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Ulm: Vesperkirchen werden zur Kasse gebeten

Veranstalter fürchten EU-Regelung  

Letzte Ulmer Vesperkirche ohne Umsatzsteuer?

Von Isabella Hafner

28.01.2020, 15:54 Uhr
Ulm: Vesperkirchen werden zur Kasse gebeten. Pfarrer Peter Heiter mit Besuchern der Vesperkirche: Die Ausgabe im nächsten Jahr steht auf der Kippe. (Quelle: Isabella Hafner/Archivbild)

Pfarrer Peter Heiter mit Besuchern der Vesperkirche: Die Ausgabe im nächsten Jahr steht auf der Kippe. (Quelle: Isabella Hafner/Archivbild)

Ab 2021 müssen Vesperkirchen Umsatzsteuer zahlen. Denn sie geben – wie zur Zeit – jedes Jahr ein paar Wochen lang Essen aus. Unter anderem an Bedürftige. Das gilt nun nach einer EU-Regelung als gastronomisches Angebot. Pfarrer Peter Heiter und sein Team von der Ulmer Vesperkirche irritiert das. t-online.de-Autorin Isabella Hafner war vor Ort.

Seit 25 Jahren passiert immer von Ende Januar bis Mitte Februar etwas Besonderes: Der Kirchenraum der Pauluskirche in Ulm verwandelt sich in ein trubeliges Restaurant. Täglich kommen bis zu 650 Menschen. Die Gäste bekommen Hauptgericht, Dessert, Getränke, Kaffee und Kuchen. Serviert an Tischen mit weißen Tischdecken. Hier wird jeder hofiert.

Dann sitzt die Frau, die sonst im Park schläft, am Tisch neben den Sparkassenangestellten, die Mittagspause machen. Wenn Vesperkirche ist, passiert das, "was wir als Gesellschaft brauchen. Mehr Kontakt zueinander – unabhängig davon, was wir haben", sagt Pfarrer Peter Heiter. Nicht runter gucken auf den in der Fußgängerzone kauernden Armen. Auf Augenhöhe sitzen. Zum Abendmahl. Nur halt mittags … "Manche verabschieden sich nach der Vesperkirche weinend." Hier finden Geschichten Zuhörer. Das kann einen emotional durcheinander bringen.

Jeder zahlt so viel, wie er kann

Etwa 200 Ehrenamtliche sorgen dafür, dass die vier Vesperkirchen-Wochen reibungslos verlaufen, dass es genug Essen gibt, dass Musik vorgetragen wird, genug Geld zusammenkommt. Die Aktion kostet rund 100.000 Euro. Kosten für Essen, Heizung, Kirchenreinigung, Wäsche, Gerätschaften … Gäste zahlen minimal 1,50 Euro oder – den erweiterten Richtwert von fünf Euro. Mehr geht natürlich immer. Der Gesamtwert eines Essens beträgt tatsächlich acht Euro. Menschen, denen es gut geht, subventionieren das Essen der Ärmeren quer. Ohne, dass diese das spüren müssen.

Die Vesperkirche von oben: Seit 25 Jahren findet das Angebot bereits in Ulm statt. (Quelle: Isabella Hafner)Die Vesperkirche von oben: Seit 25 Jahren findet das Angebot bereits in Ulm statt. (Quelle: Isabella Hafner)

Umso mehr sind nun die Helfer und Pfarrer Heiter irritiert, dass die Vesperkirche ab 2021 Umsatzsteuer zahlen müssen. Nach einer EU-Regelung stehe alles, was im Kirchenraum an Geld gegeben wird, im Zusammenhang mit einer Leistung: Geld gegen Essen. Das sei Konkurrenz für Gastronomien in der Umgebung.

"Das kann ja wohl nicht wahr sein", sagt Pfarrer Heiter. Zwar kommt jedes Jahr Geld rein. "Aber unsere Kosten in Höhe von rund 100.000 sind nicht gedeckt. Trotz etlicher Großspender bleibt ein Defizit." Künftig wären es zusätzlich rund 10.000 Euro Umsatzsteuer. "Zu uns kommen viele Menschen, die würden normalerweise nicht unter der Woche essen gehen. Zudem gibt es wenig Gastronomie in der Nachbarschaft. Wir ziehen niemandem seine Klientel ab."

Andere Vesperkirchen ändern ihr "Geschäftsmodell"

Man habe sich schon überlegt, wie die Stuttgarter auf Spenden umzusteigen – statt des Grundbetrags. Doch würden die Fixkosten gedeckt? Und den Stuttgartern bringe das auch nichts. Eventuell, so sei aus Stuttgarter Kreisen zu hören, gelten auch Spenden im Kirchenraum umsatzsteuerpflichtig. Die Lage ist uneindeutig. Wolfgang Baumung, der die Göppinger Vesperkirche organisiert, teilt mit, dass für die Göppinger die Umsatzsteuerpflicht entfalle, solange keine fixen Preise festgeschrieben würden. Das habe ihm das Landesfinanzministerium so bestätigt.

Pfarrer Peter Heiter stellt die Grundsatzfrage: "Muss eine Vesperkirche in die Umsatzsteuerpflicht fallen? Wir erwirtschaften keinen Gewinn. Und wenn, dann würde er sofort den Menschen zu Gute kommen." Man habe schon über einen Verein nachgedacht. "Ein juristischer Kniff, aber ich finde es nicht richtig. Ich will, dass die Kirche die Vesperkirche betreibt. Wir feiern hier Abendmahl, so wie es die Urkirche gefeiert hat. Als Sättigungsmahl. Für alle. Ohne Ansehen der Person und Religion. Warum soll ich das outsourcen, wo doch hier die Kirche sozusagen ihr Kerngeschäft macht?"

Er findet es absurd, dass in Zukunft für die Vesperkirche zusätzliche Spenden gesammelt werden müssen, um die "Umsatzsteuer für das, was uns Leute geben, aufbringen zu können." Der Pfarrer weiter: "Wir übernehmen eine Sozialstaatsaufgabe. Wir schauen, dass es Leuten gut geht, dass sie in die Gesellschaft integriert werden."

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Pfarrer Heiter

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