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Kirchenrechtler: "Benedikt XVI. hat sich komplett ruiniert"

Von dpa, MaM

Aktualisiert am 20.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Papst Benedikt XVI. (Archivbild): Im Gutachten werden schwere Vorw├╝rfe gegen den ehemaligen Papst erhoben.
Papst Benedikt XVI. (Archivbild): Im Gutachten werden schwere Vorw├╝rfe gegen den ehemaligen Papst erhoben. (Quelle: Michael Schulz/imago-images-bilder)
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Das Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum M├╝nchen und Freising ist f├╝r den ehemaligen Papst Benedikt XVI. und Kardinal Reinhard Marx verheerend. Einige fordern nun Konsequenzen.

Das neue Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum M├╝nchen und Freising hat den emeritierten Papst Benedikt XVI. und den amtierenden Erzbischof Reinhard Marx schwer belastet ÔÇô und ein breites Echo unter Wissenschaftlern und Betroffenenorganisationen hervorgerufen.

Der renommierte Kirchenrechtler Thomas Sch├╝ller sieht die Reputation Joseph Ratzingers, sp├Ąter Papst Benedikts XVI., nun dauerhaft besch├Ądigt. Er habe sich "komplett ruiniert", so Sch├╝ller. Der 94-J├Ąhrige habe die letzte Chance verpasst, vor seinem Tod noch eigene Fehler einzur├Ąumen. "Das ist das Drama", sagte der Kirchenrechtler.

Sch├╝ller: "Joseph Ratzinger hat die letzte Chance vertan, reinen Tisch zu machen. Er wird der Unwahrheit ├╝berf├╝hrt und demaskiert sich damit selbst als aktiver Vertuscher. Er f├╝gt der katholischen Kirche und dem Papstamt damit einen irreparablen Schaden zu". Er betonte, ├╝ber Ratzingers sp├Ątere Zeit als Pr├Ąfekt der r├Âmischen Glaubenskongregation und Papst werde man erst lange nach seinem Tod abschlie├čend urteilen k├Ânnen, wenn die Archive ge├Âffnet w├╝rden.

Opferinitiative in M├╝nchen: "L├╝gengeb├Ąude ist krachend zusammengefallen"

Auch der Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, bezeichnet das Gutachten als eine "historische Ersch├╝tterung" der Kirche. "Dieses L├╝gengeb├Ąude, was zum Schutz von Kardinal Ratzinger, von Papst Benedikt, errichtet wurde hier in M├╝nchen, das ist heute krachend zusammengefallen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag in M├╝nchen.

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Einige Taten h├Ątten nur darum stattfinden k├Ânnen, weil Joseph Ratzinger in seiner Zeit als Erzbischof von M├╝nchen und Freising die Entscheidung getroffen habe, einen Missbrauchst├Ąter in seinem Bistum einzusetzen. Das "t├Ąterzentrierte System" sei "an der Spitze belastet", sagte Katsch: "im Vatikan, da wo Benedikt bis heute sitzt und leugnet". "Jeder, der das jetzt hier gerade miterlebt hat, muss erkennen, dass dieses System an sein Ende gekommen ist".

Missbrauchsexperte Pater Hans Zollner fordert nun ein Zeichen von Benedikt XVI. "Jetzt muss etwas vom emeritierten Papst Benedikt XVI. kommen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag in Rom. Zollner ist Mitglied der 2014 eingerichteten P├Ąpstlichen Kommission f├╝r den Schutz von Minderj├Ąhrigen und fungiert damit als externer Berater f├╝r den Vatikan. Dieser will sich erst in den kommenden Tagen zu dem Gutachten ├Ąu├čern. Man werde es einsehen und k├Ânne dann angemessen die Details pr├╝fen, erkl├Ąrte der Sprecher des Heiligen Stuhls, Matteo Bruni, am Donnerstag.

Der Erzbischof von M├╝nchen und Freising, Kardinal Reinhard Marx (Archivbild): Sein R├╝cktrittsgesuch hatte Papst Franziskus zuletzt abgelehnt.
Der Erzbischof von M├╝nchen und Freising, Kardinal Reinhard Marx (Archivbild): Sein R├╝cktrittsgesuch hatte Papst Franziskus zuletzt abgelehnt. (Quelle: Lennart Preiss/dpa-bilder)

ZdK-Pr├Ąsidentin: "Katholische Kirche muss sich der Wahrheit stellen"

Zum Fall des im Gutachten ebenfalls belasteten M├╝nchner Kardinals Reinhard Marx sagte Sch├╝ller, es sei m├Âglich, dass Marx erneut seinen R├╝cktritt anbieten werde. Da seine Fehler aber nicht so schwer w├Âgen wie etwa die des Hamburger Erzbischofs Stefan He├če, dessen R├╝cktritt Papst Franziskus ebenfalls abgelehnt hatte, sei nicht auszuschlie├čen, dass ein neues R├╝cktrittsangebot ebenfalls vom Papst abgelehnt werde. Marx hatte sich am Donnerstag entschieden, nicht zu der Ver├Âffentlichung des Gutachtens zu kommen. Bei seiner Stellungnahme um 16.30 Uhr entschuldigte sich bei den Betroffenen. Einen erneuten R├╝cktritt bot er jedoch nicht an.

Der M├╝nchner Generalvikar Christoph Klingan hat sich nach der Pr├Ąsentation des Gutachtens "bewegt und besch├Ąmt" gezeigt. "Meine Gedanken sind in dieser Stunde zun├Ąchst bei den Betroffenen, bei den Menschen, die durch Mitarbeiter der Kirche in der Kirche schweres Leid erfahren haben", sagte er. "Den Betroffenen muss unser erstes Augenmerk gelten".

"Es ist klar, dass die katholische Kirche ein systemisches Problem hat. Sie muss sich endlich dieser Wahrheit stellen", sagte auch Irme Stetter-Karp, Pr├Ąsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Sie sieht auch nach dem Gutachten noch immer viele Missst├Ąnde. "Auch im Jahr 2022 hei├čt die bittere Realit├Ąt: Das System der Vertuschung, des Vergessens und der schnellen Vergebung ist nicht aufgebrochen worden", so Stetter-Karp.

Missbrauchsbeauftragter: "Gutachten hat herzlosen Institutionsschutz offenbart"

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm R├Ârig, hat der katholischen Kirche nach der Vorstellung des M├╝nchner Missbrauchsgutachtens "kalten Pragmatismus" vorgeworfen. "Das Gutachten hat einmal mehr den herzlosen, konsequenten Institutionenschutz offenbart, der ├╝ber Jahrzehnte von der katholischen Kirche praktiziert wurde", sagte R├Ârig den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Johannes-Wilhelm R├Ârig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung: Das Gutachten, so R├Ârig, hab ihm fast die Sprache verschlagen.
Johannes-Wilhelm R├Ârig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung: Das Gutachten, so R├Ârig, hab ihm fast die Sprache verschlagen. (Quelle: J├╝rgen Heinrich/imago-images-bilder)

Auch nach zehn Jahren im Amt des Missbrauchsbeauftragten habe ihm das fast die Sprache verschlagen. "Ich bin immer wieder verbl├╝fft, wie die Kirche jahrzehntelang versucht hat, mit kaltem Pragmatismus Missbrauch wegzuverwalten."

An die Bundesregierung appellierte R├Ârig, die von ihm 2016 berufene Aufarbeitungskommission zu st├Ąrken, gesetzlich zu verankern und ihr Kontroll- und Beratungsrechte zu geben. "Denn es geht ja nicht nur um die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im kirchlichen Zusammenhang. Sexuelle Gewalt gibt es in allen Bereichen der Gesellschaft. In Schulen, in Sportvereinen, in Kitas oder in Familien."

Gutachten belastet Benedikt XVI. und Marx schwer

Das vom Erzbistum M├╝nchen und Freising selbst in Auftrag gegebene Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) kommt zu dem Ergebnis, dass F├Ąlle von sexuellem Missbrauch in der Di├Âzese ├╝ber Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden.

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Zudem wirft es den ehemaligen Erzbisch├Âfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und pers├Ânlich Fehlverhalten in mehreren F├Ąllen vor. Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird Fehlverhalten in zwei F├Ąllen vorgeworfen (Mehr dazu lesen Sie hier).

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