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Zahlreiche Straßennamen historisch belastet

Mainz  

Zahlreiche Straßennamen historisch belastet

18.03.2020, 15:27 Uhr | dpa

Zahlreiche Straßennamen historisch belastet. Ein Straßenschild im Koblenzer Stadtteil Rauental

Ein Straßenschild im Koblenzer Stadtteil Rauental trägt den Namen von Fritz Michel. Foto: Thomas Frey/dpa (Quelle: dpa)

Viele Straßennamen sind Dokumente ihrer Zeit. Zwar deuten oft Bezeichnungen wie Am Friedhof oder Schlossallee lediglich auf die geografische Lage der Verkehrswege hin. Häufig sind die Namen aber Ehrbezeugungen für Persönlichkeiten - etwa Goethestraße oder Mozartweg. Doch Zeiten ändern sich, und damit manchmal auch die Einordnung des mit einem Straßennamen geehrten Menschen. Die Deutsche Presse-Agentur dokumentiert den Stand in einigen Städten:

KOBLENZ

"In Koblenz läuft derzeit auch ein Verfahren, bei dem über belastete Straßennamen recherchiert wurde", teilt Stadtsprecher Thomas Knaak mit. Ein Arbeitskreis habe sich nichtöffentlich damit beschäftigt. Geplant sei, in einer der nächsten Sitzungen des Stadtrats, vermutlich im Mai, über die Frage zu sprechen, "wie mit den Straßen beziehungsweise ihren Namen verfahren werden soll".

Der Koblenzer SPD-Fraktion zufolge geht es unter anderem um die Fritz-Michel-Straße und die Friedrich-Syrup-Straße. "Mit Hilfe des Stadtarchivs konnte klar nachgewiesen werden, dass Personen wie etwa Fritz Michel oder Friedrich Syrup eng mit dem nationalsozialistischen Regime zusammengearbeitet und Schuld auf sich geladen haben", sagt die SPD-Fraktionschefin Marion Lipinski-Naumann.

Fritz Michel (1877-1966) war ein Mediziner und Kunsthistoriker, dem Zwangssterilisationen in der NS-Zeit vorgeworfen werden. Die Aberkennung seiner Koblenzer Ehrenbürgerschaft ist im Gespräch. Friedrich Syrup (1881-1945) soll in führender Position für die NS-Zwangsarbeit mitverantwortlich gewesen sein.

Der SPD-Fraktion zufolge sollten im Fall einer möglichen Umbenennung von Straßen auch die Anwohner befragt werden - als Entscheidungshilfe für den Stadtrat, die Einbindung von Bürgern in die Kommunalpolitik und eine Bewusstseinsstärkung für die Stadtgeschichte.

TRIER

In Trier soll am 22. April der Stadtrat über die mögliche Umbenennung der Hindenburgstraße entscheiden. Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) macht sich für eine Änderung stark, weil er Paul von Hindenburg (1847-1934) für "einen Steigbügelhalter des Nationalsozialismus" hält. Der zweite Reichspräsident der Weimarer Republik hatte Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt. Mit einer Umbenennung soll Leibes Ansicht "auch ein klares Zeichen gesetzt werden, weil heute Hindenburg von gewissen Kreisen wieder als Held stilisiert" werde.

Leibe hat dem Stadtrat vorgeschlagen, eine Arbeitsgruppe nach Mainzer Vorbild einzurichten - "weil er vermeiden will, dass alle paar Wochen oder Monate eine neue Namensdiskussion geführt wird", teilt der Sprecher der Stadt mit. Die Arbeitsgruppe solle dazu Kriterien entwickeln. Der Oberbürgermeister halte es zudem für sinnvoll, die Ehrenbürgerschaft Hindenburgs zu hinterfragen.

Generell ist es so, dass eine Ehrenbürgerschaft mit dem Tod erlischt. 2010 habe der Stadtrat aber auch - als politisches Zeichen - Hitler und dem Reichsminister Bernhard Rust posthum die Ehrenbürgerwürde aberkannt. Dieses Vorgehen schlage Leibe auch für Hindenburg vor.

MAINZ

Eine Arbeitsgruppe "Historische Straßennamen" hat über 17 Straßen und Plätze in der Landeshauptstadt diskutiert, die als problematisch galten. Eine davon, die Poppelreuterstraße, wurde bereits umbenannt.

Die Arbeitsgruppe empfiehlt dies auch bei der Agnes-Miegel-Straße und der Pfitznerstraße. Die Schriftstellerin Miegel (1879-1964) habe sich ab 1933 öffentlich positiv über Hitler geäußert und sich bereitwillig von der NS-Propaganda vereinnahmen lassen, hieß es. Und weiter: "Nach dem Krieg hat sie sich nie von ihren Äußerungen während der NS-Zeit distanziert und keinerlei Reue gezeigt." Die Arbeitsgruppe empfahl daher bei einer Gegenstimme die Umbenennung der Agnes-Miegel-Straße.

Bei Hans Pfitzner (1869-1949) hieß es: Trotz dessen "herausragender Bedeutung" als Komponist, der auch in Mainz gewirkt habe, empfehle die Arbeitsgruppe bei einer Gegenstimme die Umbenennung. Pfitzner habe sich auch noch nach 1945 als unbelehrbarer Antisemit gezeigt.

LUDWIGSHAFEN

Auch in Ludwigshafen wird über eine mögliche Umbenennung eines Wegs für Agnes Miegel diskutiert. Dafür plädiert etwa die Linksfraktion im Stadtrat, die in der Schriftstellerin eine zeitlebens glühende Nationalsozialistin sieht. Denkbar sei etwa die Umbenennung in Rosa-Luxemburg-Straße. Ein Beschluss steht noch aus.

Kontrovers besprochen wurden in der Vergangenheit auch Otto Stabel, der von der NS-Zeit bis 1963 Kämmerer der Stadt war, und der Maler Emil Nolde. Nolde (1867-1956) wurde von den Nazis als "entarteter Künstler" diffamiert, war aber auch NS-Parteimitglied, Antisemit, Rassist und bis zum Ende der NS-Zeit überzeugter Nationalsozialist.

Historikern zufolge könnte es bei weiteren Namen Diskussionsbedarf geben. Dazu zählen etwa die nach dem Kolonialisten Carl Peters (1856-1918) und dem Dichter Karl Räder (1870-1967) benannten Straßen.

LANDAU

Die Stadt Landau lässt derzeit alle Straßennamen durch ihr Archiv prüfen. Ob es danach zu Umbenennungen kommt, ist unklar. In der Vergangenheit gab es in der Kommune zum Beispiel Diskussionen über die Hans-Stempel-Straße sowie über ein nach Eduard Spranger benanntes Gymnasium. Kritiker sagen dem Pädagogen Spranger (1882-1963) antisemitische Äußerungen nach. Zuletzt hatte der Stadtrat dem früheren Reichspräsidenten Hindenburg die Ehrenbürgerwürde aberkannt.

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