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EM 2021 | Ballack bis Schweinsteiger: Dieser TV-Experte ist am besten


MEINUNGDas große TV-Zeugnis  

Die Noten: Nur ein Weltmeister überragt

26.06.2021, 16:04 Uhr
EM 2021 | Ballack bis Schweinsteiger: Dieser TV-Experte ist am besten. Bastian Schweinsteiger ist für die ARD im Einsatz und steht gemeinsam mit Jessy Wellmer vor der Kamera. (Quelle: WDR/Ben Knabe)

Bastian Schweinsteiger ist für die ARD im Einsatz und steht gemeinsam mit Jessy Wellmer vor der Kamera. (Quelle: WDR/Ben Knabe)

Die Vorrunde der EM ist vorbei und Fußballfans diskutieren über die Expertenflut im TV: Wer hat in der ARD, im ZDF und bei Magenta überzeugt, wer nicht? t-online hat die Leistungen benotet und festgestellt: Kramer ist der Beste, die großen Namen in der ARD dagegen enttäuschen bisher. 

Kevin-Prince Boateng

Mit viel Trara und Brimborium hat die ARD seine Verpflichtung als EM-Experte bekannt gegeben. Im Video sagt er: "Ich habe mich von den Straßen Berlins bis nach San Siro gespielt." Und: "Ich habe unter den Besten trainiert und mit den Besten trainiert." Und: "Ich bin Bruder, Bad Boy und Leader – aber immer mit Herz." Leider sind das bis heute seine spannendsten Aussagen geblieben. Das Herz hat er auf dem Platz gelassen.

Neu im Kreis der TV-Experten: Kevin-Prince Boateng, genannt "Prinz". (Quelle: imago images/Sven Simon)Neu im Kreis der TV-Experten: Kevin-Prince Boateng, genannt "Prinz". (Quelle: Sven Simon/imago images)

Als Spieler verleiht er seinen Klubs immer Glanz, macht derzeit mit seiner Rückkehr zu Hertha BSC Schlagzeilen. Er kämpft, grätscht und brilliert. Vor allem aber polarisiert er. Als Experte ist er bisher oft das Gegenteil: unauffällig. Nur selten blitzt sein Potenzial auf, wie wenn er davon berichtet, dass Andrea Bocelli bei seiner Hochzeit aufgetreten ist – so wie nun bei der EM-Eröffnungsfeier in Italien.

Wenn Boateng Regungen bei Kollegen oder Fans hervorruft, dann eher ungewollte. Mit der Formulierung "Hummels ist schon so lange im Game" sorgte er bei Almuth Schult für einen Lachanfall. Note: 4-5.

Stefan Kuntz

Der 59-Jährige ist mit Abstand der älteste der TV-Experten, hat die meiste Erfahrung sowohl vor der Kamera als auch im Fußballgeschäft insgesamt. Und: Er hat selbst gerade erst mit der U21 zum zweiten Mal die Europameisterschaft gewonnen, holte mit der A-Nationalmannschaft den letzten EM-Titel 1996 in England. Kuntz weiß also, wie man Europameister wird.

Seine Auftritte in der ARD? Positiv, gut gelaunt, sympathisch. Der Haken: Als Angestellter des DFB ist er der falsche Ansprechpartner, wenn es um eine kritische Betrachtung der Auftritte der Nationalelf geht. Und: Kuntz könnte noch mehr Anekdoten einstreuen. Unterhaltsam wird es, wenn er davon berichtet, wie seine Mutter ihn 1996 aufforderte, sich doch bitte möglichst tief und lange vor der Queen zu verbeugen. Oder wenn er von seinen Gesprächen mit den Lauterer WM-Helden von 1954 berichtet, die für den Titel eine Waschmaschine bekommen haben und trotz ihres Erfolges mit ihrer Demut beeindruckten. Note: 3.

Almuth Schult

Sie ist Olympiasiegerin, Welttorhüterin und hat mit dem Frauenfußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg alle Titel gewonnen, die es auf der Klubebene zu holen gibt. Nun ist sie als EM-Expertin im Einsatz und – wenn es in dem Quartett aus Moderator Alexander Bommes, U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz und Ex-Bundesligaspieler Kevin-Prince Boateng so etwas gibt – die Gewinnerin. Wirkte sie zunächst noch phasenweise wie ein Fremdkörper, hat sie sich im Laufe der Vorrunde extrem gesteigert.

Auf Klebezetteln hat Schult Statistiken und Infos notiert, mit denen sie die Diskussion voranbringen und den Zuschauern zu einem Erkenntnisgewinn verhelfen will. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund wie bei ihrer Kritik am Österreicher Martin Hinteregger: "Wenn Du mit dem Außenrist den eigenen Mann abschießt, dann sieht das einfach nur Scheiße aus." Und sie wird für ihre Fachkenntnis geschätzt, wie ein Tweet von Bundesliga-Analyst und Autor Tobias Escher gleich zu Beginn des Turniers belegt: "EM-Berichterstattung ist keine fünf Minuten alt und Almuth Schult korrigiert Alexander Bommes' Unwissen über den Unterschied zwischen Angriffs- und Gegenpressing. Sie ist jetzt schon meine Heldin." Ihr Lachanfall kam überwiegend gut an. Note: 2.

Bastian Schweinsteiger

Der Weltmeister, der in der ARD mit Jessy Wellmer die Spiele aus dem Stadion einordnet, musste sich für seine Auftritte schon viel Kritik anhören. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland verglich Wellmer mit einer "hartgesottenen Ehefrau, die seit 40 Jahren versucht, dem verstockten Göttergatten Fühlbares zu entlocken. […] Der 'Bastian', inzwischen staatsmännisch silbrig schimmernd, steht stoisch in der ARD herum wie sein eigenes Denkmal. Wellmer springt quasi an ihm hoch wie ein Hündchen an der Eiche. Aber der Baum wankt nicht."

Sportschau-Moderatorin Jessy Wellmer und Bastian Schweinsteiger in der Münchner Allianz Arena. Sie bekommen bisher überschaubare Kritiken für ihre Einsätze in der ARD. (Quelle: imago images/Team 2)Sportschau-Moderatorin Jessy Wellmer und Bastian Schweinsteiger in der Münchner Allianz Arena. Sie bekommen bisher überschaubare Kritiken für ihre Einsätze in der ARD. (Quelle: Team 2/imago images)

Wellmer erzählt immer wieder, wie Schweinsteiger angeblich während des Spiels mitgegangen sei. Sobald die Kamera an ist, sind seine Emotionen leider oftmals wie weggeblasen, der Erkenntnisgewinn ist oft überschaubar. Schweinsteiger gibt sich Mühe, macht auch einen sympathischen Eindruck, fällt allerdings letztlich mehr mit seinen edlen Outfits auf statt mit Aussagen. Note: 4.


Thomas Broich

Was hat Thomas Broich als Fußballer eigentlich vorzuweisen, das ihn zum Experten macht? Das fragen sich Kritiker. Und tatsächlich: Seine erfolgreichste Zeit hatte er in Australien bei Brisbane Roar, wo er dreimal Meister und Spieler des Jahrzehnts wurde. In Deutschland spielte er nur 87-mal in der Bundesliga. Aber: Als Co-Kommentator überzeugt er durchaus – insbesondere mit seinem Detailwissen über Spieler, die der gewöhnliche Fußballfan nicht auf seinem Radar hat.

In seinen genialen Momenten schafft er das, was man sich von jedem Experten wünscht und so selten bekommt: Er erklärt die Probleme einer Mannschaft an einem Spielzug, er benennt gnadenlos die Schuldigen für ein Gegentor, statt nur Phrasen zu dreschen. Und er seziert punktgenau, warum eine Mannschaft jetzt die Oberhand gewinnt. Sein Tonfall erinnert manchmal an einen prätentiösen wissenschaftlichen Mitarbeiter mit einer halben Stelle, der sich als Professor aufspielt. Das größte Problem haben aber seine Co-Kommentatoren – die lässt er nämlich regelmäßig alt aussehen. Neben seinen Rasiermesser-Analysen wirken deren übliche Phrasen – "Da hat einfach die Abwehr geschlafen" – fast dümmlich. Note: 2.

Christoph Kramer

Der große Gewinner unter den Experten insgesamt. Kramer hat bewiesen, dass er menschlich kann, als er den Eriksen-Schock einordnen muss ("Mir fehlen die Worte, die fehlen mir eigentlich nie"). Er kann energisch, wenn ihm die deutsche Mannschaft zu schlecht wegkommt ("Wir sind jetzt einmal in 120 Jahren in der Vorrunde ausgeschieden und denken: Ach, die Deutschen, hoffentlich überleben wir die Vorrunde. Wir sind die deutsche Nationalmannschaft. Wir haben einen Kader, der ist richtig gut"). Und er kann ehrlich ("Im Fußball ist die Scheiße leider, dass immer diese Kack-Tore zählen").

Per Mertesacker (l.) und Christoph Kramer: 2014 gewannen sie gemeinsam in Brasilien den Weltmeistertitel, nun ordnen sie zusammen im ZDF die Spiele der Nationalmannschaft ein. (Quelle: ZDF/Torsten Silz.)Per Mertesacker (l.) und Christoph Kramer: 2014 gewannen sie gemeinsam in Brasilien den Weltmeistertitel, nun ordnen sie zusammen im ZDF die Spiele der Nationalmannschaft ein. (Quelle: ZDF/Torsten Silz.)

Sympathisch, positiv, klar, unterhaltend: Kramer erinnert im ZDF an Jürgen Klopp insbesondere bei der WM 2006 oder auch der EM 2008 – und hat eine große Karriere als Experte vor sich. Einziger Kritikpunkt: Kramer und auch Kollege Per Mertesacker haben mit der Nationalelf und Trainer Joachim Löw mit dem WM-Titel ihren größten Erfolg gefeiert. Sie bemühen sich um eine kritische Betrachtung, mitunter fällt die allerdings sichtlich schwer. Note: 1.


Per Mertesacker

Wie auch sein ZDF-Kollege Christoph Kramer ist Mertesacker durchaus noch nah dran an der deutschen Mannschaft, durch sein Karriereende und seinen Job als Nachwuchschef bei Arsenal jedoch nicht ganz so nah. Deshalb gibt es durchaus Kritik an ehemaligen Mitspielern wie zum Beispiel Antonio Rüdiger nach dessen Knabber-Angriff auf Paul Pogba. Mertesacker: "Ich weiß nicht, ob das seine Vorstellung ist von eklig sein, aber ich kann das absolut nicht nachvollziehen." Nach dem 2:2 der Nationalmannschaft gegen Ungarn benennt er die Bemühungen in der letzten Viertelstunde als das, was sie waren: Harakiri.

Mit Trainer Joachim Löw wurde Per Mertesacker 2014 Weltmeister, heute beurteilt er die Leistungen der deutschen Nationalmannschaft für das ZDF. (Quelle: imago images/Eibner)Mit Trainer Joachim Löw wurde Per Mertesacker 2014 Weltmeister, heute beurteilt er die Leistungen der deutschen Nationalmannschaft für das ZDF. (Quelle: Eibner/imago images)

Mertesacker gehört definitiv zu den besseren Experten bei seinem ersten großen Turnier in dieser Funktion. Er steht allerdings im Schatten von Kramer – auch weil die Knalleraussagen fehlen. Man wünscht sich von ihm Momente wie 2014 als Spieler: Damals hatte er sich mit emotionalen Interview-Aussagen wie "Das ist mir völlig wurscht" und "Ich lege mich jetzt erst mal drei Tage in die Eistonne" im Gedächtnis der ganzen Nation verewigt. Mertesacker muss noch mehr aus sich herausgehen. Note: 3.

Sandro Wagner

Normalerweise arbeitet Wagner bei DAZN an der Seite von Jan Platte oder Alex Schlüter, mit denen die Chemie stimmt. Im ZDF mit Bélà Rethy oder Oliver Schmidt und vor einem Millionenpublikum tat sich Wagner bisher schwerer. In diesen Konstellationen wirkte das bei der EM bisher weniger eingespielt und harmonisch. Aber: Wagner ist authentisch und ähnlich wie in seinen letzten Jahren als Spieler. Er ist fachlich und analytisch top – scheut sich nicht vor klaren Worten und flapsigen Sprüchen. Vor dem EM-Auftakt der Deutschen gegen Frankreich stimmte er nicht in die Lobeshymnen für den Weltmeister ein, sondern benannte im Gegenteil die Schwächen in der Abwehr. Deutschland als Außenseiter? Nicht für Wagner. Höhepunkt war sein Satz über den Verteidiger von Paris St. Germain: "Kimpembe ist taktisch gesehen nicht die hellste Kerze auf der französischen Torte". Ist das Deutschland gegenüber teilweise zu unkritisch? Vielleicht. Note: 2-3.


Peter Hyballa

Hyballa ist im ZDF für die Analyse zuständig und arbeitet viel mit sprachlichen Bildern und Vergleichen. Dabei bewegt er sich zwischen Genie und Wahnsinn. Als er die Aufregung um die Abkehr des niederländischen Trainers Frank de Boer vom alten Spielsystem anspricht, sagt er: "Das 4-3-3 ist Kulturgut in den Niederlanden. Wenn du im Ruhrpott die Currywurst abschaffst, bekommst du auch ein Problem." Wenn eine Mannschaft die Räume eng macht, nennt Hyballa das das "Prinzip Iglo".

Peter Hyballa trainierte schon 18 verschiedene Mannschaften von der U19 von Borussia Dortmund bis zu den Profis von NEC Nijmegen. Bei der EM ist er im ZDF für die Taktikanalyse zuständig. (Quelle: imago images/Martin Hoffmann)Peter Hyballa trainierte schon 18 verschiedene Mannschaften von der U19 von Borussia Dortmund bis zu den Profis von NEC Nijmegen. Bei der EM ist er im ZDF für die Taktikanalyse zuständig. (Quelle: Martin Hoffmann/imago images)

Er ist bei seinen Analysen voller Energie und Begeisterung, übertreibt es allerdings auch immer wieder oder wird hastig. Und mancher Zuschauer fragt sich: Wenn er sich mit Taktik und Systemen so gut auskennt, warum ist er dann kein erfolgreicher Trainer in der Bundesliga? Note: 3.

Ariane Hingst

Zweifache Weltmeisterin, vierfache Europameisterin: Ariane Hingst hat 174-mal für Deutschland gespielt und alles gewonnen. Im ZDF kommentiert sie die Spiele an der Seite von Claudia Neumann fachkundig und emotional. In den Augen der Sport Bild erzählt sie "zu viel Banales", andere sehen sie stärker. Überschattet wurden die Einsätze von Hingst und Neumann von Anfeindungen und sexistischen Äußerungen in sozialen Netzwerken, die das ZDF öffentlich gemacht hat, um ihnen entgegenzutreten. Note: 3.

Hanno Balitsch

Als Spieler blieb ihm die ganz große Karriere verwehrt. Immerhin ein Länderspiel absolvierte der frühere Mittelfeldspieler und heutige Co-Trainer der U20-Nationalmannschaft beim DFB. Im ZDF macht er einen soliden bis guten Job als Co-Kommentator, hat sich durchaus verbessert und gehört mittlerweile auch schon zu den erfahrenen Turnierexperten. Note: 3.

Michael Ballack

Der ehemalige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft analysiert die Spiele bei Magenta TV. Mal berichtet er anekdotisch aus seiner eigenen Karriere, mal überzeugt er mit klaren Aussagen – dann wieder verliert er sich in Phrasen. Ballack gehört insgesamt zu den besseren Experten, auch aufgrund seiner eigenen Erfahrung als Profi. Note: 2-3.


Moderator Jan Henkel im Gespräch mit Fredi Bobic bei der Eröffnung des EM-Studios von Magenta TV. (Quelle: imago images/Thomas Vonier)Moderator Jan Henkel im Gespräch mit Fredi Bobic bei der Eröffnung des EM-Studios von Magenta TV. (Quelle: Thomas Vonier/imago images)

Fredi Bobic

Der neue sportliche Leiter von Hertha BSC müsste eigentlich genug zu tun haben, tritt aber auch als Experte für Magenta TV auf. Auch hier macht er einen guten Job, punktet mit seiner Expertise und überzeugt mit klaren Aussagen. Bobic gehörte wie ARD-Kollege Stefan Kuntz zu den Nationalspielern, die 1996 mit Trainer Berti Vogts die Europameisterschaft 1996 gewonnen haben. Auch diese Erfahrung hilft ihm. Note: 2.


Manuel Baum

Als Trainer blickt er nach seinem missglückten Engagement bei Schalke 04 auf eine Saison zum Vergessen zurück – als Experte erklärt er bei Magenta TV alles, was mit Taktik zu tun hat. Das gelingt trotz des Einsatzes diverser Fachbegriffe gut. Baum erklärt anschaulich und souverän – und verschafft den Zuschauern durchaus einen Erkenntnisgewinn. Note: 2-3.

Liebe Leserinnen und Leser: Wie beurteilen Sie die Leistung der TV-Experten? Wer ist top und auf wessen Meinung würden Sie eher verzichten? Schicken Sie uns Ihre begründete Meinung mit dem Betreff "EM-Experten" per E-Mail an lesermeinung@stroeer.de. Eine Auswahl der Einsendungen werden wir mit Nennung des Namens veröffentlichen.

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