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Missbrauchsgutachten: Marx entschuldigt sich f├╝r "Desaster"

Von dpa
27.01.2022Lesedauer: 3 Min.
Reinhard Marx
Kardinal Reinhard Marx gibt nach der Vorstellung eines Gutachtens zu F├Ąllen von sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum M├╝nchen und Freising ein Pressestatement. (Quelle: Sven Hoppe/dpa POOL/dpa/dpa-bilder)
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Ersch├╝tterung, Entschuldigung, aber keine konkreten Konsequenzen: Nach seiner Stellungnahme zum aufsehenerregenden Gutachten ├╝ber den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Erzbistum M├╝nchen und Freising muss Kardinal Reinhard Marx aus Sicht vieler Beobachter nun Taten folgen lassen. Ein erneutes R├╝cktrittsgesuch an den Papst lehnte Marx allerdings ab. "Jetzt geht er einfach aus dem Feld und macht sich vom Acker" - so w├╝rde es sich andernfalls f├╝r ihn anf├╝hlen, sagte Marx am Donnerstag in M├╝nchen. Zugleich betonte er: "Ich klebe nicht an meinem Amt."

Betroffene wie Gl├Ąubige bat Marx erneut um Entschuldigung. "Wir sehen ein Desaster", bilanzierte er das vor einer Woche vorgelegte Gutachten. "Wer jetzt noch systemische Ursachen leugnet und einer notwendigen Reform der Kirche in Haltungen und Strukturen entgegentritt, hat die Herausforderung nicht verstanden."

Personelle Konsequenzen zog Marx jedoch zun├Ąchst nicht. Jeder Verantwortliche solle selbst pr├╝fen, wo er sich schuldig gemacht und welche Folgen er daraus zu ziehen habe, sagte er. Pr├Ąlat Lorenz Wolf, der im Gutachten stark kritisiert wird, habe ihm mitgeteilt, dass er alle ├ämter und Aufgaben ruhen lassen werde. Dies habe er akzeptiert. Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks best├Ątigte, dass Wolf auch sein Amt als Vorsitzender des Gremiums ruhen lassen werde. Die bayerischen Landtagsgr├╝nen forderten hingegen seinen R├╝cktritt.

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Zum fr├╝heren Papst Benedikt XVI., der im Zusammenhang mit dem Gutachten eine Falschaussage einger├Ąumt hatte, ├Ąu├čerte Marx sich ausweichend. Die Gutachter werfen auch dem Erzbischof selbst zwei F├Ąlle von Fehlverhalten beim Umgang mit Verdachtsf├Ąllen vor. Er h├Ątte engagierter handeln k├Ânnen, gab Marx zu. Es sei f├╝r ihn pers├Ânlich unverzeihlich, die Betroffenen ├╝bersehen zu haben.

F├╝r die gesamte katholische Kirche seien Reformen unabdingbar, betonte Marx: "Es gibt keine Zukunft des Christentums in unserem Land ohne eine erneuerte Kirche!" Die Lekt├╝re des Gutachtens habe ihn erneut ersch├╝ttert und erschrocken, vor allem ├╝ber das Leid der Betroffenen, aber auch ├╝ber T├Ąter und Beschuldigte und ├╝ber das Verhalten von Verantwortlichen. "F├╝r mich ist die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs Teil einer umfassenden Erneuerung und Reform, wie das der Synodale Weg aufgegriffen hat."

Der Vorsitzende des Di├Âzesanrats der Katholiken der Erzdi├Âzese M├╝nchen und Freising, Hans Tremmel, sagte zu Marx' Statement: "Er ist dazu bereit, pers├Ânliche Verfehlungen nicht nur einzugestehen, sondern zu bereuen und positiv damit in die Zukunft zu gehen."

Der Kirchenrechtler Thomas Sch├╝ller hingegen fand Marx' Reaktion entt├Ąuschend. "Niemand ├╝bernimmt pers├Ânliche Verantwortung", sagte Sch├╝ller der Deutschen Presse-Agentur. "Das Erzbistum M├╝nchen-Freising geht in den normalen Verarbeitungsmodus ├╝ber und macht auf business as usual." Verantwortung werde vergemeinschaftet und die Betroffenen und Gl├Ąubigen w├╝rden in Mithaftung genommen.

"Es fehlten insgesamt konkrete Beispiele f├╝r Ver├Ąnderungen hier und heute", bem├Ąngelte auch die Pr├Ąsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp. Dass Marx erst in einem Jahr berichten wolle, was sich ver├Ąndert habe, sei zu sp├Ąt. Auch w├Ąre mit Blick auf seinen Vorg├Ąnger Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst, "ein Zeichen der Transparenz und Kritik" angebracht gewesen.

Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" forderte die Bistumsleitung auf, "sich der direkten Konfrontation mit den Betroffenen zu stellen, das intensive Gespr├Ąch zu suchen, pers├Ânlich um Vergebung zu bitten, sich f├╝r angemessene Entsch├Ądigungen einzusetzen und ab sofort ihr Handeln aus dem Blick der Missbrauchsbetroffenen heraus zu gestalten". Opfervertreter erneuerten ihre Forderung nach angemessener Entsch├Ądigung. "Ich erwarte, dass sich die Verantwortlichen zu ihrer Verantwortungslosigkeit bekennen", sagte Agnes Wich von der Betroffenen-Initiative S├╝ddeutschland. "Man kann es sich nicht mehr erlauben, sich in Hochglanzreden zu ergehen."

An die Wand des Hauses, in dem Marx seine Pressekonferenz hielt, hatte jemand zuvor das Wort "Kinderficker" gespr├╝ht. Die gastgebende Katholische Akademie in Bayern reagierte mit einer ├Âffentlichen Stellungnahme: "Der Schandfleck des Missbrauchs h├Ąngt an der gesamten Institution Kirche." Der Schriftzug sei weiterer Anlass zur Reflexion. "Denn in dem aktuellen Vorfall dr├╝ckt sich auch der dramatische Ansehensverlust der Kirche aus, der seine Ursachen nicht im b├Âsen Willen ihrer Kritiker hat, sondern in den im Inneren der Kirche geschehenen Verbrechen und ihrer Vertuschung."

"Es ist besch├Ąmend, in welchen Abgrund wir hier wieder blicken m├╝ssen", kommentierte auch die parlamentarische Gesch├Ąftsf├╝hrerin der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast, das Gutachten. "Die T├Ąter m├╝ssen zur Rechenschaft gezogen werden ÔÇô in- und au├čerhalb der Kirche. Selbstaufkl├Ąrung reicht nicht, auch bei Taten, die verj├Ąhrt sind, braucht es externe Aufkl├Ąrung."

Das vom Erzbistum M├╝nchen und Freising selbst in Auftrag gegebene Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) war zu dem Ergebnis gekommen, dass F├Ąlle von sexuellem Missbrauch in der Di├Âzese ├╝ber Jahrzehnte nicht angemessen behandelt worden waren. Die Gutachter gehen von mindestens 497 Opfern und 235 mutma├člichen T├Ątern, zugleich aber von einer deutlich gr├Â├čeren Dunkelziffer aus.

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