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Eisbein fĂŒr Putin und Streit mit dem Neffen – das ist Clemens Tönnies

  • David Digili
Von David Digili

Aktualisiert am 23.06.2020Lesedauer: 4 Min.
Seit ĂŒber 25 Jahren im Verein: Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies.
Seit ĂŒber 25 Jahren im Verein: Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies. (Quelle: /imago-images-bilder)
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Die Corona-FĂ€lle im eigenen Unternehmen sind nur die bisher letzte in einer Reihe diverser schlechter Nachrichten fĂŒr Clemens Tönnies. Dabei sind dem MilliardĂ€r kleinere und grĂ¶ĂŸere Krisen nicht fremd. Ein Portrait.

Im Fußball gehört er zur aussterbenden Art, ja, er ist fast nicht mehr existent: Der Alleinherrscher ĂŒber einen Verein, der schalten und walten kann, wie er will, der gerne mal wahlweise aus dem Bauch Entscheidungen trifft oder aus der HĂŒfte schießt und mit sich selbst dabei komplett im Reinen scheint. Dass er dabei öfter im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht als sein Verein, nimmt der Alleinherrscher mindestens billigend in Kauf. Gerhard Mayer-Vorfelder war der bekannteste Vertreter dieser Art, der 2015 verstorbene CDU-Politiker war 25 Jahre lang PrĂ€sident seines VfB Stuttgart, und das Besitzpronomen ist hier im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehen. Daneben war er zeitweise unter anderem baden-wĂŒrttembergischer Finanzminister, spĂ€ter – von 2001 bis 2006 – sogar noch DFB-PrĂ€sident, zwei Jahre davon in einer Doppelspitze mit Theo Zwanziger.


Ex-Stars von Schalke 04: Klubbesitzer und Vollzeit-Vater

Der FC Schalke 04. Revierklub, Lebensmittelpunkt fĂŒr unzĂ€hlige Menschen im Pott, emotional und auch mal chaotisch, aber immer: lebendig. Ein Klub mit Charakter – nur logisch, dass auch einige echte Typen den Verein ĂŒber die Jahrzehnte prĂ€gten. Von Klaus Fischer ĂŒber Marc Wilmots bis Ebbe Sand (v. li.): t-online.de zeigt, was die königsblauen Ikonen von einst heute machen.
Die "Wildkatze": Norbert Nigbur gehörte zu den besten deutschen TorhĂŒtern der 70er, hielt ĂŒber zehn Jahre den Rekord fĂŒr die lĂ€ngste Zeit ohne Gegentor (555 Minuten) – und ein echter Typ: Das Pokalhalbfinale gegen Köln 1972 entschied er selbst, als er erst insgesamt drei Elfmeter hielt und den entscheidenden Elfer selbst verwandelte. Mitte der 70er nahm Nigbur eine Schlagerplatte auf. Heute ist der mittlerweile 71-JĂ€hrige Immobilienunternehmer.
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Doch "MV" war auch immer durch diverse Verfehlungen in den Schlagzeilen. Mal sorgte Mayer-Vorfelder mit mindestens grenzwertigen Aussagen fĂŒr Diskussionen, dann wieder mit Steuerskandalen. Die "SĂŒddeutsche Zeitung" nannte ihn mal "AffĂ€ren-Profi".

Einzug bei Schalke fĂŒr den verstorbenen Bruder

Und in gewisser Weise ist Clemens Tönnies dann doch ein weiterer dieser aussterbenden Art. Der Mittwoch endete fĂŒr den 64-JĂ€hrigen mit einem weiteren Tiefschlag: Die 1:2-Niederlage seines FC Schalke 04 im Bundesligaspiel bei Eintracht Frankfurt verschlimmerte die ohnehin schon schlimme Krise der Königsblauen, die seit nunmehr 14 Bundesligaspielen auf einen Sieg warten und den eigenen Negativrekord weiter ausbauen.

Dabei hĂ€tte der Vorstandschef des Revierklubs positive Nachrichten gebrauchen können an diesem Tag – denn zuvor musste der Unternehmer bereits in seinem Hauptberuf einstecken. Über 650 Mitarbeiter in Tönnies‘ Schlachtbetrieb in Rheda-WiedenbrĂŒck – immerhin der grĂ¶ĂŸte in Deutschland – sind positiv auf Corona getestet worden, die Arbeit dort wurde nun bis auf Weiteres ausgesetzt. VorwĂŒrfe unzureichender Arbeitsbedingungen fĂŒr Arbeitsmigranten aus Osteuropa und mutmaßliches Lohndumping miteingeschlossen.

Tönnies-Betrieb in Rheda-WiedenbrĂŒck: Der Konzern ist von der Corona-Krise stark getroffen.
Tönnies-Betrieb in Rheda-WiedenbrĂŒck: Der Konzern ist von der Corona-Krise stark getroffen. (Quelle: /imago-images-bilder)

Wer ist dieser stets so akkurat frisierte MilliardĂ€r, dessen Unternehmen jedes Jahr 17 Millionen Schweine schlachtet? Kritik war Tönnies nie fremd. Seit 1994 engagiert er sich beim traditionsreichen Bundesligaklub, der auch durch eigenes Zutun nie so richtig zur Ruhe zu kommen scheint. Bruder Bernd war kurz zuvor nach einer Nierentransplantation gestorben, erst im Februar des Jahres hatte ihn die Mitgliederversammlung des Klubs zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlt. Bernd hatte 1971 auch das Fleisch-Imperium gegrĂŒndet, von ihm ĂŒbernimmt Clemens nicht nur die Leitung ĂŒber die Firma, sondern auch die Rolle im Fußballverein – als persönliches Versprechen, am Sterbebett gegeben. Dazu sagt er einmal, er sei eigentlich kein Mann fĂŒr die erste Reihe.

"Herr Putin mag die Eisbeine gern gepökelt"

DafĂŒr aber fĂŒhlt er sich ĂŒber die Jahre in seiner Rolle immer wohler. Er knĂŒpft Verbindungen zur Politik, ist vorne dabei, als S04 um die Jahrtausendwende mehrfach um die deutsche Meisterschaft mitspielt. Tönnies trĂ€gt auch fĂŒr die emotionale Fan-Basis explosive Entscheidungen mit: 2006 kanzelt er den langjĂ€hrigen Manager Rudi Assauer mit den Worten "Unser Rudi ist doch in jedes FettnĂ€pfchen getappt" ab, kurz darauf tritt Assauer, der Schalke immer als sein Projekt sah, der das neue Stadion mit auf den Weg brachte und den Verein mit geschickten Transfers zum Spitzenklub formte, zurĂŒck.

Ein Jahr spÀter fÀdelt Tönnies den lukrativen Sponsorendeal mit dem russischen Milliardenkonzern Gazprom ein, freundet sich mit Russlands Staatschef Wladimir Putin an. Er gratuliert dem Politiker zu Wahlsiegen, bei jedem Treffen im Kreml gibt es ein kleines Geschenk aus eigener Herstellung: "Herr Putin mag die Eisbeine gern gepökelt", sagt Tönnies mal zur MÀnnerfreundschaft.


WĂ€hrend der Klub ĂŒber die Jahre zwischen Bundesligaspitze und Mittelmaß hin- und herpendelt, tut sich dem Familienvater auf Unternehmensseite ein Konflikt auf: Mit Neffe Robert Tönnies entbrennt 2014 ein ebenso erbitterter wie bizarrer Streit um Anteile am Unternehmen, das nach Bernd Tönnies‘ Tod beide zu 50 Prozent halten. 2017 einigen sich beide Seiten in einem umstĂ€ndlich formulierten Papier, die KrĂ€fteverhĂ€ltnisse bleiben bestehen.

Ende 2019 klagt Robert erneut, dieses Mal wegen unzureichender Informationen ĂŒber ein InvestitionsgeschĂ€ft. Auch hier wird in letzter Sekunde die Auseinandersetzung geklĂ€rt. Aktuell versucht der 41-JĂ€hrige weiter, den Verkauf des Unternehmens zu forcieren – gegen den sich Clemens Tönnies weiter wehrt. Und: Er fordert im Zuge der Corona-FĂ€lle im Betrieb den RĂŒcktritt seines Onkels.

Seine schnelle RĂŒckkehr auf Schalke sorgt fĂŒr Stirnrunzeln

Schon 2016 verurteilt das Bundeskartellamt zwei Tochterfirmen wegen erwiesener Preisabsprachen zu einer Strafe von 128 Millionen Euro – die dann aber nicht eingetrieben werden können, weil die betroffenen Betriebe zuvor bereits liquidiert wurden. Das Bundeskabinett verabschiedet infolge dessen eine Gesetznovelle, um diesen Ausweg kĂŒnftig zu verbauen.


Letzten August empört der Klubchef, als er beim Tag des Handwerks in Paderborn fĂŒr den Bau von Kraftwerken in Afrika plĂ€diert – mit dem Hinweis: "Dann hören die auf, die BĂ€ume zu fĂ€llen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nĂ€mlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren." FĂŒr seinen verbalen QuerschlĂ€ger in heiterem Rassismus steckt Tönnies von allen Seiten Kritik ein, in deren Folge er sein Amt bei Schalke niederlegt – fĂŒr drei Monate. Die "Strafe" legt er sich selbst auf, seine schnelle RĂŒckkehr in die Öffentlichkeit sorgt dann ebenfalls fĂŒr Stirnrunzeln.

Die Debatte damals habe ihn "schwer getroffen", sagt er im Januar 2020 bei "Sky". "Nicht, weil ich etwas Falsches gesagt habe, sondern, weil es falsch aufgefasst wurde. Man hat mich falsch verstanden." Schuldbewusstsein? Fehlanzeige. Auch zu den aktuellen Corona-FÀllen im eigenen Betrieb ist ein EingestÀndnis bisher ausgeblieben.

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Wie bei einem dieser Fußball-Alleinherrscher, dieser aussterbenden Art. Oder eben: Ein "AffĂ€ren-Profi", zu dem auch dieser Clemens Tönnies geworden zu sein scheint.

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