzbeauftragter die Anforderungen an den Tierschutz an der Uni Kiel angemessen?

Sie sind in Ordnung. Der gesetzliche Tierschutz per se ist schon in Ordnung. Alle, die ans Tier müssen, müssen etwa vorher einen entsprechenden Kurs belegen. Vor 2013 war das noch nicht gesetzlich vorgeschrieben. Und das, was wir als interne Regelung haben, ist noch einmal eine Stufe höher. Die entscheidenden Fragen sind ja: Wie hoch ist der Nutzen? Und: Darf der Mensch Tiere überhaupt benutzen? Das geht ja schon bei den Haustieren los und weiter bei der Nahrungsmittelgewinnung. An der Uni nutzen wir das Tier als Repräsentanten für den Menschen zur Datengewinnung, zum Nutzen des Menschen – und auch der Tiere. Denn wenn ein Medikament am Tier wirkt, kann es später auch am Tier selbst zu seinem eigenen Nutzen eingesetzt werden.

Gibt es manchmal Konflikte zwischen Ihnen und den Forschenden bezüglich des Tierschutzes?

Man hat ja immer mal Diskussionen. Aber aufgrund der wirklich tollen Rückendeckung, die wir als Tierschutzbeauftragte von der Uni bekommen, und der Tatsache, dass wir weisungsfrei sind in unseren Aufgaben, können wir uns da überhaupt nicht beklagen. Im Gegenteil: Die allermeisten Forscher sind froh, dass sie uns haben. Denn wir beraten sie ja und vermeiden so, dass sie unnötige Versuche machen müssen. Es sind also fruchtbare Diskussionen, von denen die Forscher eher profitieren, als dass sie darunter leiden. 

Tierschützer und zum Teil auch Ärzte argumentieren, Tiere eigneten sich nicht für Experimente, weil sie dem Menschen zu unähnlich seien. Zudem gebe es Alternativen für Tierversuche.

Fragen Sie mal in der aktuellen Situation, ob sich ein Mensch zur Verfügung stellt, um eine Impfung für Corona an sich zu testen, ohne dass es vorher im Tier erprobt wurde. Oder nennen Sie mir eine alternative Methode ohne Tiere, die den Tierversuch vollumfänglich ersetzt. Alternativmethoden sind notwendig, aber sie ersetzen bisher nur einen Teil des Tierversuches. 

Lesen Sie hier, warum es keinen Corona-Impfstoff ohne Tierversuche geben wird.

Wo sind denn Tierversuche an der CAU unverzichtbar?

Überall dort, wo wir es mit komplexen Dingen zu tun haben, wo Interaktionen zwischen Organen oder Geweben stattfinden. Klassisches Beispiel: der Darm. Da haben wir die Darmbakterien, die mit der Darmschleimhaut, dem Nervensystem im Darm und dem Gehirn interagieren. Oder wenn wir uns Tumore ansehen. Die Forscher nutzen das Tier als Tumormodell. Denn Tumore funktionieren bei Ratten oder Mäusen qualitativ ähnlich wie bei Menschen. Bevor wir aber überhaupt ans Tier gehen, werden Medikamente erst im Reagenzglas getestet. Wenn es etwas bringt, geht man danach ans Tier. Und dann erst an den Menschen. Allein im Reagenzglas könnte man das nicht darstellen.

Können Studenten sich weigern, an Tieren zu experimentieren?

An lebenden Tieren wird in Kiel bei der Lehre gar nicht experimentiert. Wenn an toten Tieren untersucht wird, wird kein Student gezwungen, aktiv an der Untersuchung teilzunehmen. Er muss dann nur die Ergebnisse in der Gruppenarbeit festhalten. In der Medizin wird mittlerweile vieles, was früher am Tier vermittelt wurde, jetzt am Studenten selbst gezeigt. Also beim Reflexe überprüfen etwa, oder man macht EKGs oder Lunkenfunktionstests.

Gibt es denn auch Bereiche an der Kieler Uni, in denen ein Verzicht auf Tierversuche denkbar wäre?

Wo man verzichtet, ist etwa in der Lehre. Ich musste in meinem Studium der Tiermedizin noch Versuche am Frosch machen. Das wurde abgeschafft. Vor zwei Jahren gab es da ein entsprechendes Gerichtsurteil. In Kiel machen wir bei der Humanmedizin generell nichts mit Tieren. Bei der Veterinärmedizin sind Tierversuche noch unverzichtbar, zum Beispiel beim Üben von Injektionen, aber das gibt es hier in Kiel nicht.

Wo finden in Kiel noch Tierversuche statt?

Am Uniklinikum etwa. Und beim Geomar Helmholtz-Zentrum, für das wir auch zuständig sind. Dort liegt der Schwerpunkt eindeutig beim Fisch. Man erforscht dort vor allem die Auswirkung des Klimawandels auf die Tiere. Dazu kommt Grundlagenforschung.

Wie wird es weitergehen mit Tierversuchen an der Kieler Uni? Ist Rückgang ein Ziel?

Tendenziell wird es eher etwas mehr werden. Generell würde ich mir zwar wünschen, dass die Zahl zurückgeht, soweit das möglich ist. Aber auch wenn das nicht passieren wird – die Effizienz hat sich enorm erhöht.

Was meinen Sie damit?

Das heißt, dass der Erkenntnisgewinn pro untersuchtem Tier stark gestiegen ist. Ein Beispiel, und das ist auch eine Besonderheit hier in Kiel: Wir haben das MOIN CC (Molecular Imaging North Competence Center). Da gibt es ein MRT für Tiere. Damit kann man einen Tumor im Tier in seiner Entwicklung untersuchen, ohne es töten zu müssen. Früher brauchte es für jedes Untersuchungsstadium ein Tier. Heute müssen wir je nach Versuchsplan nur noch ein Viertel der Tiere einsetzen.

Ist Primatenforschung an der Kieler Uni langfristig denkbar?

Nein. Primaten würde man schwerpunktmäßig einsetzen, wenn es um Infektionsforschung und Neurowissenschaften geht. Und hier in Kiel gibt es keine Fragestellung, für die der Einsatz von Primaten notwendig ist. Man kann sich auch nicht einfach mal überlegen, sich ein paar Tiere zu holen, weil es ein immenser Aufwand wäre, die Tierschutzbedingungen einzuhalten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Professor Dr. Gerhard Schultheiß im März 2020

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