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Bewegter Völler besucht Waisenhaus in Mexiko

Von dpa
20.05.2022Lesedauer: 4 Min.
Rudi Völler mit Kindern aus dem Waisenhaus "Casa de Cuna" in Queretaro.
Rudi Völler mit Kindern aus dem Waisenhaus "Casa de Cuna" in Queretaro. (Quelle: Holger Schmidt/dpa./dpa)
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Mexiko-Stadt (dpa) - Es ist 6.58 Uhr am Morgen. Die gigantische Metropole Mexiko-Stadt erwacht erst langsam. Rudi Völler steht mit einem Kaffee in der Hand und wachen Augen schon vor dem "St. Regis"-Hotel und ist freudig gespannt.

Um fit zu sein fĂŒr den "wichtigsten Termin" der Mexiko-Reise von Bayer Leverkusen hat der scheidende GeschĂ€ftsfĂŒhrer die Veranstaltung am Abend zuvor extra etwas frĂŒher verlassen.

Nun liegt eine dreistĂŒndige Fahrt nach Queretaro vor ihm. In jenes Waisenhaus, das er als Nationalspieler 1986 bei der Fußball-WM erstmals besichtigte. Und in das er seitdem mehrmals zurĂŒckkehrte. "GrundsĂ€tzlich ist es immer noch traurig, das dort zu sehen", sagt er der Deutschen Presse-Agentur: "Aber jedes Mal, wenn ich hinkomme, hat sich vieles verbessert."

Botschafter der Egidius-Braun-Stiftung

Der damalige DFB-Schatzmeister und spĂ€tere PrĂ€sident des Deutschen Fußball-Bundes, Egidius Braun, hatte das Waisenhaus vor 36 Jahren besucht und war von dem dortigen Elend ergriffen. Gemeinsam mit den Nationalspielern Völler und Toni Schumacher sowie Teamchef Franz Beckenbauer kehrte er zurĂŒck. Und grĂŒndete schließlich die "Mexiko-Hilfe", die heute "Egidius-Braun-Stiftung" heißt. Völler ist ihr prominentester Botschafter. 1986 gab er, tief bewegt von dem, was er dort sah, spontan 5000 Mark. Er war damit der erste Spender ĂŒberhaupt.

"Es war damals alles sehr heruntergekommen", erzĂ€hlt Völler auf dem Weg nach Queretaro. "Es fehlte an allem. Es war erbĂ€rmlich und schockierend." Seit etwa zehn Jahren war der Weltmeister von 1990 nun nicht im "Casa de Cuna", einen solch langen Abstand zwischen zwei Besuchen hatte es in den 36 Jahren noch nicht gegeben. Deshalb ist er umso angespannter. "Rudi hat mir auf der Fahrt viel erzĂ€hlt", sagt Simon Rolfes, Völlers Nachfolger als Bayer-GeschĂ€ftsfĂŒhrer und ebenfalls Kuratoriums-Mitglied der Egidius-Braun-Stiftung, der seinen Ex-Chef begleitet: "Nun bin ich sehr gespannt darauf, mir ein eigenes Bild zu machen."

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An der TĂŒr wird Völler direkt von Georg-Christoph Bauer empfangen. Der 86 Jahre alte Generalkonsul war schon bei dessen erstem Besuch dabei. Er fĂŒhrt Völler und Rolfes in den bunt geschmĂŒckten Hof. 36 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren warten schon. Mit bunten Masken und Deutschland- und Mexiko-Fahnen sitzen sie brav auf ihren StĂŒhlen. "Alemania" singen sie. Und "Hoch lebe Rudi" auf Spanisch. Der 62-JĂ€hrige wirkt tief beeindruckt und genießt den Augenblick still.

Von den Erzieherinnen haben einige frĂŒher selbst in diesem Haus gelebt, erzĂ€hlt Völler. "Sie wollen das, was ihnen Gutes widerfahren ist, weitergeben." Das gespendete Geld wurde gut investiert. Wo die Kinder 1986 laut Schumacher "in Apfelsinenkisten geschlafen haben", gibt es heute anstĂ€ndige Betten in den SchlafsĂ€len. Die der Jungs sind grĂŒn bezogen, die der MĂ€dchen pink. Auf jedem Bett liegt ein Kuscheltier. Es gibt anstĂ€ndige SanitĂ€r-Anlagen fĂŒr Jungen und MĂ€dchen und eine Spiel- und Turnhalle. Im Hof stehen SpielhĂ€user, KlettergerĂŒste und eine Rutsche. Der Besuch aus Deutschland wird mit Hot Dogs und Brezeln empfangen. Die Kinder sind zunĂ€chst zurĂŒckhaltend, dann greifen alle tĂŒchtig zu.

Scheck ĂŒber 10.000 Euro

Kurz darauf muss Völler eine Pressekonferenz abhalten. Auch JosĂ© Antonio Nunes Vera, der Chef und Kinderarzt des Waisenhauses, soll etwas erzĂ€hlen. Doch er kommt nicht weit. Die Stimme des 77-JĂ€hrigen bricht, dann kullern TrĂ€nen ĂŒber seine Wangen. "Der DFB und Menschen wie Herr Völler haben so vielen Kindern geholfen. Und tun es immer noch", schluchzt er. "Wir mĂŒssen uns bei Gott bedanken, dass uns so viel Gutes beschert wurde." Völler ĂŒbergibt einen Scheck ĂŒber 10.000 Euro und einen Tischkicker, den er sofort mit den Kindern ausprobieren will. Doch leider sind keine BĂ€lle da.

Rolfes stellt er quasi auch hier als seinen Nachfolger vor. "Damit ist gesichert, dass unser Club hier weiter Gutes tun kann." Rolfes nimmt das Mandat an. "Der Empfang dieser sĂŒĂŸen Kinder war sehr herzlich", sagt er: "Ich will gerne das weiter unterstĂŒtzen, was Rudi aufgebaut hat." Er selbst werde aber "selbstverstĂ€ndlich" auch weiter hierherkommen, versichert der fĂŒnffache Vater Völler.

Leverkusen-Maskottchen fĂŒr die Kinder

Anschließend setzen sich die beiden Ex-Nationalspieler inmitten der Kinder. Sie verteilen das Vereins-Maskottchen "Brian the Lion", einen kleinen gelben Löwen. Völler fragt den kleinen Juan Pablo, ob er sich auf seinen Schoß setzen will. Der Junge mit der blauen Brille springt sofort auf. Völler stellt ihm Fragen, doch der VierjĂ€hrige ist zu aufgeregt, um ein Wort rauszukriegen. Er nickt nur eifrig.

Kurz darauf spricht ein junger Mann Völler an und zeigt ihm ein Foto. Es zeigt ihn als kleinen Jungen und einen noch deutlich weniger ergrauten Völler bei einem frĂŒheren Besuch. "Eine wunderbare Geschichte", sagt Völler: "Er hat als Junge hier gelebt, heute ist er ĂŒber 20 und hat sich wunderbar entwickelt."

Nach rund zwei Stunden bricht die Bayer-Delegation wieder nach Mexiko-Stadt auf. Und Völler tritt die RĂŒckreise mit einem guten GefĂŒhl an. "Ich bin begeistert, wie sich dieses Haus entwickelt hat", sagt er: "Hier sind viele wunderbare Dinge passiert in den vergangenen 36 Jahren." Und dann erinnert er wieder an Egidius Braun. "Er war immer die Triebfeder des Ganzen", sagt Völler ĂŒber den im MĂ€rz im Alter von 97 Jahren gestorbenen Vater der Stiftung, an den eine Ehrentafel im Heim erinnert: "Er wĂ€re sicher stolz, wenn das hier heute sehen könnte."

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