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Ulm: Ein Supermarkt im benachbarten Neu-Ulm bietet Chancen

"Kunden merken Unterschied nicht"  

Dieser Supermarkt gibt Menschen eine Chance

Von Isabella Hafner

24.03.2020, 12:00 Uhr
Ulm: Ein Supermarkt im benachbarten Neu-Ulm bietet Chancen. Aaron Burgenmeister: Der CAP-Praktikant putzt die Regale. (Quelle: Isabella Hafner)

Aaron Burgenmeister: Der CAP-Praktikant putzt die Regale. (Quelle: Isabella Hafner)

Täglich pendelt Aaron Burgenmeister über die Landesgrenze nach Bayern. Im Erdgeschoss des Neu-Ulmer Donaucenter arbeitet er im CAP-Supermarkt – die Abkürzung steht für "Handicap".

Der 33-jährige Aaron Burgenmeister kniet vor den Tütensuppen und zieht konzentriert den Lappen durch die Fuge der Leiste, in der die Preisschilder stecken. "Hier sammeln sich immer mal wieder Pulverreste. Das könnte Motten anziehen", sagt er. Aaron Burgenmeister trägt ein rotes Polo-Shirt: das Kennzeichen dafür, dass er Praktikant ist. Er hat eine psychische Erkrankung und ist stationär in einer Sozial-Psychiatrischen Reha in Ulm untergebracht – seit drei Jahren. Davor war er fast zwei Jahre in der Psychiatrie und ein Jahr daheim.

Täglich ist er nun fünf Stunden im Neu-Ulmer CAP-Supermarkt. Sein Arbeitstherapeut hatte ihn auf den Supermarkt hingewiesen. "Ich komme hier gut klar, die Kollegen haben mir alles super erklärt. Die fünf Stunden Arbeit geben mir Struktur und überfordern mich nicht." Er hofft, dass er eine Stelle bekommt. Früher arbeitete er als Gärtner. "Da bist du immer draußen – egal, ob es regnet oder stürmt. Und der Umgangston ist wie auf der Baustelle."

Aaron Burgenmeister mit einer Kundin: Der CAP-Praktikant hofft auf eine feste Stelle in Neu-Ulm. (Quelle: Isabella Hafner)Aaron Burgenmeister mit einer Kundin: Der CAP-Praktikant hofft auf eine feste Stelle in Neu-Ulm. (Quelle: Isabella Hafner)

Seit zwanzig Jahren gibt es die integrativen und inklusiven CAP-Supermärkte in Deutschland. Insgesamt mehr als hundert sind es mittlerweile. Sowohl in Ulm-Jungingen als auch in Neu-Ulm gibt es einen solchen Supermarkt. Er wird von den Donau-Iller-Werkstätten betrieben. Der Neu-Ulmer Markt hat 2001 im Erdgeschoss des Donaucenters eröffnet. Hier finden unter anderem Menschen einen Arbeitsplatz, die ein Handicap haben: eine Lernbehinderung etwa.

Kunden und Mitarbeiter kennen sich

Marc Breuning, 24, zieht schnell Nuss-Nougat-Creme, Marmelade, Bananen und Shampoo übers Band. Während die Hände seiner Kundin im selben Takt alles in die Einkaufstasche packen. Als er fertig ist, sagt er: "12,98 Euro bitte!" Das Geld landet in seiner Hand. "Kassenbeleg?", "Nein, danke", "Schönen Tag noch." – "Ebenso!".  Schon wieder huschen seine Hände übers Band, greifen nach Würstchen im Glas. Eine ältere Dame. Oft kommt die ältere Stammkundschaft nur wegen zwei, drei Sachen – dafür aber täglich. Das kennen Marc Breuning und seine Kollegen.

CAP-Mitarbeiter Marc Breuning: Er sitzt gerne an der Kasse. (Quelle: Isabella Hafner)CAP-Mitarbeiter Marc Breuning: Er sitzt gerne an der Kasse. (Quelle: Isabella Hafner) 

Während Breunings Schlange um kurz vor zwölf nicht zu versiegen scheint, räumen einige seiner Kollegen Regale ein. Oder nehmen Flaschenpfand an – wie gerade der 31-jährige Markus Wieland. Ein Kunde hatte die Klingel gedrückt und steht nun vor ihm mit einer Tasche voller Flaschen. Er eilte herbei. Kurz darauf drückt er ihm den Pfand-Bon in die Hand.

Breuning und Wieland haben die Stelle im CAP-Markt auf dem sogenannten Ersten Arbeitsmarkt ergattert. Wieland ist schon lange dabei: "Ich habe 2008 hier ein Schulpraktikum gemacht. Das Arbeitsklima hat mir gut gefallen; und ich brauche Bewegung – und mag es mit Leuten." Für viele hier wäre die Alternative eine Arbeit in einer Behinderten-Werkstatt. Doch dafür sind sie geistig zu fit. Denn in den Werkstätten seien die Arbeiten einfacher – und oft einseitiger. Breuning und Wieland wollen dagegen Abwechslung und Kundenkontakt. Ähnlich geht es auch den anderen Angestellten im Neu-Ulmer CAP-Markt.

Supermarkt und Begegnungsstätte

Achim Bürk leitet den Supermarkt. Der ausgeglichen und ruhig wirkende Mann ist mit seinen Mitarbeitern zufrieden. Es läuft alles gut. Auch wenn er weiß: Manchmal muss er etwas zwei-, dreimal erklären. Oder manches geht erst mal langsamer. "Aber ich finde es richtig toll, zu beobachten, welche Entwicklung die einzelnen Mitarbeiter machen."

Er glaubt, dass sein Supermarkt unter Umständen mehr Wärme verbreite als andere Supermärkte. "Er soll ja auch eine Begegnungsstätte sein." Und viele Kunden merken gar nicht, dass hier Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten. "Das ist irgendwie ein Kompliment für uns."

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräche mit den Protagonisten

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