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Anwältin im Hilfspfleger-Prozess: "Über Leichen gegangen"

München  

Anwältin im Hilfspfleger-Prozess: "Über Leichen gegangen"

24.09.2020, 16:20 Uhr | dpa

Anwältin im Hilfspfleger-Prozess: "Über Leichen gegangen". Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Foto: Deutsche Stiftung Patientenschutz/dpa-tmn/Archivbild (Quelle: dpa)

Als Serienmörder sieht ihn die Staatsanwältin, "bestialische Morde" hat der Angeklagte selbst seine Taten genannt: Im Prozess gegen einen Hilfspfleger wegen Mordes an Patienten hat die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft gefordert. Zudem beantragte die Staatsanwältin am Donnerstag vor dem Landgericht München I die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld sowie eine anschließende Sicherungsverwahrung. "Er ist im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen gegangen." Sie wolle, dass er lebenslang hinter Gittern bleibe - nicht im juristischen, sondern im wörtlichen Sinn.

Mit der besonderen Schwere der Schuld wäre eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren in der Praxis so gut wie ausgeschlossen. Danach würde die Sicherungsverwahrung greifen.

Der an Diabetes leidende Pole hatte laut Anklage seinen pflegebedürftigen, aber nicht zuckerkranken Patienten an verschiedenen Tatorten in Deutschland Insulin gespritzt. Er habe gewusst, dass das tödlich sein könne, sagte die Anklagevertreterin.

Sie sah es nach 46 Verhandlungstagen als erwiesen an, dass sich der 38 Jahre alte Angeklagte in drei Fällen des Mordes schuldig gemacht hat. Hier sei eine hohe Insulingabe ursächlich für den Tod der Opfer gewesen. In zwei Fällen geht die Anklage von versuchtem Mord aus, in drei Fällen von gefährlicher Körperverletzung. In vier Fällen verlangte sie Freispruch. Hier könne nicht nachgewiesen werden, ob Insulin zum Tod führte. Das bedeute aber nicht, dass der Angeklagte nicht auch für diese Todesfälle verantwortlich sein könnte.

Die Pflegebedürftigen wiederum hätten nicht mit einem Angriff auf ihr Leben gerechnet - just nicht von einer Pflegekraft. Nach den Taten nahm der Mann den Vorwürfen zufolge diverse Dinge mit: Bargeld, Schmuck, Wein, Parfüm, Seife, Waschmittel, Klopapier und Klobürsten.

Der gelernte Schlosser war in einem Crashkurs zum Hilfspfleger ausgebildet worden. Er habe gar nicht als Pfleger arbeiten wollen, sagte die Staatsanwältin. Es sei ihm darum gegangen, Zugang zu den Haushalten zu bekommen und sich durch Diebstähle zu bereichern. Wegen seiner Körperfülle - teils wog er drei Zentner - habe der Mann die Arbeit auch gar nicht ausführen können. "Die Arbeit überforderte ihn sowohl physisch als auch psychisch." Anweisungen hätten ihn verärgert.

Er habe sich zurückgesetzt, abgelehnt und ausgegrenzt gefühlt, "was bei ihm Wut auslöste", so die Anklagevertreterin. Das Insulin habe er aus Frust, Verärgerung, gekränkter Eitelkeit und Überforderung gespritzt. Damit habe er sich an den Pflegebedürftigen und ihren Familien rächen wollen, sagte die Staatsanwältin. "Er ist kein Pfleger." Er sei auch kein Hilfspfleger. "Er ist ein Serienmörder."

Der Mann hatte seine Taten in einem Brief selbst als "bestialische Morde" bezeichnet und die Verhängung einer lebenslange Strafe und eine anschließende Sicherungsverwahrung vorgeschlagen. Er habe gesagt, dass er froh gewesen sei über seine Festnahme, da er sonst wahrscheinlich so weitergemacht hätte. Er hatte laut Staatsanwältin die Insulingaben eingeräumt, aber bestritten, dass er Menschen töten wollte. Vielmehr habe er mit dem Insulin erreichen wollen, dass die Menschen durchschlafen können. Das jedoch mache keinen Sinn, sagte die Anklagevertreterin. Es habe dafür andere Medikamente gegeben.

Der 38-Jährige habe Kühlschränke leer gegessen, er wollte einen Internetzugang, einen Fernseher, genug Schlaf und zuckerhaltige Getränke. Er sei unhöflich und grob gewesen, teils unhygienisch - und habe den Schalter für die Notfallklingel ausgeschaltet. Die Staatsanwältin sagte, Angehörige hätten teils auf den ersten Blick "erhebliche Zweifel" gehabt, ob der übergewichtige und als ungepflegt beschriebene Mann in der Lage sein würde, Menschen zu pflegen.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, mahnte Schwerpunktstaatsanwaltschaften, zentrale Ermittlungsgruppen und ein vernetztes Vorgehen der Bundesländer für Delikte in Pflege und Medizin an. "Auch verbindliche amtsärztliche Leichenschauen bei allen Pflegebedürftigen helfen, Tätern rasch auf die Spur zu kommen." Er verwies aber auch auf die Leistungen Hunderttausender Kräfte aus Osteuropa. "Die allermeisten Helfer sind hoch engagiert und sorgen dafür, dass das Pflegesystem in Deutschland nicht zusammenbricht", sagte Brysch. "Auf der Anklagebank sitzt ein Einzeltäter."

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