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Berti Vogts: "Ich habe große Schwierigkeiten mit Oliver Bierhoff"

MEINUNGEx-Bundestrainer kritisiert Fußball  

"Ich habe große Schwierigkeiten mit Oliver Bierhoff"

Von Berti Vogts

23.10.2019, 16:04 Uhr
Berti Vogts: "Ich habe große Schwierigkeiten mit Oliver Bierhoff". Berti Vogts hat Probleme damit, welchen Stellenwert die Vermarktung bei der Nationalmannschaft einnimmt – ein Thema, für das Oliver Bierhoff verantwortlich ist. (Quelle: imago images)

Berti Vogts hat Probleme damit, welchen Stellenwert die Vermarktung bei der Nationalmannschaft einnimmt – ein Thema, für das Oliver Bierhoff verantwortlich ist. (Quelle: imago images)

Der Ausfall von Niklas Süle trifft die Bayern nicht so schwer wie die Nationalmannschaft. Allerdings gibt es andere besorgniserregende Entwicklungen – denn die Liebe zum Fußball droht, verloren zu gehen.

Die Verletzung von Bayerns Verteidiger Niklas Süle am Samstag im Spiel gegen Augsburg und ihre möglichen Folgen haben mich lange beschäftigt. So bitter es auch klingt: Eine Mannschaft mit einer so hohen Spielfrequenz wie der FC Bayern muss immer mit Ausfällen rechnen. Trotzdem könnte ich bei den Bayern gerade deshalb Wehklagen verstehen, da sie ja ständig gefordert werden und jetzt in kurzer Zeit zum Umstellen gezwungen sind.

Gespräch mit Hummels? Löw sollte das ruhig machen

Dass nun auch der Nationalmannschaft ein sehr wichtiger Spieler in ihrer Organisation lange fehlen wird, das wiegt zwar ebenfalls schwer. Aber neun Monate vor einer Europameisterschaft sollte man nicht in Panik verfallen. Der DFB-Elf bleibt noch so viel Zeit bis zur EM, da weiß man nie, wie sich die Dinge entwickeln. Die Medizin ist heute so weit, dass Spieler sogar schon nach fünf Monaten wieder zurückkommen können.

Bundestrainer Löw (l.) und Mats Hummels zu gemeinsamen DFB-Zeiten: t-online.de-Kolumnist Berti Vogts würde ein Gespräch der beiden befürworten. (Quelle: imago images)Bundestrainer Löw (l.) und Mats Hummels zu gemeinsamen DFB-Zeiten: t-online.de-Kolumnist Berti Vogts würde ein Gespräch der beiden befürworten. (Quelle: imago images)

Natürlich werden nun wieder die Rufe nach einer Rückkehr von Mats Hummels in der deutschen Mannschaft laut. Ich erinnere mich dazu an die WM 1998. Da habe ich den großen Fehler gemacht, dass ich Spieler zurückgeholt habe, die ich vorher beim Neuaufbau eigentlich nicht mehr berücksichtigt hatte. Das war falsch von mir. Da wurden auch von den Medien viele Dinge in eine falsche Richtung geleitet, und ich war gezwungen – auch aufgrund des damals mangelnden Angebots in der Bundesliga –, auf altbekannte Spieler zurückzugreifen. Heute sage ich: Ich hätte lieber konsequent auf die Jungen setzen sollen.

Ich weiß nicht, was zwischen Bundestrainer Joachim Löw und dem Trio Hummels/Müller/Boateng vorgefallen ist, dass er sie nicht mehr berücksichtigt. Aber ich glaube nicht, dass er ohne Druck oder Grund auf drei so gestandene Spieler verzichtet. Möglich, dass bei der letzten WM einiges vorgefallen ist. Es ist allein Löws Entscheidung, und er scheint davon überzeugt, dass es auch ohne die drei geht. Aber wenn er nun in dieser Situation doch irgendwann meint, noch einmal mit Hummels sprechen zu wollen, dann finde ich: Er sollte das ruhig machen. Unter gestandenen Männern muss das möglich sein. Der Druck von außen in diese Richtung wird zunehmen – aber ein Bundestrainer muss damit umgehen können.

Wir tun unserem Sport keinen Gefallen

Aber das ist eine Nebensächlichkeit, wenn man sich erstmal genauer mit dem Thema beschäftigt, das mir aktuell besonders am Herzen liegt. Denn ich befürchte, dass der Fußball im Moment zerstört wird. Beim Topspiel von Borussia Dortmund gegen meine Gladbacher am Samstag gab es wieder einmal Ärger um den Videobeweis. Ich meine: Die Schiedsrichter sind heute die ärmsten Figuren im Spiel. Wir dürfen nicht den Fehler machen, dass wir den Fußball durch die ganze Situation um den Video-Assistenten so beschädigen. Die Verantwortlichen in Köln sollten sich dringend überlegen, ob sie sich nicht ein wenig zu wichtig nehmen. Bei groben Fehlentscheidungen des Schiedsrichters sollten sie selbstverständlich eingreifen. Aber wenn Dortmunds Marco Reus gegen Gladbach kaum sichtbare zwei Zentimeter im Abseits steht – Digitalisierung und "modernes Zeitalter" hin oder her, das verstehe ich nicht. Noch ist der Schiedsrichter auf dem Rasen der wichtigste Mann.

Dortmunds Marco Reus im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach: Mithilfe des Video-Assistenten wurde eine hauchdünne Abseits-Entscheidung getroffen. (Quelle: imago images)Dortmunds Marco Reus im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach: Mithilfe des Video-Assistenten wurde eine hauchdünne Abseits-Entscheidung getroffen. (Quelle: imago images)

Früher ging es in den Gesprächen am Tag nach dem Spiel um tolle Tore – heute nur noch um das Fehlverhalten der Leute da im Keller in Köln. Das ist doch nicht fair gegenüber den Schiedsrichtern auf dem Platz – und vor allem: Es schafft nur Unsicherheit und nimmt die Emotionen raus, für die wir alle den Fußball doch eigentlich so lieben. Denn wenn ich erst abwarten muss, ob ich nun jubeln darf oder nicht, dann ist das nicht mehr mein Sport.
Mit diesem ständigen Eingreifen aus Köln tun wir unserem liebsten Sport keinen Gefallen. Warum zum Beispiel setzt man nicht einen Ex-Spieler oder -Trainer in den Keller in Köln, also jemanden, der sich in die Situationen richtig hineinversetzen kann? So wird es ja auch in anderen Sportarten praktiziert, wie beispielsweise in der Formel 1: Hier entscheidet bei vermeintlichen Vergehen der jeweiligen Fahrer immer ein ehemaliger Fahrer über das mögliche Strafmaß – oder ob überhaupt bestraft werden muss – mit. 

Ich sehe ein grundsätzliches Problem

Das alles ist für mich aber nur ein weiterer Aspekt, der zeigt, dass sich der Fußball immer weiter von seinen Ursprüngen entfernt und sich von seinen Fans – mich eingeschlossen – entfremdet. Ich sehe da ein grundsätzliches Problem, besonders, was unsere Nationalmannschaft angeht. Auf ein Länderspiel haben sich die Fans früher gefreut. Heute spielt da "die Mannschaft", ein Begriff, über den ja schon viel diskutiert wurde. Aber er wird weiter genutzt, und da habe ich große Schwierigkeiten mit Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff. Die Vermarktbarkeit wird weiterhin über alles gestellt – da darf man sich nicht wundern, dass sich Fans abwenden und Länderspiele nicht mehr ausverkauft sind.

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff: Berti Vogts kritisiert seinen ehemaligen Spieler. (Quelle: imago images)Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff: Berti Vogts kritisiert seinen ehemaligen Spieler. (Quelle: imago images)

Man muss auch endlich davon abkommen, die Spiele erst um 20.45 Uhr oder später anzupfeifen. Welcher Vater nimmt da seine Kinder denn noch mit ins Stadion, dazu vielleicht auch noch an einem Sonntag und mit langer Fahrt in eine andere Stadt? Ich plädiere für eine Anstoßzeit um 20 Uhr. Auch die Übersättigung ist ein generelles Problem. Wenn die wunderbaren Leichtathleten, Turner oder Kanuten um Sendezeit im Fernsehen kämpfen, aber ständig selbst die 3. oder 4. Liga live übertragen wird – dann denke ich mir: Muss das wirklich sein? Das Gefühl, ein Spiel unbedingt sehen zu müssen, nimmt immer weiter ab, auch aufgrund des Überangebots – und des immer dichteren Spielrhythmus.



Fußball und besonders die Partien der Nationalmannschaft waren immer ein gesellschaftliches Ereignis, man hatte das Gefühl, auf keinen Fall ein Länderspiel verpassen zu dürfen, weil es immer um die EM- oder WM-Qualifikation ging. Heute hat man noch Nations League und Testspiele und kann kaum den Überblick bewahren, geschweige denn die verschiedenen Modi stets im Kopf haben. Deutschland ist aus der Nations League A abgestiegen – aber welche Konsequenzen hatte das im Nachhinein?

Wir befinden uns in einer kritischen Phase für den Fußball. Die Liebe zum Sport droht, verloren zu gehen. Und das sollte uns alle beschäftigen.


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