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Wuppertal-Kolumne: Sowjetunion-Charme am Döppersberg

MEINUNGKolumne "Scheuges Talfahrt"  

Sowjetunion-Charme am Wuppertaler Döppersberg

Von Jürgen Scheugenpflug

05.03.2021, 12:48 Uhr
Wuppertal-Kolumne: Sowjetunion-Charme am Döppersberg. Jürgen Scheugenpflug lehnt sich gegen eine Statue: Der Kabarettist kennt die Gepflogenheiten von Wuppertal in- und auswendig.  (Quelle: Uli Kopka)

Jürgen Scheugenpflug lehnt sich gegen eine Statue: Der Kabarettist kennt die Gepflogenheiten von Wuppertal in- und auswendig. (Quelle: Uli Kopka)

Für t-online schreibt der Wuppertaler Kabarettist Jürgen Scheugenpflug exklusiv die Kolumne "Scheuges Talfahrt". Themen diesmal: der 90. Geburtstag von Gorbatschow und eine Umfrage zur falschen Zeit.

"Keine Grenze lockt mehr zum Schmuggeln als die Altersgrenze", sagte der Satiriker Karl Kraus einmal. Klar ist, dass mit zunehmendem Alter immer mehr Erinnerungen an die glorreiche Jugendzeit und gewisse damit verbundene Schandtaten wach werden. So lag ich mit meinen Freunden damals nicht etwa vor Madagaskar, sondern auf dem streng verbotenen Truppenübungsplatz Scharpenacken im Gebüsch und schaute besorgt nach Osten. Von da müsse der Russe kommen und wir würden ihn aufhalten. Dass er kommt, war für meinen Vater so sicher, wie das Amen in der Kirche. Wir hingegen waren ganz sicher, dass wenn man uns auf dem verbotenen Gelände erwischen würde, der Russe unser kleinstes Problem wäre. Aber spannend war es. Nur der Russe – der kam nie.

Dass in diesen Tagen Michail Sergejewitsch Gorbatschow seinen 90. Geburtstag feiert, ist schon bemerkenswert. Da sieht man mal wieder, wozu Wodka fähig ist. Der ehemalige Kremlchef hatte in den endachziger Jahren des vorigen Jahrtausends den Sozialismus im Sowjetreich verändert und wollte radikal neue Wege gehen. "Glasnost und Perestroika", hieß das und machte große Hoffnung. Offenheit und Mitsprache, das Ende des Kalten Krieges. Und noch mal etwas später die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Dass es für Gorbi trotzdem nicht so ganz gut gelaufen ist liegt wohl daran, dass die russische Bevölkerung in der Mehrzahl das so gar nicht wollte. Heute sehen gerade mal 15 Prozent der Russen den Reformer positiv. Verdammt wenig für so eine große Sache.

Wegen Lockdowns nicht zum Döppersberg

Wie aber ist es mit Glasnost und Perestroika im Tal? Wie sieht es mit Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung aus? Da las ich doch dieser Tage, dass immerhin 8.000 MitbürgerInnen befragt werden sollen, wie sicher sich der zufällig ausgewählte Otto-Normal-Wuppertaler am Döppersberg fühlt und wie er dessen Aufenthaltsqualität bewertet? Nun ist kaum damit zu rechnen, dass sich in diesen Tagen viele auf derart schlichte Fragen einlassen möchten. Die meisten haben ganz andere Probleme.

Und geht man mal wohlwollend davon aus, dass vielleicht jeder Fünfte aus lauter Langeweile antwortet, sind das in Zahlen circa 0,9 Prozent der Bevölkerung. Wie repräsentativ ist das denn? Die meisten Barmer sind seit dem Lockdown nicht mehr am Döppersberg gewesen. Wozu auch? Zu kaufen gibt’s nichts, Cafés sind geschlossen, die Schwebebahn fährt kaum. Ronsdorfer, Beyenburger und Cronenberger interessieren sich ohnehin nur rudimentär für die "Stadt".

Meinungsforschung zum falschen Zeitpunkt

Da fragt man sich: Wie hochprozentig müssen die Tagungsgetränke gewesen sein, um so eine Meinungsforschung jetzt durchzuführen? "Grundsätzlich verleiht die Befragung Wuppertalern eine Stimme", erklärt die Projektleiterin Saskia Kretschmer freundlich. Es ist ihr erstes Projekt und dann gleich so ein lausiges. Aber was ist, wenn die Untersuchten kein positives Urteil fällen? Bröselnde Mauern, die nur von schwarzen Netzen gehalten werden. Das Primark-Gebäude, welches vorrangig im Wege steht. Ein angrenzendes Gelände im Osten, von dem nicht mal der Grüne Lüdemann weiß, wie man es beleben soll. Ein bemitleidenswerter Hauptbahnhof, der gefühlt seit Jahrzehnten auf seine Sanierung wartet.  

Und was ist, wenn die Befragten Fragen haben, wer zum Beispiel die Verantwortung für die teils grandiosen Fehlplanungen übernimmt? Wird das dann beantwortet? Wenn die oben genannte Studie tatsächlich Transparenz und Offenheit ausdrücken soll, ist diese Befragung – wie so oft – weder tauglich noch zur richtigen Zeit. Aber das ist für leidensfähige Wuppertaler nun wirklich nichts Neues, Ehrenwort.

Jürgen Scheugenpflug ist seit 1989 als Kabarettist, Moderator, Autor, Sänger und Kolumnist tätig. 2007 rief er die "Bergische Akademie für Kabarett & Comedy" ins Leben. Aktuell ist er Leiter der bundesweiten Comedyserie "Comedy im Bett" und als künstlerischer Leiter der Kleinkunstbühne "Schatzkiste" in Wuppertals Nachbarstadt Remscheid tätig. 

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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