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Ulm: Hier können Ulmer Bedürftigen einen Kaffee spendieren

Weltweite Aktion  

Hier können Ulmer Bedürftigen einen Kaffee spendieren

Von Isabella Hafner

16.01.2020, 09:48 Uhr
Ulm: Hier können Ulmer Bedürftigen einen Kaffee spendieren. Ein Gast hängt einen Kassenbon an die Leine vor dem Café "Die Apotheke": Wer es sich nicht leisten kann, bekommt dafür einen Gratis-Kaffee. (Quelle: Isabella Hafner)

Ein Gast hängt einen Kassenbon an die Leine vor dem Café "Die Apotheke": Wer es sich nicht leisten kann, bekommt dafür einen Gratis-Kaffee. (Quelle: Isabella Hafner)

Draußen ist es kalt. Umso mehr locken die gemütlich erleuchteten Cafés. Damit sich auch Menschen mit weniger Geld ein warmes Getränk leisten können, macht das Café "Die Apotheke" in der Ulmer Oststadt mit bei der Aktion "Suspended Coffee". t-online.de-Autorin Isabella Hafner war vor Ort.

Vor der Eingangstür des Cafés "Die Apotheke" in der Ulmer Oststadt hängt eine Leine. Und daran klemmen Kassenzettel. Auf dem einen wurde ein Cappuccino abgerechnet, auf einem anderen ein Kaffee und ein Stück Kuchen. Das ist keine schlechte Dekoration, sondern ernst gemeint. Denn Judith Garcia Beier und Mitinhaberin Melanie Henner wollen, dass Menschen, die sich keinen Kaffee leisten können, einen dieser Kassenbons bei ihnen einlösen.

Spendiert werden Kaffee, Cappuccino, Tee und Kuchen von Kunden des Cafés – an der Kasse wird bezahlt, aber nicht verzehrt. Der Kassenzettel wird danach an der Leine befestigt, damit sich jemand anderes daran erfreuen kann.

Hunderte Cafés in Deutschland beteiligen sich

Insgesamt 333 Cafés in deutschen Städten machen bei der Aktion "Suspended Coffee" – auf Deutsch "aufgeschobener Kaffee" – mit, die es seit mehreren Jahren gibt. Stefanie Rukavina aus Ulm ist im Internet darauf aufmerksam geworden und hat schnell festgestellt: In Ulm gibt es noch kein einziges Café, das mitmacht. Das wollte sie ändern und klapperte einige Cafés ab. Die meisten wollten nicht mitmachen. Zu groß war unter anderem die Angst, durch die Aktion Personen anzulocken, die womöglich andere Kunden verprellen könnten. 

"Gutschein" steht auf mehreren Kassenbons: Für die Speisen und Getränke wurde bereits gezahlt. (Quelle: Isabella Hafner)"Gutschein" steht auf mehreren Kassenbons: Für die Speisen und Getränke wurde bereits gezahlt. (Quelle: Isabella Hafner)

Judith Garcia Beier und Melanie Henner waren sofort begeistert von der Aktion. Doch auch sie hatten Bedenken – wegen Alkoholikern. Diese Angst nahm ihnen Stefanie Rukavina im gemeinsamen Gespräch schnell: "Ich kann die Sorge natürlich verstehen. Aber das Risiko von Alkoholikern wird nicht bestehen, weil die Aktion nicht für alkoholische Getränke gilt." Der spendierte Kaffee soll sich zum Beispiel auch an Menschen richten, die wenig Geld haben, wie Rentner und Alleinerziehende.

Seit einem Jahr nun macht das Café "Die Apotheke" bei der Aktion mit. Viele der Kunden haben schon eifrig spendiert. Bei vielen komme die Aktion richtig gut an. Doch: Kaum einer löst einen Bon ein. Judith Garcia Beier glaubt: "Viele schämen sich." Erst kürzlich habe ihre Kollegin einen Mann angesprochen, der in ihren Augen mit Sicherheit obdachlos war. Doch auch der habe abgewunken und darauf bestanden, seinen Kaffee selbst zu bezahlen. Es ist ein Balanceakt: Menschen, die wirken, als hätten sie kaum Geld, auf die Aktion ansprechen? Oder besser nicht? Die beiden Café-Chefinnen haben beschlossen, es zu tun. Manchmal bringen sie aber auch ein paar Kassenbons zum Ulmer Verein "Frauen helfen Frauen" oder zur Flüchtlingskoordinationsstelle mit der Einladung, mal in ihrem Café vorbei zu schauen.

Liebe Ulmer! Ihr seid unglaublich spendabel... vielen Dank für viele Gutscheine, die unseren Eingangsbereich schmücken!...

Gepostet von Die Apotheke am Mittwoch, 11. Dezember 2019

Nur ein einziges Mal haben die Ulmer "Apotheken"-Chefinnen eine Negativerfahrung mit einem Gast gemacht: "Das war ein Obdachloser, der gerade auf der Durchreise war. Der war sehr unangenehm, roch auch stark. Und nahm sich gleich mehrere Bons." Das habe sie sehr geärgert. So sehr, dass sie sich überlegten, ihn aus Rücksicht auf ihre Kundschaft aus dem Café zu bitten. Es blieb bei diesem Fall. Auch wenn die Kunden die Aktion begrüßen – manch einem ist wichtig, dass der "spendierte Kaffee" auch tatsächlich nur von Menschen mit wenig Geld eingelöst wird. Doch eine Bedürftigkeitsprüfung findet nicht statt. Stefanie Rukavina sagt dazu: "Wenn sich jemand, der es nicht nötig hätte, tatsächlich mal einen Bon mopst, dann darf man mit Vertrauen darauf schauen: Das Karma wird’s schon richten!"

Jetzt, im Winter, hoffen Judith Garcia Beier und ihre Kollegin, dass endlich mehr Menschen mit wenig Geld ihre Scham über Bord werfen und die Einladung annehmen: reinkommen, da sein, Kaffee trinken. Sie selbst werden abwarten und Tee trinken.

Verwendete Quellen:
  • Gespräche mit den Protagonisten

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