Sie sind hier: Home > Regional > Köln >

"The Good Food" in Köln-Ehrenfeld: Hier werden Lebensmittel gerettet

Nachhaltigkeit  

Zu gut für die Tonne: Kölner Laden trotzt der Verschwendung

Von Klaas Tigchelaar

04.03.2021, 09:31 Uhr
"The Good Food" in Köln-Ehrenfeld: Hier werden Lebensmittel gerettet. Nicole Klaski mit einem Gemüsekorb: Sie ist die Gründerin von "The Good Food". (Quelle: Klaas Tigchelaar)

Nicole Klaski mit einem Gemüsekorb: Sie ist die Gründerin von "The Good Food". (Quelle: Klaas Tigchelaar)

"The Good Food" in Ehrenfeld ist kein gewöhnlicher Supermarkt: Hier werden den Kunden Lebensmittel zum Verkauf angeboten, die woanders aussortiert wurden. Das Geschäftsmodell funktioniert gut – meistens jedenfalls. Ein Ortsbesuch.

Ist das noch gut, oder kann das weg? Viele Lebensmittel landen immer noch in der Tonne, nicht nur in Privathaushalten. Dass es auch anders geht, beweist der Laden "The Good Food" in Ehrenfeld, der Obst, Gemüse und viele weitere Lebensmittel verkauft, die im regulären Handel aussortiert werden. Feste Preise gibt es nicht, jeder darf bezahlen, was ihm die Ware wert ist.

Kurz vor dem vereinbarten Termin mit Nicole Klaski, der Gründerin von "The Good Food", klingelt das Telefon. Ob ich nicht Lust hätte, anstatt zum Laden auf der Venloer Straße 414 lieber zur kleinen Lagerhalle ein paar Straßen weiter zu kommen, es käme gleich eine neue Warenladung mit dem Lkw, verspricht die Chefin.

Warenanlieferung: Mitarbeiter heben Kartons auf den Hubwagen. (Quelle: Klaas Tigchelaar)Warenanlieferung: Mitarbeiter heben Kartons auf den Hubwagen. (Quelle: Klaas Tigchelaar)

Vor Ort ist schon ein Mitarbeiter dabei, einige Pakete und Kartons mit einem Hubwagen zu verschieben, um Platz für drei neue Paletten voller Waren zu machen: Tomatensauce, veganer Brotaufstrich, Energy-Riegel, Kokoschips, Nacho-Käsesauce, Nudeln, Tonic Water, Vollkornkekse und verschiedene Craftbiere stapeln sich hier. Alles Lebensmittel, die entweder kürzlich ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, oder schlicht als Überproduktion von Herstellern, Supermärkten oder Großhändlern unentgeltlich an "The Good Food" abgegeben werden.  

Klaski kommt auf dem Hollandrad in den Hinterhof gefahren und winkt fröhlich, während ich mich noch über die unfassbare Menge an Lebensmitteln wundere, die sich in dem gar nicht so kleinen Lagerraum stapeln und sonst einfach vernichtet worden wären.

Brötchen und Brot hinter einer Scheibe: Was der Kunde für eine Semmel zahlen will, bestimmt er selbst. (Quelle: Klaas Tigchelaar)Brötchen und Brot hinter einer Scheibe: Was der Kunde für eine Semmel zahlen will, bestimmt er selbst. (Quelle: Klaas Tigchelaar)

"Sehr viele Produkte sind auch lange nach dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar", erklärt Klaski, während der LKW ausgeladen wird. "Im Gegensatz zu Fleisch oder Fischprodukten mit einem Verbrauchsdatum, daran sollte man sich halten und diese Waren verkaufen wir deshalb auch nicht."

Die Industrie sensibilisieren

Das Retten von Lebensmitteln ist bei der stets gut gelaunten Chefin längst mehr als eine bloße Passion. Nach ihrem Jurastudium in Köln und dem Master of Human Rights-Studiengang im australischen Perth war es die Arbeit für eine NGO in Kathmandu, Nepal, die sie für die Lebensmittelverschwendung in der westlichen Welt sensibilisiert hat. Und obwohl Klaski weiß, dass sie mit ihrem Laden unfreiwillig Teil des Problems ist, hofft sie, dass die Lebensmittelindustrie langfristig zu mehr Nachhaltigkeit und weniger Verschwendung animiert werden kann.

Denn es bleibt ein Missstand, den sie lieber beseitigen würde als weithin zu unterstützen. "Wir müssen auch immer aufpassen, dass wir nicht für Greenwashing missbraucht werden", wenn Firmen sich beispielsweise mit Spenden oder PR-Maßnahmen ein umweltbewussteres Image verpassen möchten.

Kleine Anfänge, großer Erfolg

Was nicht im Lager Platz findet, landet im Kartoffelkeller des kleinen Krämerladens auf der Venloer, den Klaski im Februar 2017 mit einer Freundin eröffnet hat. Begonnen hat alles einst mit Obst und Gemüse vom Biolandbetrieb Lammertzhof in Kaarst, welches als sogenannte "Nachernte" einfach auf den Feldern liegen blieb, oder wegen Form oder Farbe nicht den Ansprüchen des Lebensmittelhandels genügte.

Dies wurde damals kurzerhand mit dem Auto der Tante einmal wöchentlich zu einem Mini-Marktstand vor dem Weltempfänger Hostel in Köln transportiert und fand dort schnell begeisterte Stammabnehmer.

Blick in Regale mit Waren: Der Laden in Köln bietet aussortierte Lebensmittel an. (Quelle: Klaas Tigchelaar)Blick in Regale mit Waren: Der Laden in Köln bietet aussortierte Lebensmittel an. (Quelle: Klaas Tigchelaar)

Vier Jahre später ist das Sortiment sehr breit gefächert. Neben Obst, Gemüse oder Brot vom Vortag gibt es zum Beispiel auch italienische Teigwaren, nachhaltige Teesorten oder Pale Ale-Biere aus Island. "Gerade durch Corona haben wir viele Waren bekommen, die eigentlich für die Gastronomie bestimmt waren, aber durch den Lockdown dort nicht verarbeitet werden konnten", erklärt die Lebensmittelretterin.

Bezahlt wird, was es dem Kunden wert ist, zur Orientierung hängen die Originalpreise aber unter den Waren aus. "Meist funktioniert das gut, aber es gibt auch Leute, die eine riesige Ikea-Tasche bis oben hin voll machen und dann nur 20 Cent am Tresen lassen", ärgert sich die Chefin. Solche Fälle sorgten für Frust bei den Mitarbeitern, sodass derart unverhältnismäßige Spenden gegenüber den Kunden mittlerweile offen angesprochen werden. Meist kann man sich gütig einigen, "aber ein paar Unverbesserliche gibt es immer".

Neben rund 100 freiwilligen Mitarbeitern, die bei "The Good Food" inzwischen gerne mithelfen, sind auch vier feste Stellen entstanden. Klaski muss seit einiger Zeit nicht mehr nebenbei Jobben, um ihre Vision von nachhaltiger Lebensmittelverteilung am Leben zu erhalten. Von Beginn an war klar, dass sie mit diesem Wunsch nicht alleine dasteht: "Wir haben nie Stellenanzeigen geschaltet, die Leute sind zu uns gekommen und wollten mitmachen, weil sie die Idee gut fanden."

Waren müssen organisiert und geliefert werden

Die Logistik der Warenbeschaffung ist anspruchsvoll, weil sich das Angebot ständig ändert. Neben den Bauerntouren, auf denen Mitarbeiter die Nachernten einsammeln und abtransportieren, holt ein anderes Team jeden Freitag auf dem Kölner Großmarkt nicht abverkaufte Ware ab. Weitere Lebensmittelretter koordinieren telefonisch die angebotenen Paletten mit Waren, wofür auch schon mal ein Transporter oder kleiner Lkw angemietet werden muss. "Wir haben ein gutes Netzwerk und viele Partner, die uns unterstützen, sodass wir finanziell unabhängig bleiben können", berichtet die Chefin und zeigt im Lager noch das spezielle E-Transportfahrrad, auf dem eine ganze Europalette transportiert werden kann: "Das ist tatsächlich die erste Investition, die wir nicht gebraucht erworben haben!"

Expansion stets mit Bedacht

Mit dem Büdchen "Casablanca" auf der Sülzburgstraße und dem "Iglu" von Kiss The Inuit am Sudermanplatz gibt es seit 2020 zwei weitere Verkaufsstellen, die Waren von "The Good Food" anbieten. "Aber wir wollen nicht immer weiter wachsen, sondern eher darauf bauen, dass wir die Dinge, die wir jetzt tun noch besser machen", erklärt Klaski.

Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft werden jedes Jahr zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel "entlang der Lebensmittelversorgungskette als Abfall entsorgt". Da das Containern (die Mitnahme von Lebensmitteln aus den Abfallcontainern der Geschäfte) strafbar ist, bleibt zur Rettung der Lebensmittel nur der Weg des organisierten Verkaufs. Und es gibt weitere Mitstreiter in anderen Städten, wie die "Fairteilbar" in Münster oder "Fairly Fair" in Erfurt, mit denen "The Good Food" auch Waren tauscht oder teilt.

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Nicole Klaski
  • Eigene Recherche
  • Internetseite des BMEL
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Alba Modatchibo.deOTTODeichmannbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal