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Corona in Kiel: "Digitalisierung an Schulen ist eine Haltungsfrage"

Stadt verschenkt iPads  

Schule von zu Hause – nicht nur ein technisches Problem

09.11.2020, 18:03 Uhr
Corona in Kiel: "Digitalisierung an Schulen ist eine Haltungsfrage". Ein Junge lernt am iPad: Nicht alle Schüler sind mit Geräten für Homeschooling ausgestattet. (Quelle: imago images/Westend61/Symbolbild)

Ein Junge lernt am iPad: Nicht alle Schüler sind mit Geräten für Homeschooling ausgestattet. (Quelle: Westend61/Symbolbild/imago images)

Damit Kieler Schülerinnen und Schüler auch von zu Hause aus lernen können, hat die Stadt iPad-Geräte verteilt. Doch wie gut sind die Schulen für digitalen Unterricht gerüstet? 

Selbst durch die Masken ist die gute Stimmung vor der Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule in Kiel-Wellingdorf spürbar. Anlass ist das Eintreffen von 200 brandneuen iPads. Schulleiter Carsten Haack packt selbst mit an, um die Kartons mit den Geräten ins Gebäude zu schaffen.

Insgesamt 2.600 iPads und Laptops wurden in der vergangenen Woche an die 53 allgemeinbildenden Schulen in Kiel verteilt. Weitere 100 Geräte sollen in den nächsten Wochen folgen. Auf diesem Weg möchte die Stadt dafür sorgen, dass der Unterricht im Falle von erneuten Schulschließungen von zu Hause aus weiterlaufen kann. Doch auf dem Weg zum funktionierenden Digitalunterricht sind für die Kieler Schulen noch einige Hürden zu nehmen.

Das Geld für die neue Technik, rund 1,6 Millionen Euro, kommt aus dem "Sofortausstattungsprogramm", das das Land im Zuge der Corona-Pandemie zusätzlich zum Digitalpakt vom vergangenen Jahr aufgelegt hatte. Gut 1.000 Geräte gingen jeweils an Grund- und Gemeinschafsschulen, knapp 400 an Gymnasien, 150 an Förderzentren.

"Uns ist wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler ein digitales Endgerät zur Verfügung haben und im Hybridunterricht oder Homeschooling nicht abgehängt werden", ließ Kiels Bürgermeisterin Renate Treutel verlauten. Aber reicht das?

Schulleiter Carsten Haack: Er freut sich über neue Geräte für seine Schülerinnen und Schüler. (Quelle: Sven Raschke)Schulleiter Carsten Haack: Er freut sich über neue Geräte für seine Schülerinnen und Schüler. (Quelle: Sven Raschke)

"Der Bedarf ist noch nicht gedeckt", sagt Schulleiter Haack. Die wenigsten seiner 654 Schülerinnen und Schüler hätten ein eigenes Gerät zu Hause. "Die allermeisten haben nur ein Handy." Nötig wären also noch einmal doppelt so viele Geräte.

Ähnlich sieht es bei den meisten anderen Schulen in Kiel aus. Nach Angaben der Stadt decken die neuen Geräte 51 Prozent des Bedarfs. Für eine Vollausstattung wären weitere 1,5 Millionen Euro notwendig.

Die Landesregierung versprach zu diesem Zweck bereits weitere 14 Millionen Euro für Schleswig-Holstein. "Wie viel davon Kiel bekommt, wissen wir noch nicht", sagt Iris Hinz. Die Leiterin des Amts für Schulen in Kiel ist bei der iPad-Übergabe an die Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule dabei. "Wie viel und wann das Geld kommt, warten wir jetzt sehr gespannt ab."

Die bisher 2.600 Geräte wurden dorthin verteilt, wo sie am dringendsten gebraucht werden. "In Mettenhof zum Beispiel ist der Bedarf an den Schulen besonders hoch", so Hinz.

iPads für die Lehrer und Smart-TVs für die Klassen

Wie die einzelnen Schulen die iPads und Laptops verteilen, bleibt ihnen überlassen. Allgemein gilt, dass die Technik zunächst für den normalen Unterricht gedacht ist. Sollte es zu Schulschließungen aufgrund der Pandemie kommen, sollen die Geräte bevorzugt an die Schüler gehen, die zu Hause keinen PC, Laptop oder ein Tablet haben.

So wolle man es auch an der Theodor-Storm-Schule machen, bestätigt Schulleiter Haack. "Wir machen die 200 Geräte erst mal allen Schülern zugänglich. Erst wenn es zur Quarantäne kommen sollte, geben wir sie an die Schüler raus." Ganz ähnlich kündigte es bereits die Gemeinschaftsschule Hassee an. Auch viele andere Kieler Schulen würden laut Hinz auf diese Weise vorgehen.

Die schöne neue Technik nützt aber nur dann etwas, wenn Schüler und Lehrer auch damit umzugehen wissen. Die Fördermittel, so Schulamtsleiterin Hinz, seien in erster Linie für die rein technische Ausstattung, nicht aber für eine entsprechende Schulung gedacht. "Natürlich gehen wir davon aus, dass das von den Schulen gemacht wird", so Hinz.

An der Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule zumindest ist man damit bereits gut fortgeschritten. Schulleiter Haack: "Wir haben ein Jahr Vorsprung, weil wir als Perspektivschule schon im November 2019 alle Kollegen mit iPads ausgestattet und mit dem Umgang geschult hatten." Für das Perspektivschulprogramm wurden landesweit 20 Schulen ausgewählt, die mit iPads für die Lehrer und Smart-TVs für die Klassenräume ausgestattet wurden.

"Digitalisierung ist eine Haltungsfrage"

Mit verantwortlich für die digitale Weiterbildung der Kollegen an der Theodor-Storm-Schule ist seitdem Nick Hüper. Er ist Lehrer für Mathematik, Wirtschaft/Politik und Informatik und sozusagen Experte für die neuen Geräte. "Ich bin hier zum Zeitpunkt der Digitalisierung an die Schule gekommen und war positiv erstaunt, wie gut das geklappt hat", sagt Hüper. "Auch die älteren Kollegen sind unglaublich offen, weil sie merken, dass es ihnen neue Möglichkeiten eröffnet."

Mit der Unterstützung durch die Stadt ist er sehr zufrieden. "Wenn ich dort anrufe, wird mir sofort geholfen. Dort ist man hoch bemüht, uns nach Kräften zu unterstützen." Für Wartung und Support aller 2.700 Geräte wurden von der Stadt achteinhalb Stellen geschaffen. Die Kosten dafür sowie für künftig anfallenden Ersatz werden nicht vom Land übernommen.

"Die Schulung ist ein ganz intensiver Prozess gewesen", sagt Schulleiter Haack. "Jetzt haben wir hier keine Lehrkraft mehr, die es nicht begriffen hat."

Schüler vor der Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule: Eine Lieferung neuer iPads erreichte die Schule. (Quelle: Sven Raschke)Schüler vor der Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule: Eine Lieferung neuer iPads erreichte die Schule. (Quelle: Sven Raschke)

Das Perspektivschulprogramm kam für die Theodor-Storm-Schule zufällig gerade rechtzeitig für die Schulschließung zu Beginn des Jahres. Damals habe man bereits sehr gute Erfahrungen mit dem digitalen Unterricht gemacht, so der Schulleiter. So viel Glück hatten freilich die wenigsten Schulen in Kiel.

"Es gibt da merklich ein riesen Gefälle", sagt Schulamtsleiterin Hinz. "Manche Schulen sind seit Jahren durchdigitalisiert. Das ist vor allem eine Haltungsfrage. Man merkt schon, dass sich einige Schulleitungen massiv engagiert haben." Hinz nennt als weitere positive Beispiele die Grundschule Russee, die Schule am Heidenberger Teich und die Goethe-Gemeinschaftsschule in Ravensberg. Schwarze Schafe möchte sie nicht bloßstellen. "Allerdings", so Hinz, "ist durch die Corona-Situation in die Köpfe der allermeisten viel Bewegung gekommen."

Nachdem die Lehrer an der Theodor-Storm-Schule bereits digital-fit gemacht sind, sollen nun die Schüler folgen. Dafür sind entsprechende Unterrichtsstunden eingeplant. Im Fall einer Schulschließung würde der Unterricht über das digitale Schulnetzwerk IServ stattfinden. "Das gibt es hier bei uns schon seit acht Jahren", sagt Haack. Bereits während des ersten Lockdowns habe man damit den Unterricht fortsetzen können.

Das System ist nach Angaben der Stadt schon seit längerem bei etwa 90 Prozent der Kieler Schulen vorhanden. Aber erst mit dem ersten Lockdown hätten es die meisten so richtig schätzen gelernt, so Hinz. "Die Rückmeldung von den Schulen war: Das hat uns gerettet."

Ganz so positiv würden viele Eltern und Schüler ihre Erfahrungen aus dieser Zeit wohl nicht formulieren. Samy geht in die 7. Klasse des Hebbel-Gymnasiums in Kiel-Wik. "Am Anfang war es ein bisschen chaotisch, viele Lehrer waren wohl noch überfordert", erinnert sich seine Mutter Rola Yamak. Unterricht über Videokonferenzen habe es nur selten gegeben und sehr abhängig vom jeweiligen Lehrer.

Blick in die Kieler Innenstadt (Symbolfoto): In Kiel gelten strenge Regeln zur Eindämmung des Coronavirus. (Quelle: imago images/penofoto)Blick in die Kieler Innenstadt (Symbolfoto): In Kiel gelten strenge Regeln zur Eindämmung des Coronavirus. (Quelle: penofoto/imago images)

Stattdessen viele Hausaufgaben. Fragen konnten per Text über IServ gestellt werden. "IServ hat bei uns mega gut funktioniert", sagt Samy. "Aber viele Schüler hatten gar keinen Computer, um die Hausaufgaben zu machen." Er selbst und seine Schwester konnten sich an Laptop und PC abwechseln. "Und das WLAN an der Schule ist ganz schrecklich. Heute hat es deshalb eine ganze Schulstunde gedauert, bis die Lehrerin sich in IServ einloggen konnte." Er und seine Mutter schätzen die Hebbelschule als eine der besten in Kiel ein. Trotzdem sagt Samy: "Es war so anstrengend wie zweimal normale Schule."

Präsenzunterricht ist kaum kopierbar

Auf die Frage, ob er die Theodor-Storm-Gemeinschaftsschule für den Betrieb aus dem Homeoffice gerüstet sieht, antwortet Schulleiter Haack: "Davon würde ich nicht sprechen. Aber wir stehen zumindest besser da als zu Beginn des Jahres." Komplett sei der Präsenzunterricht ohnehin nicht zu kompensieren. Haack: "Der menschliche Kontakt und der soziale Umgang lassen sich digital nicht ersetzen."

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Carsten Haack, Iris Hinz und Nick Hüper

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