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Kiel: Statistik zeigt steigende Jugendkriminalität

INTERVIEW"Die Statistik täuscht"  

Jugendkriminalität in Kiel steigt – scheinbar

18.11.2020, 09:52 Uhr
Kiel: Statistik zeigt steigende Jugendkriminalität. Marion Muerköster, Leiterin des Jugendamtes Kiel: Sie sieht der Entwicklung positiv entgegen. (Quelle: Sven Raschke)

Marion Muerköster, Leiterin des Jugendamtes Kiel: Sie sieht der Entwicklung positiv entgegen. (Quelle: Sven Raschke)

Die durch Jugendliche begangenen Straftaten nehmen in Kiel seit einigen Jahren zu – wenn man die nackten Zahlen ansieht. Doch die Leiterin des Kieler Jugendamtes, Marion Muerköster, sieht die tatsächliche Entwicklung positiv. Und erklärt, warum es 2020 einen Rückgang geben könnte. 

Die Statistik zeigt: Die Jugendkriminalität in Kiel ist im vergangenen Jahr gestiegen. 783 Jugendliche haben 2019 insgesamt 1.788 Straftaten begangen. Das entspricht 4,8 Prozent aller Jugendlichen und damit einem Prozentpunkt mehr als 2018. Ein Trend, der seit 2017 erkennbar ist. Doch die Zahlen täuschen. Das zumindest sagt Marion Muerköster, Leiterin des Jugendamts Kiel. Im Gespräch mit t-online erklärt sie auch, warum es 2020 möglicherweise sogar einen Rückgang bei der Straffälligkeit unter Jugendlichen geben könnte.

t-online: Frau Muerköster, wie erklären Sie sich den Anstieg bei den straffälligen Jugendlichen?

Marion Muerköster: Wir hatten in den letzten Jahren eine Software-Umstellung. Dadurch konnten während dieses Zeitraums bestimmte Straftaten nicht so genau erfasst werden. Seit wir die neue Software haben, ist das Zahlenwerk so präzise wie noch nie. Deshalb wurden mehr der tatsächlich stattfindenden Straftaten erfasst und das erklärt den statistischen Anstieg seit 2017. Die Statistik täuscht also.

Es gab also in den letzten Jahren gar keine wirkliche Zunahme der Straftaten bei Jugendlichen?

Das vermute ich. Im nächsten Jahr haben wir wieder gute Vergleichswerte. Wenn die Zahlen dann hochgehen würden, wäre ich tatsächlich beunruhigt. Aber damit rechne ich nicht. Mit Blick auf die langzeitige Entwicklung, also auch mit dem Blick zurück, sind wir gar nicht beunruhigt. Der leichte Anstieg entsteht außerdem hauptsächlich durch Bagatelldelikte, wie etwa Schwarzfahren oder Internetkriminalität.

Internetkriminalität klingt nicht nach Bagatelldelikt.

Damit meine ich hauptsächlich Bestellungen, die nicht bezahlt werden. Schwere Straftaten – etwa schwere Körperverletzung oder Todesfälle – hatten wir bei den jugendlichen und heranwachsenden Straftätern und Straftäterinnen 2019 tatsächlich überhaupt nicht.

Die Zahl der Körperverletzungen ist leicht gestiegen.

Ein Anstieg klingt immer so dramatisch. Dafür ist die Zahl beim Handel mit Betäubungsmitteln etwas zurückgegangen. Aber das sind in beiden Fällen so minimale Ausschläge, dass wir daraus keine grundsätzlichen Tendenzen ableiten können. Allerdings ist die Anzahl der Mehrfachtäter deutlich zurückgegangen. Mehr als die Hälfte der jugendlichen Straftäter und Straftäterinnen haben nur eine Straftat begangen. Und das freut uns sehr, weil hier die Hauptproblematik liegt. Mehrfachtaten sind immer ein Anzeichen für Verfestigung.

Ein sehr deutlicher Anstieg der Jugendkriminalität lässt sich beim Stadtteil Gaarden erkennen. Hier ist der Wert traditionell der höchste der ganzen Stadt. 2019 gab es ein Plus von 2,6 Prozentpunkten auf 9,3 Prozent. Das lässt sich wohl kaum vollständig durch die Software-Umstellung erklären. Woran liegt es?

In Gaarden ist die Armutsquote höher. Das geht immer auch mit ein bisschen mehr Jugendkriminalität einher. Außerdem ist die Wohnraumdichte dort höher. Es wohnen mehr Menschen auf engem Raum zusammen. Der Ton ist rauer. Viele gehen nicht zur Arbeit beziehungsweise zur Ausbildung, haben möglicherweise wenig zu tun. Dadurch entstehen auch mehr Konflikte.

Gibt es einen Zusammenhang mit dem höheren Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund?

Die Kriminalitätsstatistik erfasst dazu keine Daten. Deshalb können wir dazu nichts sagen. Nach meiner Erfahrung ist es aber überhaupt nicht so. In den Heimgruppen gehen die jungen Leute mit Migrationshintergrund sehr gut miteinander um.

Könnte die Corona-Krise sich auch auf die Jugendkriminalität auswirken?

Wir haben bisher keine Anstiege an Meldungen. Mehr kann ich noch nicht sagen.

Haben Sie Vermutungen?

Der Eindruck, den wir zusammen mit den Sozialzentrumsleitungen haben, ist, dass die Jugendlichen versuchen, sich regelkonform zu verhalten, bezogen auf Corona. Deshalb halten sie sich mehr in ihren eigenen Cliquen auf und dadurch ist es vielleicht eher ein bisschen entspannter. Aber darauf festnageln lassen würde ich mich nicht. Da müssen wir die Zahlen abwarten.

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Marion Muerköster

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