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Ulm: "Pop-up-Kirche" öffnet bis Ostern am Münsterplatz

Pop-Up am Münster  

Ulmer Trachtenladen wird zur Kirche auf Zeit

Von Isabella Hafner

02.03.2020, 10:29 Uhr
Ulm: "Pop-up-Kirche" öffnet bis Ostern am Münsterplatz. Auf einer Holzwand steht "Pop-up Kirche": Hier können Besucher Ostereier gestalten. (Quelle: Isabella Hafner)

Auf einer Holzwand steht "Pop-up Kirche": Hier können Besucher Ostereier gestalten. (Quelle: Isabella Hafner)

Wo demnächst wieder Dirndl und Lederhosen verkauft werden, sollen sich in den Wochen vor Ostern Ulmer begegnen. Zum Ratschen, Entschleunigen und Ostereier-Gestalten.

Unweit des Ulmer Münsters haben die Pastoren einer Evangelischen Freikirche aus Ulm – Julia Müller, 30, sowie Daniel und Rabea Rentschler, beide um die Vierzig – eine Oase der Ruhe geschaffen: Sie nennen das Ganze "Pop-up-Kirche". An Ostern poppt sie wieder weg.

Die "Pop-up-Kirche" soll jeden, ob religiös oder nicht, zu einem Zwischenstopp einladen. Pastorin Julia Müller sagt: "Wir wollen Kirche in der Stadt sein, nah bei den Menschen – das ist unser Ding! Wir leben mit Gott und sind davon begeistert. Und wir glauben, dass Leben mit ihm etwas für jeden ist; können aber auch verstehen, dass manche Menschen sich nicht gleich in ne Kirche rein trauen, Kirchen eher als 'alt' kennen. Hier können sie Kirche mal anders kennenlernen." Gottesdienste finden allerdings an dem Ort nicht statt.

Pastorin Julia Müller: Die Pastorin heißt jeden in der "Pop-up-Kirche" willkommen – ob religiös oder nicht. (Quelle: Isabella Hafner)Pastorin Julia Müller: Die Pastorin heißt jeden in der "Pop-up-Kirche" willkommen – ob religiös oder nicht. (Quelle: Isabella Hafner)

Die Idee zur "Pop-up-Kirche" kam den Pastoren über die sozialen Netzwerke. Und weil sie mit den Verpächtern des Trachtenladens während eines Biergarten-Gottesdienstes ins Gespräch kamen und sich sympathisch waren. So dürfen sie nun ein paar Wochen lang die Räume kostenlos nutzen.

Ostereier-Malen soll für innere Ruhe sorgen

Das Schaufenster des Ladens stimmt auf Ostern ein: Da sind unter anderem auf alten Weinkisten verzierte Ostereier und zahlreiche gelbe Osterglocken zu sehen. Ein Hinweis darauf, was man drinnen machen kann. Nämlich: Gegen eine Spende von zwei Euro ein Holz-Osterei kaufen, anmalen und bekleben.

Die Pastorin Julia Müller sitzt mit ihrem Laptop an einem der vier Tischgruppen. Gerade ist niemand da. "Vor allem an den Samstagen kommen aber viele Leute. Am ersten Samstag wurden etwa hundert Eier gestaltet – ganz schön viel." Julia Müller weiß nicht, ob die, die kommen, religiös sind. "Wir fragen nicht danach. Wenn jemand mit uns über Kirche ins Gespräch kommen will – gerne. Aber wir wollen das niemandem aufzwingen." Die "Pop-up-Kirche" soll kein Ort der Missionierung durch die Hintertür sein, durch die die Besucher bekehrt wieder rausgehen.

Ein bemaltes Osterei: Gegen eine Spende von zwei Euro können Besucher ein Holzei bemalen. (Quelle: Isabella Hafner)Ein bemaltes Osterei: Gegen eine Spende von zwei Euro können Besucher ein Holzei bemalen. (Quelle: Isabella Hafner)

Julia Müller erzählt von einer älteren Frau, für die die "Pop-up-Kirche" mittlerweile schon der persönliche Hotspot ist. "Sie kommt fast jeden Tag und sagt, hier könne sie so gut entspannen. Manche Menschen sitzen hier eine Stunde, vertieft ins Ostereier-Gestalten. Die gehen ganz verändert wieder raus, weil sie sich ewig keine Zeit für sowas Kreatives genommen haben." Das freut die junge Pastorin.

Ulmer Kinder und Jugendliche werden unterstützt

Sein eigenes Ei kann der Besucher dann mitnehmen und verschenken. Oder da lassen. Dann wird es ausgestellt und an Ostern bekommen es Kinder und Jugendliche aus Ulmer Wohngruppen, die nicht bei ihren Familien leben. Inklusive Kino- und Schwimmbad-Gutscheinen, die durch die zwei Euro-Ei-Spende finanziert werden können. "Wir wollen den Kindern und Jugendlichen Freude schenken. Dass die einfach was Cooles machen können. Darum geht’s doch an Ostern."

Bemalte Ostereier: Seit der Eröffnung der Pop-up-Kirche" sind schon viele Ostereier verschönert worden. (Quelle: Isabella Hafner)Bemalte Ostereier: Seit der Eröffnung der Pop-up-Kirche" sind schon viele Ostereier verschönert worden. (Quelle: Isabella Hafner)

Das Bastelmaterial und die Einrichtung sei komplett gespendet, unter anderem von Firmen. So konnten die drei Pastoren eine gemütliche und anregende Atmosphäre schaffen. Sie haben ein Samtsofa aufgestellt, eine Wimpelkette aufgehängt und Dschungeltapeten eingerahmt. Es gibt einen Tresen mit Gläsern voller Süßigkeiten. Außerdem haben sie Stellwände aus Multiplex-Platten gebaut. An manche dieser Holzwände sind Metallbretter geschraubt: Auf ihnen steht schon in Reih und Glied eine Mannschaft an Eiermännchen- und Weibchen, darunter viele schräge Gestalten: Frauen mit Kussmund, Männer mit rot-weißen Haaren unter dem Sepplhut oder ein breit grinsender Vollbart-Typ. Charaktere, so verschieden wie die Ulmer und Ulmerinnen selbst. Jedes Ei ist in einem Bier-Kronkorken platziert, so kippt es nicht.

An manchen Tagen geben die Pastoren aber auch Workshops. Zum Beispiel zum Thema "Stress, lass nach", in dem es darum geht, wie man freier durch den Alltag gehen kann. Im Workshop "Einzigartich" stellen sich die Teilnehmer die Frage, wer sie eigentlich sind und sein wollen. Nach Ostern aber ziehen wieder Dirndl und Lederhosen in den Laden.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Pastorin Julia Müller

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