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Interview Mainzer Nachtkulturbeauftragter: "Bei vielen Kneipen sieht es düster aus"

INTERVIEWKulturbeauftragter in Mainz  

"Bei vielen Kneipen und Clubs sieht es düster aus"

Von Henrik Rampe

26.03.2021, 10:17 Uhr
Interview Mainzer Nachtkulturbeauftragter: "Bei vielen Kneipen sieht es düster aus". Timo Filtzinger: Der 36-Jährige ist Nachtkulturbeauftragter der Stadt Mainz. (Quelle: privat)

Timo Filtzinger: Der 36-Jährige ist Nachtkulturbeauftragter der Stadt Mainz. (Quelle: privat)

Sich mit Freunden auf einen Drink treffen oder tanzen gehen ist schon lange nicht mehr möglich – und immer mehr Clubs und Kneipen müssen schließen. Der Nachtkulturbeauftragte Timo Filtzinger will das Nachtleben in Mainz nach der Pandemie wieder beleben.

Seit Monaten ist kein Bier mehr aus den Zapfhähnen geflossen, seit einem Jahr sind die Tanzflächen leergefegt. Mit Sorge nimmt Timo Filtzinger die Hilfeschreie der Gastronomen und Clubbetreiber wahr. Der 36-Jährige ist als Nachtkulturbeauftragter der Stadt Mainz Vermittler zwischen Kulturschaffenden, Nachtschwärmern, Anwohnern und der Stadt Mainz. Ein Gespräch über einsame Luftreiniger, Weinmärkte und Perspektivlosigkeit.

t-online: Nachtkulturbeauftragter der Landeshaupt Mainz. So heißt die ehrenamtliche Stelle, die Sie seit Sommer 2020 ausfüllen. Wie sieht Ihr Jobprofil aus?

Timo Filtzinger: Ich verstehe mich als Vermittler, als offenes Ohr für alle Parteien des Nachtlebens. Gastronomen wollen im Sommer gerne lange draußen geöffnet haben, Anwohner pochen auf die Nachtruhe. Kneipenwirte wünschen sich eine zusätzliche Terrasse, das geht dann aber zu Lasten der sowieso schon begrenzten Parkflächen. Bei solchen ganz natürlichen Interessensgegensätzen versuche ich zu vermitteln. Im besten Fall bin ich direkt mit allen Seiten im Dialog und die Beschwerde beim Ordnungsamt ist hinfällig.

Wie wird man Nachtkulturbeauftragter?

Mir ist damals ein Artikel in die Finger gefallen, indem von dem Projekt und dem ehrenamtlichen Posten die Rede war. Das fand ich direkt spannend. Für verschiedene Getränkefirmen habe ich beruflich acht Jahre lang Gastronomen in Koblenz, Trier, Wiesbaden aber auch Mainz betreut. Mainz ist meine Heimat, hier kenne ich 90 Prozent der Gastronomen persönlich, weshalb für mich schnell klar war: Hier möchte ich anpacken und mich einbringen.

Und dann schickt man einfach seinen Lebenslauf ins Mainzer Rathaus?
Ja, fast. Im ersten Schritt habe ich ein Motivationsschreiben eingereicht. Und dann ging es darum, ein Konzept und eigene Ideen zu präsentieren. Wie stellst du dir das Nachtleben vor? Was möchtest du verbessern? Wie soll der Dialog aussehen? Mein Anliegen war von Beginn an, ein Stammtisch mit allen Clubbetreibern und Barbesitzern der Stadt zu organisieren. Das haben wir dann auch umgesetzt, und zuletzt mit rund 70 Gastronomen, dem Ordnungsamt und dem Oberbürgermeister zusammengesessen.

Sie sind gebürtiger Mainzer, haben aber auch in Frankfurt und Berlin gelebt. Welche Schulnote geben Sie dem Mainzer Nachtleben?

Irgendwas zwischen 2 und 3. Schon in meiner Jugend hat Mainz Feiernde aus dem Umland angezogen. Wer ungezwungen feiern und ausgehen wollte, ist auch von Wiesbaden, Kaiserslautern oder Mannheim aus hierhergekommen. Damals waren das 50Grad, Starclub oder die Panama-Bar die ersten Ausgehadressen. Die gibt es heute aus unterschiedlichsten Gründen leider nicht mehr. Dafür tragen Neuzugänge wie das Gutleut oder das Schon Schön dazu bei, dass die Stadt weiter lebendig und bunt bleibt.

Inwiefern hat sich das Ausgehverhalten verändert in den letzten Jahren?

Früher war in Mainz unter der Woche mehr los. Mittwoch war ein Feiertag für Clubgänger, im Redcat kam dann noch der Donnerstag dazu. Aber nicht zuletzt, weil das Studium verschulter geworden ist. Wenn Studierende früh morgens Präsenztermine auf dem Campus haben, bleibt werktags das Gedränge in den Clubs und Bars aus. Daran müssen sich die Gastronomen in einer Studentenstadt wie Mainz anpassen.

Corona. Wir kommen um dieses Thema nicht herum. Alle Kneipen haben geschlossen, Restaurants setzen allein auf To-go-Angebote, Tanzflächen sind verwaist. Wie geht es dem Mainzer Nachtleben nach einem Jahr Pandemie?

Bei vielen Kneipen- und Clubbetreibern sieht es düster aus. Mit dem Weinhaus Templer und dem Café Dell Arte gibt es jetzt schon zwei Gastronomen, die ihre Ladentüre auch nach der Pandemie nicht öffnen werden. Aus den Gesprächen höre ich heraus: Es fehlt die Perspektive. Und den Wunsch: Lieber bleiben wir weiter zwei Wochen geschlossen, als ein ewiges Öffnen, Schließen, Öffnen.

Und ansonsten ist die Ausgangslage natürlich total unterschiedlich. Doch auch Gastronomen mit Lieferangebot legen seit Monaten drauf. Bei Bars ohne Küche wird es schwer gegenwärtig auch nur einen Euro Umsatz zu machen, und von Clubs ganz zu schweigen. Einige warten zudem immer noch auf die Dezemberhilfen.

Wie groß ist noch das Verständnis für hochgeklappte Barhocker und kalte Herdplatten unter den Mainzer Gastronomen?

Allen ist klar, dass die momentane Situation mit Einschränkungen und Entbehrungen verbunden ist. Aber die Gastronomen sehen sich gut vorbereitet für eine verantwortungsvolle Öffnung. Sie haben Hygienekonzepte entwickelt, in den Außenbereich investiert und Luftreiniger gekauft. Ein Barbetrieb, angepasst an die Spielregeln der Pandemie, ist ein deutlich sicherer Ort als das unkontrollierte Gruppentreffen mit Musikboxen und Alkohol im Rucksack irgendwo am Rheinufer.

Im Sommer prägten Terrassen und zusätzliche Flächen der Außengastronomie das Stadtbild. Die Sonderregel der Stadt galt für 2020. Wird es das auch in diesem Sommer geben?

Genau dafür setze ich mich aktuell ein und bin optimistisch, dass diese Option auch dieses Jahr besteht. Von anderen Entgegenkommen an die Gastronomen hat man leider nicht so viel mitbekommen. Für die Wintermonate gab es die Möglichkeit, wetterfeste Pavillons draußen aufzustellen und auch zu beheizen.

Clubbetreiber dürfen ihren Betrieb mit einer temporären Nutzungsänderung auch in einen Barbetrieb verwandeln. Das Schon Schön hat das im Herbst auch gemacht. Die Tanzfläche war dann Sitzgelegenheit für den eigenen Cafebetrieb. Das lief dann zwei Tage erfolgreich. Dann kam der Lockdown.

Das Johannisfest in Mainz (Archivbild): Einer der Lieblingsorte von Timo Filtzinger. (Quelle: imago images/Hoffmann)Das Johannisfest in Mainz (Archivbild): Einer der Lieblingsorte von Timo Filtzinger. (Quelle: Hoffmann/imago images)

Momentan ist Ihr Posten Teil eines Pilotprojekts, das bis zum Sommer läuft. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Wir sind im vergangenen Sommer an den Start gegangen, wohlwissend, dass alles anders laufen wird. Im Sommer werden wir uns hinsetzen und die Zeit auswerten. Der Start lief vergleichsweise gut, die Gastronomen hatten mit Hygienekonzept geöffnet. Auch wenn es jetzt vor dem Tresen ruhiger ist, stehe ich natürlich weiter mit den Betreibern im Kontakt.

Interessanterweise nimmt aktuell die Vernetzung mit anderen Städten zu. Ich habe Anfang des Jahres mit dem Nachtbürgermeister aus Mannheim telefoniert und angestoßen, einen Stammtisch ins Leben zu rufen, um sich unter Kollegen zu auszutauschen, voneinander zu lernen. Aus Koblenz, Wiesbaden und zuletzt auch Frankfurt haben mich Anrufe erreicht. Die Städte planen ebenfalls, den ehrenamtlichen Posten in ihrer Kulturszene zu etablieren.

Aktuell ist nicht die beste Zeit, um über große Zukunftspläne und Visionen zu reden, oder?  

Momentan ist die Zeit für Schadensbegrenzung. Wir überlegen uns, wie wir in der schweren Zeit noch die bestmöglichen Rahmenbedingungen für die Mainzer Kulturszene schaffen können. Alles andere steht hinten an. Auch wenn es an Ideen nicht mangelt. Das Rheinufer hat noch viel Potenzial, das lässt sich beleben. Es gibt immer mal wieder Gedankenspiele den Schillerplatz zu einer grünen Oase in der Innenstadt zu machen, auch das würde Türen für Essens- und Getränkestände öffnen.

Zum Abschluss eine persönliche Frage. Mainz hat einige Kneipen und Feste zu bieten. Wo zieht es Sie privat am häufigsten hin?

Ich mag die Vielfalt. Deshalb finde ich das Johannesfest im Sommer mit seinen unzähligen Essens- und Getränkeständen ziemlich cool. Was ich mir auch immer im Kalender markiere ist der Weinmarkt im Stadtpark. Ein schönes Ambiente, um an einem warmen Septembertag von Winzerstand zu Winzerstand zu ziehen.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Timo Filtzinger, Nachtkulturbeauftragter der Stadt Mainz

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