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Wahnsinn beim TSV 1860 München hat Methode: Mehr Chaos als beim HSV

Chaos bei den Löwen hält an  

Der Wahnsinn bei 1860 München hat schon Methode

18.01.2017, 12:19 Uhr | t-online.de

Wahnsinn beim TSV 1860 München hat Methode: Mehr Chaos als beim HSV. Der 1860-Investor und Aufsichtsratsvorsitzende Hasan Ismaik (li.) setzt auf den neuen Trainer Vitor Pereira. (Quelle: imago images/MIS)

Der 1860-Investor und Aufsichtsratsvorsitzende Hasan Ismaik (li.) setzt auf den neuen Trainer Vitor Pereira. (Quelle: MIS/imago images)

Von Marc L. Merten

Der TSV 1860 München will endlich in der (Bundes-)Liga der Großen und Mächtigen mitspielen. Dabei setzen die Verantwortlichen auf das eine universelle Mittel, von dem man glaubt, es mache alles möglich: Geld.

Was den Löwen dagegen noch fehlt, scheint bisher eine eher zweitrangige Rolle zu spielen: die fußballerische Kompetenz.

Mehr Chaos als beim HSV

Wenigstens den Humor haben sie noch nicht verloren beim TSV 1860 München. Als die Marketing-Abteilung dieser Tage ein Praktikum ausschrieb, warb es mit "flachen Hierarchien und einem spannenden Arbeitsumfeld". Nun, letzteres bieten die Löwen zweifellos. In keinem anderen Klub im deutschen Profi-Fußball – selbst beim HSV nicht – geht es derart drunter und drüber. Aber flache Hierarchien? Nun, ein Blick in die jüngste Entlassungs- und Kündigungswelle an der Grünwalder Straße zeichnet ein anderes Bild.

Kleine und große Veränderungen

Da sind zunächst einmal die kleineren Veränderungen, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Die Empfangschefin, die keine Lust mehr hat. Die Veränderungen in der Pressearbeit, in die inzwischen eine externe, von Ismaik gesteuert PR-Agentur eingreift. Der Kaderplaner, der gehen muss – bereits der zweite in den letzten zwei Jahren. Bis hin zu einer Reinigungskraft, die künftig lieber ganz weit von der Grünwalder Straße putzen möchte.

Und dann natürlich der Blick auf das große Ganze, auf die Führungspositionen: Als der TSV 1860 Ende November bei Tabellenführer Eintracht Braunschweig antrat, tauchte vor dem Spiel eine irre Statistik auf: Seit 2008/09 beschäftigen die einen Löwen – die aus Braunschweig – genau einen Trainer und einen Sportdirektor bei einem Präsidenten. Und die Münchner Löwen in der gleichen Zeit? 15 Trainer, sieben Manager und sechs Präsidenten. Kein Witz – alleine in den knapp sechs Jahren, in denen Investor Hasan Ismaik nun Besitzer des Deutschen Meisters von 1966 ist, kamen und gingen bereits zwölf Trainer und sechs Sportchefs.

Karrierefalle 1860

Präsident Peter Cassalette meinte kürzlich zynisch: "Bis auf Peter Neururer hatten wir eigentlich jeden prominenten Zweitliga-Trainer – jetzt nehmen wir halt mal einen Ausländer." Und tatsächlich: Ewald Lienen war schon da, Friedhelm Funkel war schon da, Benno Möhlmann auch, Marco Kurz, Falko Götz und wie sie nicht alle heißen. Viele unter ihnen, gerade die jüngeren, gingen zu Sechzig in der Hoffnung, dort den großen Wurf zu landen, bekamen im Anschluss an ihre Entlassung aber nie wieder einen Job im Profi-Fußball.

Nun soll es also Vitor Pereira richten, ein charismatischer Meistertrainer aus Portugal, den Ismaik mit einem Zwei-Millionen-Euro-Jahresgehalt ausstattete. Pereira nahm sein neues Team zum Jahresbeginn erst einmal für satte 16 Tage am Stück ins Trainingslager in seine Heimat und quartierte es dort in einem von José Mourinho gegründeten Camp ein. Es trägt den passenden Namen "One Troia Training Center": Troja, man möchte sich fragen, wer das hölzerne Pferd sein wird, das die Löwen in den kommenden Monaten einmal mehr von innen heraus zerstören wird. Wenn es so weiterlaufen sollte wie bisher, dürfte sich schon jemand finden.

Ismaik führt sich auf wie Trump

Thomas Eichin, so viel ist sicher, wird es nicht mehr sein. Und doch wird der ehemalige Sportchef den Klub und die Öffentlichkeit noch eine Weile beschäftigen. Beide Seiten, Klub wie Funktionär, versuchen sich rechtliche Verstöße nachzuweisen und sich vor Gericht zu ziehen. Heimlich, still und leise läuft bei den Sechzgern eben nichts ab. Schon gar nicht, wenn es um Hasan Ismaik geht. Der Jordanier, der am Wochenende Fan-nah im Maybach im Trainingslager angerollt kam, hat sich eine PR-Agentur besorgt, die nicht nur inzwischen die gesamte Klub-Pressearbeit übernommen hat, sondern auch seine Facebook-Page. Auf der führt sich der Investor inzwischen auf wie Donald Trump auf Twitter.

Das hat dazu geführt, dass sich Teile des Münchner Boulevards und die Ismaik-Fraktion in gegenseitigem Einverständnis mehr oder weniger offen den Krieg erklärt haben. Ein Medienboykott hier, eine Hetzkampagne dort. Wilde Blüten trieb dies bis zuletzt. Die "Bild" beispielsweise rief Ismaiks ausführende Gewalt mit dem kraftvollen Namen Anthony Power, seit dem jüngsten Staatsstreich alleiniger Geschäftsführer, kürzlich in New York an – offensichtlich, als es an der US-Ostküste mitten in der Nacht war. Also antwortete Power am Telefon wenig überraschend: "Ich schlafe." Tags darauf titelte das Blatt: „Power zu BILD: "Ich schlafe!".

Medien müssen (meist) draußen bleiben

Kein Wunder also, dass das Verhältnis der Vereinsoberen zu den Medien bis auf wenige Ausnahmen kaum mehr als solches zu bezeichnen ist. In Portugal nun führte der Streit dazu, dass die Medien – ganz nach dem Vorbild der deutschen Nationalmannschaft – nur noch die ersten 15 Minuten einer Trainingseinheit miterleben dürfen. Verrückt ist dies deswegen, weil nur die Medien anschließend von der Einheit ausgesperrt werden, nicht aber die mitgereisten Fans, die weiterhin mit Handy-Kameras und Fotoapparaten ausgestattet die Arbeit ihrer Helden auf dem Platz verfolgen können. So treffen sich nach dem Training regelmäßig die Anhänger und Berichterstatter und tauschen sich darüber aus, was auf dem Rasen sonst noch passierte, nachdem die unliebsame Presse das Gelände räumen musste.

Und dann wären da natürlich noch die Transfers. Ismaik hat angekündigt, in 2017 zwischen 50 und 100 Millionen Euro in den Klub pumpen zu wollen. Doch weil es bislang keinen neuen Sportdirektor gibt, Geschäftsführer Anthony Power als Finanzfachmann selbsterklärt keine Ahnung von Fußball hat und besagter Kaderplaner – weil Eichin-nah – gehen muss, ist Trainer Vitor Pereira der einzige Fußballexperte im ganzen Profibereich bei 1860. Geballte fußballerische Fachkompetenz auf allen Ebenen? Eher nein. Da helfen auch keine 50 bis 100 Millionen Euro.

Als nun "Bild" und "tz" berichteten, die bisher nicht getätigten Transfers lägen nicht nur am Kompetenz-Vakuum, sondern auch an der DFL, die mögliche Transfers verhindere, publizierte der TSV eine Gegendarstellung mit dem Schlusszitat Powers: "Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zur DFL." Das klang ungefähr so glaubhaft wie Donald Trumps Äußerung, dass niemand größeren Respekt vor Frauen habe als der künftige US-Präsident. Denn längst haben die DFL-Oberen begonnen, ihre zwar aufgeweichte, aber auf dem Papier noch existente "50+1-Regelung" in Bezug auf den TSV 1860 München zu überprüfen.

Absurditäten nehmen kein Ende

Die Absurditäten beim Klub mit dem einst so stolzen Löwen auf der Brust findet man überall. Man muss nicht einmal genauer hinschauen. Ismaik schrieb kürzlich auf Facebook, das große Finanzloch beim TSV ärgere ihn. Und – Obacht! - er habe dafür einen entscheidenden Grund gefunden: die vielen Freikarten, die der Klub Heimspiel für Heimspiel verteile.

Ihm schien dabei offenbar nicht in den Sinn zu kommen, dass das finanzielle Fass ohne Boden bei Sechzig noch schwerwiegendere Gründe haben könnte. Da wären zum Beispiel Transfers wie der von Sebastian Boenisch. Der Linksverteidiger war im Herbst 2016 vereinslos, arbeitslos, als 29-Jähriger ohne Anstellung, ein Schnäppchen also, möchte man meinen. Doch die Löwen boten ihm sagenhafte 70.000 Euro Monatsgehalt und holten sich einen Spieler, der seit seiner Verpflichtung fast ausschließlich verletzt war und bislang nur zwei Spiele bestritt.

Als Löwen-Fan bleibt die Hoffnung, dass Pereira seinen sportlichen Erfolg aus Portugal und Griechenland auch in die zweite deutsche Liga übertragen kann und – dank prall gefülltem Geldbeutel – in den Transfers weniger daneben liegt als seine zahlreichen Vorgänger.

Im Sommer ein neuer Boss

Im Sommer dann soll ein neuer Boss kommen. Er steht angeblich bereits fest und heißt Ian Ayre. Der Brite ist aktuell niemand Geringeres als der Vorstandsvorsitzende des FC Liverpool und soll die Löwen zur neuen Saison übernehmen. Eigentlich kaum vorstellbar. Aber mit genügend Geld ist offenbar doch Kompetenz käuflich – selbst beim TSV 1860 München.

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