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Stuttgart: 250 Jahre Hegel – Sebastian Ostritsch über die Faszination Hegel

INTERVIEW250 Jahre Hegel  

"Hegel ist eine Bereicherung für jeden"

Von Tilman Baur

23.12.2020, 11:55 Uhr
Stuttgart: 250 Jahre Hegel –  Sebastian Ostritsch über die Faszination Hegel. Eine Zeichnung von Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Sein Geburtstag jährte sich 2020 zum 250. Mal. (Quelle: imago images/Design Pics/Ken Welsh)

Eine Zeichnung von Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Sein Geburtstag jährte sich 2020 zum 250. Mal. (Quelle: Design Pics/Ken Welsh/imago images)

Hegel ist auch für das heutige Denken und Handeln noch relevant – diese Meinung vertritt Sebastian Ostritsch. Der Philosoph und Autor des Buchs "Hegel – Der Weltphilosoph", erklärt im Interview mit t-online die Faszination Hegel, das Verhältnis des Philosophen zu seiner Heimatstadt Stuttgart und warum hegelianisches Denken in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung nützlich ist. 

t-online: Herr Ostritsch, Hegels Schriften gelten als höchst kompliziert. Sie haben sich sogar auf den Stuttgarter Philosophen spezialisiert. Was fasziniert Sie so an ihm?

Genau diese Kompliziertheit war der Anlass, mich so intensiv mit Hegel auseinanderzusetzen. Gleich zu Beginn meines Studiums wurde mir klar, dass Hegel ein Buch mit sieben Siegeln ist. Das hat mich geärgert, aber gleichzeitig auch den Ehrgeiz geweckt, ihn zu verstehen.

Aber Hegel oberflächlich zu verstehen, heißt eigentlich, ihn gar nicht zu verstehen. Wer seine Gedanken nachvollziehen will, muss tiefer einsteigen, mehr Zeit investieren.

Wenn man sich dann einmal bei ihm festbeißt, kommt man nur schwer wieder von ihm los, weil sein Denken eine eigentümliche Sogkraft hat. Denken ist bei Hegel selbst eine Art von Bewegung. Wer da einsteigt, wird mitgerissen.

Der Stuttgarter Philosoph Sebastian Ostritsch: t-online hat sich anlässlich des Hegel-Jahres 2020 mit ihm getroffen. (Quelle: Marc Alter)Der Stuttgarter Philosoph Sebastian Ostritsch: t-online hat sich anlässlich des Hegel-Jahres 2020 mit ihm getroffen. (Quelle: Marc Alter)

Sie haben es geschafft, die Philosophie Hegels in eine allgemeinverständliche Sprache zu übersetzen. Das Ergebnis liest sich leicht. Wie schwer ist Ihnen aber diese Übersetzung gefallen?

Die Aufgabe besteht darin, einerseits einfach zu schreiben und beim Leser nicht zu viel vorauszusetzen, andererseits den Autor nicht zu verflachen. Ich musste also Formulierungen finden, die nicht ins Triviale gehen, sondern Hegels Tiefsinn zumindest erahnen lassen. Das war eine sehr dankbare Aufgabe, die mich Hegel noch besser hat verstehen lassen.

Denn wer tief in der Fachterminologie steckt, dem fallen gewisse Ungereimtheiten manchmal gar nicht mehr auf. Zwingt man sich aber zu einer Übersetzung ins Allgemeinverständliche, muss man sich mit diesen Ungereimtheiten auseinandersetzen. Das ist eine bereichernde Erfahrung.

Hegel wurde in Stuttgart geboren und ist hier aufgewachsen. Welches Verhältnis hatte Hegel zu seiner Heimatstadt?

Nach der Schulzeit ist er weitergezogen. Nach vielen Zwischenstationen kam er dann in Berlin an und wurde ein bekannter und respektierter Professor. Tendenzen, in die alte Heimat zurückzukehren, gab es keine. Hegels Schwester lebte aber in Stuttgart, und seinen unehelichen Sohn hat er hierhergeschickt, um eine Lehre zu machen. Es gab also weiterhin eine Verbindung nach Stuttgart, aber keine besonders intensive.

Wie können wir uns das Stuttgart des späten 18. Jahrhunderts vorstellen: Als aufstrebende Stadt mit reger philosophischer oder intellektueller Szene oder als verschlafenes Provinznest?

Mit der Hohen Karlsschule gab es eine geistige Institution, die aber eher auf die weltlichen Wissenschaften abzielte. Ein klassisches philosophisches oder theologisches Studium machte man eher an der Universität Tübingen. Es gab in Stuttgart auch intellektuelle Zirkel, die aber nicht mit denen in den geistigen Zentren der Zeit wie Jena oder Berlin vergleichbar waren.

Gab es Dinge in Hegels persönlicher Lebensführung oder persönliche Überzeugungen, die man als typisch schwäbisch bezeichnen kann?

Die Sprache ist die offensichtlichste Verbindung. Hegel hatte einen starken schwäbischen Dialekt, den er auch nie abgelegt hat.

Damit war er auch nicht allein: Schelling, sein berühmter Zimmergenosse aus der gemeinsamen Studienzeit in Tübingen, hat auch bis ans Lebensende geschwäbelt. Die Heimat trug Hegel also immer auf der Zunge mit sich.

Hegel hat jahrzehntelang auf eine Berufung als Professor gewartet und für schmale Honorare gearbeitet. Ist er ein Beispiel für jemanden, der durchhält, weil er fest an seine Überzeugungen – in diesem Fall an sein philosophisches System – glaubt?

Hegel hat in Bamberg als Zeitungsredakteur gearbeitet, in Nürnberg als Gymnasialrektor, vorher war er Hauslehrer in Bern und Frankfurt. Hegel machte die Arbeit, die ihm zur Verfügung stand, darin war er durchaus pragmatisch. Allerdings hat er nie den Traum von der Philosophie aufgegeben.

Ihm war immer klar, dass er Philosoph ist und auch von der Philosophie leben möchte. Er hat auch lange gebraucht, um sein Denken zu entwickeln. Seine Natur war langsam, behäbig. Die Dinge mussten in ihm reifen. Das spiegelt sich auch in seinem Lebensweg wider.

Kommen wir nochmal auf seine Heimatstadt zurück. Selbst im Ausland wird Stuttgart meist mit Daimler oder Porsche assoziiert, wenn überhaupt, und nicht mit Hegel. Warum macht Stuttgart so wenig aus seinem Sohn von Weltruf?

Der Name Hegel wird eher mit Berlin verbunden, viele kennen den eigentlich falschen Begriff des "Preußischen Staatsphilosophen". Die Verbindung zwischen Hegel und Stuttgart ist selbst in Stuttgart nicht so präsent. Allerdings wird das im Ausland anders wahrgenommen.

Das Hegel-Haus in Stuttgart: In dem Geburtshaus von Georg Wilhelm Friedrich Hegel befindet sich heute ein Museum. (Quelle: Julia Ochs/Hegel-Haus)Das Hegel-Haus in Stuttgart: In dem Geburtshaus von Georg Wilhelm Friedrich Hegel befindet sich heute ein Museum. (Quelle: Julia Ochs/Hegel-Haus)

Hegels Geburtshaus, das Hegel-Haus, wird von chinesischen Besuchern stark frequentiert. In ihrem Fall kommt die Verbindung zu Hegel über den Kommunismus und Marx. Hegel ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Person. Eine Berühmtheit, die man sich anschaut, wenn man in Europa ist.

Politisch und gesellschaftlich erleben wir seit Jahren eine zunehmende Polarisierung. Kann das Denken in Widersprüchen und ihrer "Aufhebung", wie Hegel es nannte, dabei helfen, diese Polarisierung zumindest gedanklich zu entschärfen?

Hegelianisches Denken hilft dabei, Voraussetzungen im eigenen Denken kritisch zu reflektieren, die einem nicht immer bewusst sind, und einen gegensätzlichen Standpunkt einzunehmen. Man lernt, über das Denken selbst nachzudenken und dadurch die eigene geistige Perspektive zu weiten. So gesehen ist Hegel eine Bereicherung für jeden.

Gleichzeitig ist Hegel kein Philosoph des faulen Kompromisses, der so tut, als gäbe es keine Widersprüche. Ganz im Gegenteil: Gegensätze arbeitet er mit aller Härte heraus, um sie dann auf einer höheren Ebene miteinander zu versöhnen. Das ist ein attraktiver Zug seines Denkens. Denn faule Kompromisse bringen uns gesellschaftlich auch nicht weiter.  

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Sebastian Ostritsch
  • Lektüre von Ostritschs Buch "Hegel – Der Weltphilosoph", erschienen 2020 im Propyläen Verlag, Berlin.

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