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Psychische Erkrankungen: Mehr Prävention gefordert

Mainz  

Psychische Erkrankungen: Mehr Prävention gefordert

18.09.2019, 05:54 Uhr | dpa

Psychische Erkrankungen: Mehr Prävention gefordert. Illustration zu psychischer Gesundheit

Passanten stehen neben einem Baum. Foto: Julian Stratenschulte/Archivbild (Quelle: dpa)

Angesichts vieler psychischer Erkrankungen in Rheinland-Pfalz sind nach Ansicht der Psychotherapeutenkammer und der Grünen-Fraktion mehr Behandlungsangebote und Prävention notwendig. "In der Prävention könnten wir viel weiter sein, da stagniert es", sagte Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer, der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. Es dürfe nicht nur darum gehen, Menschen resilienter, also widerstandsfähiger, zu machen. "Da geht der Trend hin; aber häufig ist es auch wichtig, belastende Umstände zu ändern, zum Beispiel unzumutbare Arbeitsbedingungen."

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Katharina Binz, sagte, es gebe viele einzelne Präventionsprojekte, aber kaum flächendeckende und dauerhafte. Die Grünen-Fraktion bringt das Thema psychische Gesundheit am Donnerstag in den Mainzer Landtag ein.

Nach einer Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Große Anfrage der Grünen-Fraktion dazu wurde 2018 bei mehr als 1,3 Millionen Rheinland-Pfälzern eine psychische Störung oder Erkrankung diagnostiziert - also bei fast einem Drittel der Bevölkerung. Die häufigsten Leiden waren den in der Antwort verwendeten Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zufolge depressive Episoden (16 Prozent), auf Platz zwei kamen somatoforme Störungen (12 Prozent) - das sind körperliche Beschwerden, bei denen psychische Faktoren eine besonders große Rolle spielen.

Der Landesvertretungsleiter der Techniker Krankenkasse (TK), Jörn Simon, sagte, in den 1,3 Millionen seien verschiedenste psychische und neurologische Krankheitsbilder in sehr unterschiedlichen Schweregraden eingeschlossen, wie die Diagnosen Demenzerkrankung, motorische und sprachliche Entwicklungsstörung bei Kindern sowie Depression oder Schizophrenie. Letztlich sei für Patienten wichtig, dass sie die bestmögliche und erforderliche Versorgung erhielten.

Auch Maur betonte, dass die Zahlen stets eingeordnet werden müssten. "Die Diagnosen nehmen zu, aber die Leute sind nicht kranker." Es gebe heutzutage mehr Behandler, ergo auch mehr Diagnosen - und die seien auch besser und präziser als früher, es gebe heute mehr psychische Krankheitsbilder. Außerdem würden sich die Menschen heutzutage eher Hilfe suchen bei psychischen Problemen. Auch Maur verwies darauf, dass bei Kindern motorische und sprachliche Entwicklungsstörungen im Kapitel der psychischen Erkrankungen geführt würden, obwohl sie das im engeren Sinne nicht seien. Auch das treibe die Diagnosezahlen in die Höhe.

Es müsse bedacht werden, dass es sich bei einer Reihe von Diagnosen um leichte Anpassungsstörungen und Reaktionen auf Belastungen handele, sagte Maur. Dazu könne gehören, dass jemand nach einer Trennung niedergeschlagen sei und ein Hausarzt eine solche leichte Störung feststelle. Binz ergänzte, das Gros der Diagnosen stellten Hausärzte. "Nur in absoluter Minderheit sind es Psychiaterinnen und Psychiater oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten."

Eine Untersuchung der Bundestherapeutenkammer widmete sich im vergangenen Jahr den Wartezeiten für eine psychotherapeutische Behandlung. In Rheinland-Pfalz kam die Kammer auf etwa 19 Wochen, die Patienten auf einen Therapieplatz warten müssen - das war in etwa der bundesweite Schnitt. Auf einen ersten Sprechstundentermin, der noch nicht Auftakt einer Therapie ist, musste hierzulande fast sieben Wochen gewartet werden, der Bundesdurchschnitt lag bei 5,7 Wochen.

Alles in allem sei zwar "Alarmismus" nicht angebracht, sagt Maur. Nichtsdestotrotz gebe es Verbesserungsbedarf, insbesondere auf dem Land. Dort seien die Wartezeiten noch länger als in der Stadt. Es mangele oft auch an der Steuerung, wer nun tatsächlich dringend Hilfe brauche und welche am besten für denjenigen sei.

Dass Bedarf besteht, zeigen auch Zahlen der KV Rheinland-Pfalz. Ihr zufolge vermittelten die Terminservicestellen zwischen Januar und August dieses Jahres 3027 Termine erfolgreich. Die größten Engpässe habe es bei Psychotherapeuten gegeben, sie machten 40 Prozent der Vermittlungen aus. In 45 Fällen seien auch von der Servicestelle keine verfügbaren niedergelassenen Therapeuten in zumutbarer Entfernung gefunden worden, es folgte die Vermittlung in eine Klinik.

Maur sagte, die Mitarbeiter der Terminservicestellen seien teilweise mit heftigen Fällen konfrontiert, es komme auch zur Androhung eines Suizids. Das bestätigte auch der Sprecher der KV Rheinland-Pfalz, Rainer Saurwein. Es sei zumindest Besserung in Sicht. Saurwein verwies auf den vom Gemeinsamen Bundesausschuss überarbeiteten Bedarfsplan zur haus- und fachärztlichen Versorgung. Die genauen neuen Sollzahlen für Rheinland-Pfalz lege der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen fest, der Ende September zusammenkomme.

Die Landespsychotherapeutenkammer erhofft sich für Rheinland-Pfalz rund 50 Sitze mehr an psychologischen Psychotherapeuten und Kinderpsychotherapeuten, wie die Präsidentin Maur sagte. Die würden vor allem auf dem Land dringend gebraucht. Anders als in vielen medizinischen Disziplinen fehle es nicht an Fachkräften.

Potenzial für die Zukunft sieht Maur auch in der Telemedizin. Online-Gespräche könnten Hemmschwellen senken und Wege und Zeit sparen. "Das ist in einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz sehr spannend." Allerdings seien viele Regelungen zur Abrechnung solcher Behandlungen noch nicht getroffen, und es brauche dafür schnelles Internet. "Was damit nicht gelöst wird, ist die Kapazitätsfrage", sagte die Psychotherapeutin. Ein Kollege, der online therapiere, könne nicht parallel eine direkte Behandlung übernehmen.

TK-Vertreter Simon sagte: "Grundsätzlich begrüßen wir die zunehmende Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen." Allerdings löse nicht jede psychische Diagnose einen Behandlungsbedarf aus. Auch die Grünen-Politikerin Binz sagte, das Thema psychische Gesundheit sei in den vergangenen Jahren gesellschaftsfähiger geworden. Aber auf individueller Ebene sei es immer noch schwierig, viele fürchteten nach wie vor eine Stigmatisierung.

Maur zufolge tun sich insbesondere Männer nach wie vor schwer damit, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben. Binz sagte, bei der Großen Anfrage sei es auch darum gegangen, das Thema mal wieder in die Öffentlichkeit zu rücken. "Es betrifft nicht nur Junge, Alte oder Berufsgruppen mit hohem Arbeitspensum, es betrifft alle Bevölkerungsgruppen."

Anmerkung der Redaktion: Diese Nachricht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ist Teil eines automatisierten Angebots, das auf unserer Webseite ausgespielt wird. Weder der Inhalt noch die Rechtschreibung wurden durch die t-online.de-Redaktion geprüft. Die dpa arbeitet aber streng nach journalistischen Standards. Sollten Sie dennoch Fehler entdecken, freuen wir uns über eine Rückmeldung. Herzlichen Dank!

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