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Bambus-Fahrräder aus Kiel – mehr als nur Hype

Ungewöhnliches Projekt  

Kieler Start-up baut Bambus-Räder – und Schulen in Afrika

18.09.2020, 09:29 Uhr
Bambus-Fahrräder aus Kiel – mehr als nur Hype. Eine Frau auf einem "my Boo"-Bike: Der Name bedeutet übersetzt "mein Liebling". (Quelle: my Boo)

Eine Frau auf einem "my Boo"-Bike: Der Name bedeutet übersetzt "mein Liebling". (Quelle: my Boo)

Radfahren erlebt einen Boom. Das bekommt auch das Kieler Start-up "my Boo" zu spüren. Es produziert Räder aus Bambus – und will so auch Schulen in Afrika bauen. Wie klappt das?

Die Aufmerksamkeit anderer Verkehrsteilnehmer dürfte einem sicher sein, wenn man mit einem Fahrrad von "my Boo" unterwegs ist. Das liegt am außergewöhnliche Rahmen. Wie der Name des Kieler Start-ups andeutet, besteht der nämlich nicht aus Alu, Stahl oder Karbon, sondern aus Bambus. Warum das mehr als ein Gimmick für hippe Biker ist, sondern viel mit Nachhaltigkeit und auch Fairness zu tun hat, erfährt, wer die Bambusrad-Werkstatt im Wissenschaftspark in Ravensberg besucht.

City-, Trekking- Rennrad, Mountainbike – das Bambus-Fahrrad wird hier in allen gängigen Variationen zusammengeschraubt. Entweder wie im Katalog oder nach individuellem Kundenwunsch – und wahlweise auch in der Elekro-Variante. Soweit ist "my Boo" eine klassische Manufaktur.

Maximilian Schay in der Werkstatt: "Wir haben das nicht gemacht, um schnell reich zu werden", sagt der Mitgründer. (Quelle: imago images/Sven Raschke)Maximilian Schay in der Werkstatt: "Wir haben das nicht gemacht, um schnell reich zu werden", sagt der Mitgründer. (Quelle: Sven Raschke/imago images)

Wäre da nicht der Rahmen. Aber warum denn nun eigentlich Bambus? "Zum einen wächst der extrem schnell nach", erklärt Felix Habke. Er ist bei "my Boo" zuständig fürs Marketing. "Damit ist es ein nachhaltiger Rohstoff, der noch dazu CO2 bindet." Punkt eins also: der ökologische Vorteil.

Zweitens hat Bambus gleich mehrere Eigenschaften, die ihn für einen Fahrradrahmen geeignet machen. Laut Habke ist ein Rahmen aus Bambus ähnlich stabil wie ein Stahlmodell und dabei so leicht wie eines aus Aluminium. Nur Karbon wäre leichter, dafür aber weniger widerstandsfähig. Die extreme Belastbarkeit des Holzes wird deutlich, wenn man nach Asien blickt. Dort werden Baugerüste oft aus Bambus gefertigt.

Hoher Preis für Bambus-Bikes

Klingt also, als sei Bambus der ideale Baustoff für ein Fahrrad. Wäre da nicht der Preis. Der geht bei 1.800 Euro für ein City-Bike los und klettert bis auf 4.500 Euro für ein E-Bike der oberen Luxusklasse. Zwar überlegt "my Boo", irgendwann auch günstigere Modelle anzubieten. Für 500 Euro im Baumarkt wird man die Holzräder aber niemals finden.

Der hohe Preis erklärt sich zum Teil durch die hochwertigen Komponenten, die um den Rahmen verbaut werden. Der Hauptgrund steckt aber im Bambus: In jeden individuell gefertigten Rahmen fließen 80 Stunden Handarbeit. Und damit kommen wir zu Punkt drei, der den beiden Gründern der wichtigste ist: Die Fairness.

Maximilian Schay und Jonas Stolzke lernten sich vor bald zehn Jahren beim Studium in Kiel kennen. 19 und 20 Jahre alt, waren sie auf der Suche nach einer Geschäftsidee. "2012 schickte uns ein Freund ein Foto von seinem Besuch in Ghana", erinnert sich Maximilian Schay. "Da war ein Rad zu sehen, das jemand aus Bambus selbst zusammengebaut hatte." Damals hatten die beiden noch keine Ahnung von Rädern, Bambus oder Afrika. "Aber die Idee fanden wir mega spannend!", so Schay.

Ein Bambus-Rad mit seinem Fahrer: Das Material hat laut dem Hersteller mehrere Vorteile. (Quelle: Ein Bambus-Rad mit seinem Fahrer: Das Material hat laut dem Hersteller mehrere Vorteile. (Quelle: "my Boo")

Sie reisten nach Ghana und fanden ein kleines soziales Projekt, das mit Bambusprodukten und auch schon ersten rudimentären Bambusrädern experimentierte und damit die Jugendarbeitslosigkeit im Land bekämpfen wollte. Darauf bauten die beiden Gründer aus Kiel ihr Geschäft auf. Die Idee: My Boo kauft dem "Yonso Projekt" getauften Produzenten die mit deutscher Expertise weiterentwickelten Bambus-Rahmen ab – und zwar zu einem Preis, der es dem Hersteller ermöglicht, seine Arbeiter fair zu bezahlen. Den Gewinn steckt das Yonso Projekt in weitere soziale Programme.

1.000 Räder jährlich verkauft

Aus drei Mitarbeitern in einem kleinen Raum in Zentralghana ist so mittlerweile eine Werkstatt mit mehr als 40 Mitarbeitern geworden, plus einer Schule mit aktuell 250 Kindern, die im vergangenen Herbst eröffnet wurde.

So wie das "Yonso Projekt" in Ghana ist auch das Kieler Start-up gewachsen. Vom 300-Quadratmeter-Geschäft in der Holtenauer Straße sind die Gründer inzwischen umgezogen in besagte, mehr als dreimal so große Fabrikhalle im Wissenschaftspark. Auch hier werkeln rund 40 Mitarbeiter an Montage und Verkauf von mittlerweile jährlich knapp 1.000 Rädern, die sie an Händler in ganz Europa verkaufen.

Die Kunden sind laut my Boo in der Regel 45 und aufwärts. "Vom Bademeister bis zum Vorstandschef war schon alles dabei", meint Marketing-Chef Felix Habke. In der Regel seien es aber doch eher die Wohlhabenderen. "Manche finden Bambus total geil, andere haben den Afrikabezug oder wollen ein fair hergestelltes Produkt haben. Oder einfach einfach ein hochwertiges Rad."

Wie überall auf dem Fahrradmarkt macht sich auch bei den Bambus-Bastlern die aktuell boomende Nachfrage bemerkbar. Habke: "Normalerweise haben wir eine Lieferzeit von drei bis vier Wochen. Aktuell dauert es etwa doppelt so lange."

Kleine Gewinnmargen

Bereits vor dem Corona-bedingten allgemeinen Zweirad-Boom lief das Geschäft laut Habke  profitabel – wenngleich die Gewinnmargen wegen der aufwendigen Herstellung und der sozialen Komponente deutlich kleiner ausfallen als bei gewöhnlichen Rädern. "Wir haben das nicht gemacht, um schnell reich zu werden", sagt Mitgründer Maximilian Schay. Klar sei ihm wichtig, dass das Geschäftsmodell funktioniert. Mindestens ebenso viel zähle aber das soziale Projekt in Ghana. Ökologisch, hochwertig und fair. Schay: "My Boo ist ein extrem wichtiger Teil meines Lebens."

Und der soll weiter wachsen. Besonders das E-Bike-Sortiment wollen die Kieler weiter ausbauen.  "Wir müssen nicht Innovationsführer sein", so Habke, "aber trotzdem immer technisch up to date." Genauso wie die Schule in Ghana. Dort soll jetzt die Ausstattung modernisiert werden, eine größere Bibliothek entstehen und moderne Computer angeschafft werden. Bereits in einigen Jahren sollen dort bis zu 1.000 Kinder unterrichtet werden – alles dank eines Reisefotos aus Ghana.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche

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