Sie sind hier: Home > Regional > Ulm >

Ulm: Vor den Toren der Donaustadt wird Rollstuhlrugby gespielt

Ungewöhnliche Sportart  

Ein Hai beißt sich durch

Von Isabella Hafner

27.01.2020, 10:50 Uhr
Ulm: Vor den Toren der Donaustadt wird Rollstuhlrugby gespielt. Die Donauhaie Illerrieden in Blau: Wenn zwei Rollstühle aufeinandertreffen, scheppert es gewaltig. (Quelle: Sebastian Frey)

Die Donauhaie Illerrieden in Blau: Wenn zwei Rollstühle aufeinandertreffen, scheppert es gewaltig. (Quelle: Sebastian Frey)

Luis Hundhammer aus Blaustein bei Ulm sitzt im Rollstuhl und macht einen knallharten Sport: Rollstuhlrugby. Seine große Leidenschaft. Manchmal spielt er sogar in der Zweiten Bundesliga. t-online.de-Autorin Isabella Hafner hat mit ihm gesprochen.

Ein Rollstuhlfahrer rast mit Karacho in den Rollstuhl eines anderen. Es scheppert durch die Illerrieder Ballsporthalle. Der, der da in den anderen reingefahren ist, hat sein Ziel erreicht: den Gegner aus Bayreuth ausgebremst. Und der Bayreuther war schon gefährlich lange mit dem Ball – einer Art Volleyball – auf dem Schoß unterwegs. Nicht viel hätte gefehlt und er wäre mit dem Ball über die Torlinie der Donauhaie Illerrieden gefahren. Acht Meter ist das Tor breit, zwei orange Hütchen sind aufgestellt.

Der Hai, der das Tor verhindert hat, heißt Luis Hundhammer. Normalerweise ist er ganz friedlich, aber wenn er auf dem 15 mal 28 Meter großen Rugbyfeld hin und her düst, unentwegt seine zwei Räder anschiebt, dann packt ihn einfach der Ehrgeiz – und der 20-Jährige sein Repertoire an spielerischen Techniken aus. Dann beißt der Hai.

Luis Hundhammer kommt aus Blaustein bei Ulm. Den Dienstag hält er sich jede Woche frei fürs Rugbytraining in Illerrieden. "Ich merke, wie gut es mir tut, einmal die Woche Sport zu machen, mich zu bewegen. Und es ist toll, wenn man die anderen wiedersieht." Diese anderen kommen unter anderem aus Memmingen, Nürtingen und Bad Waldsee. Die nächsten Rollstuhlrugby-Vereine sind in der Nähe von Stuttgart und Augsburg. Eine seltene Sportart.

Die Donauhaie Illerrieden: Luis Hundhammer sitzt im rechten Rollstuhl. (Quelle: Sebastian Frey)Die Donauhaie Illerrieden: Luis Hundhammer sitzt im rechten Rollstuhl. (Quelle: Sebastian Frey)

Rollstuhlrugby ist für jedes Alter

Seit sechs Jahren spielt der 20-jährige Luis Rugby, manchmal auch in der Zweiten Bundesliga. Die anderen Haie sind 28 bis 60 Jahre alt. Viele sind erst spät zu diesem Sport gekommen. Dafür mussten die meisten erst einen Unfall haben.

Bei Luis war das anders. Er sitzt schon seit er denken kann im Rollstuhl. Im Gegensatz zu seiner Zwillingsschwester hat er im Mutterleib ab der dreißigsten Woche zu wenig Sauerstoff bekommen. Das blieb nicht folgenlos: Regionen im Hirn, die für die Motorik zuständig sind, wurden nicht ausreichend ausgebildet. Luis kam mit Spasmen an Händen und Beinen zur Welt, die ihm "ab und zu mal reinschießen", wie er sagt. Seine Arme und Beine kann er nicht richtig ausstrecken. "Alles ziemlich doof gelaufen, aber wenn ich die anderen hier sehe, denke ich mir: Zum Glück hab’ ich nur ne Spastik abbekommen. Ich kann noch zwei, drei Schritte laufen. Die anderen sind komplett an ihren Rollstuhl gebunden."

Man sagt so einfach, "mit beiden Beinen im Leben stehen", meint, dass man sein Leben gut meistert. Luis stand nie fest mit seinen Beinen auf dem Boden und tut es doch erstaunlich gut in seinem Leben. Er hat seinen Führerschein gemacht, dieses Jahr macht er sein Abi. Wie es ist, wirklich zu stehen und zu gehen? Das weiß er nicht.

Voraussetzung für den Sport ist meist ein schwerer Unfall

Die meisten, die hier auf dem Spielfeld der Ballsporthalle mit ihren Spezialrollstühlen hin und her schießen, haben bereits Jahre lang ein aufrechtes Leben verbracht, gingen laufen, spielten Volleyball, fuhren Ski oder Mountainbike. Bis zum "Tag X", der sich bei jedem von ihnen eingebrannt hat. Luis sagt: "Am häufigsten sind hier die Motorradfahrer." Früher sei der Badeunfall die Nummer eins gewesen. Auch Dachdecker sind im Team. Damit haben sie sich qualifiziert für Rollstuhlrugby. Voraussetzung dafür sind mindestens drei nicht funktionsfähige Gliedmaßen. "Mehr geht immer", sagt Luis und lacht.

Bei der TSG Söflingen gibt es Rollstuhlbasketball. Das fiel für Luis aber flach, weil da die Voraussetzung nur zwei nicht einsatzfähige Gliedmaßen sind. Basketball wäre für ihn nicht machbar, weil er den Ball in den Korb in drei Metern Höhe werfen müsste. Luis’ Vater Uwe Hundhammer sagt: "Basketball war zuerst da. Aber dann sind die mit mehr Lähmungen bloß herumgestanden, so ist Rollstuhlrugby entstanden." – In den Siebzigern in Kanada, wo es Murderball genannt wurde. Heute wird es in 20 Ländern gespielt. Seit 2000 ist es auch paralympische Disziplin.

Die Rollstühle müssen heftige Crashs aushalten. Deshalb sind sie Spezialanfertigungen aus extragehärtetem Aluminium, die bis zu 10.000 Euro kosten können. Je nachdem, ob die Rollstühle für einen Angreifer oder Verteidiger bestimmt sind, haben sie einen Metallbogen vorn, um das Gefährt herum (Angreifer) oder ein Metallteil, um den Gegner zu verhaken (Verteidiger). Die Reifen sind schräg gestellt. Während des Spiels tragen die Spieler rutschfeste Handschuhe, sodass der Ball besser gefangen werden kann.

Rollstuhlrugby – ein rabiater Sport, den Menschen betreiben, die ihre Beine und teils ihre Arme eh schon nicht mehr bewegen können. Luis wiegelt ab: "Es passiert nicht viel. Mich hat es bisher nur fünf Mal umgehauen. Und aus dem Rollstuhl fliegt man ja nicht raus, weil die Beine und der Oberkörper angegurtet sind."

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräche mit Luis und Uwe Hundhammer

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Weltbild.detchibo.deOTTODeichmannbonprix.deLIDLBabistadouglas.deamazon.de

shopping-portal