Sie sind hier: Home > Sport >

Lahm will Kapitän bleiben - Machtkampf in der Nationalmannschaft

WM 2010  

Lahm will Kapitän bleiben - was wird aus Ballack?

05.07.2010, 19:49 Uhr | t-online.de, t-online.de

Lahm will Kapitän bleiben - Machtkampf in der Nationalmannschaft. Philipp Lahm und Michael Ballack kämpfen um die Chefrolle. (Foto: imago)

Philipp Lahm und Michael Ballack kämpfen um die Chefrolle. (Foto: imago)

Ausgerechnet vor dem WM-Halbfinale gegen Spanien tobt innerhalb der Nationalmannschaft ein Machtkampf: Philipp Lahm hat angekündigt, seine Rolle als deutscher Kapitän auch über die WM in Südafrika hinaus ausüben zu wollen. Das verdeutlichte der 26-Jährige in einem Interview mit der "tz". "Es ist doch klar, dass ich die Kapitänsbinde gerne behalten möchte", sagte Lahm und bestätigte so, was einige Experten bereits gefordert hatten. Damit gerät der verletzte Michael Ballack, der gestern überraschend seinen Besuch beim Team abbrach und aus Südafrika abreiste, immer mehr ins Abseits. Seine Zukunft im DFB-Trikot erscheint offener denn je.

Bundestrainer Joachim Löw hatte Lahm nach Ballacks Verletzung zunächst nur für das WM-Turnier zum Kapitän gemacht. Inzwischen hat der Bayern-Profi die Rolle in dem jungen DFB-Team mit großem Engagement angenommen und dafür viel Lob erhalten. "Meine Rolle auf dem Platz erfülle ich seit mehreren Jahren, die habe ich im Griff. Dann will man sich auch um mehr kümmern, mehr Verantwortung übernehmen", erklärte Lahm. "Das habe ich jetzt hier gemacht. Warum soll ich dann das Kapitänsamt wieder freiwillig zur Verfügung stellen?" Und auf die Frage, ob er die Kapitänsbinde nach der WM wieder feierlich an Ballack übergeben werde, antwortete er: "Freiwillig werde ich sie ganz sicher nicht abgeben. Aber das wird die Entscheidung des Bundestrainers sein."

Bierhoff: "Unglücklicher Zeitpunkt"

Die Verantwortlichen zeigten sich nicht begeistert von Lahms Vorstoß: "Dass Philipp diese Dinge zu dem Zeitpunkt äußert, da Michael Ballack aus Südafrika abreist, ist natürlich unglücklich. Es ist gut, dass Michael hier war", sagte Teammanager Oliver Bierhoff. Gleichzeitig stellte er die Rollenverteilung im Team klar: "Philipp Lahm ist der WM-Kapitän, Michael Ballack der Kapitän. Ich gehe davon aus, dass Michael nach seiner Rückkehr diese Rolle wieder übernimmt."

Dennoch wird dessen Position in Frage gestellt, vor allem, weil die Spieler es geschafft haben, Ballacks Rolle auf mehrere Schultern zu verteilen. Nicht nur, weil Lahm selbst die Führungsrolle angenommen hat und im Team als Persönlichkeit anerkannt und geschätzt wird. Mit Bastian Schweinsteiger weiß er zudem einen "emotionalen Leader" (Löw) an seiner Seite, der ihn perfekt ergänzt. Zudem stehen beide außerhalb jeder sportlichen Diskussion - ganz im Gegensatz zum 33-jährigen Ballack. Dieser musste gegen Argentinien von der Tribüne aus zusehen, wie Deutschland ohne ihn die beste Teamleistung seit Jahren zeigte und dabei offensiv wie defensiv brillierte. So verwundert es nicht, dass Ex-Nationalspieler Bernd Schuster anschließend sagte, Ballacks Ausfall sei ein Glück für die Löw-Truppe.

Besonders auffällig ist die neue spielerische Qualität des Teams. Schweinsteiger ist zu dem Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft geworden, der er neben Ballack wohl nicht geworden wäre. Mit Ballack in der Startelf hätte sich das Spiel zunächst einmal auf ihn fokussiert, Schweinsteiger wäre wohl ins zweite Glied gerückt. So aber ist Schweinsteiger die Nummer eins im Mittelfeld, seine Leistungsexplosion spricht für sich. Unterstützt wird er auf der Doppel-Sechs von einem unermüdlich arbeitenden Sami Khedira, der immer wieder vorne in die Spitze stößt und so zu einer weiteren offensiven Anspielstation für Schweinsteiger wird. Der Stuttgarter hat sich im neuen Löw-System nicht nur etabliert, sondern ist schon jetzt nicht mehr daraus wegzudenken. Der 23-Jährige deckt dadurch aber auch schonungslos auf, woran es mit Ballack mangelte: Das schnelle und explosive Spiel nach vorne ist zum Markenzeichen der DFB-Elf geworden.

Lahm hält sich bedeckt

Ballack, der noch immer durch seine Ruhe am Ball besticht, steht nicht für überfallartiges Offensivspiel, sondern für Ballkontrolle - eine Spielweise, mit der er beim FC Chelsea in der vergangenen Meistersaison hervorragende Leistungen gezeigt hat. Doch weil der Bundestrainer und sein Team eine andere Philosophie verfolgen und damit nicht nur Erfolg haben, sondern Begeisterung auslösen, stellt sich die Frage, ob Ballack überhaupt noch eine Zukunft im DFB-Team hat. Kapitän Lahm beantwortet diese Frage überaus zurückhaltend: "Platz ist immer da. Michael ist ein guter Spieler. Alles andere wird man nach der WM sehen." Ein Plädoyer für die Rückkehr Ballacks als Stammspieler klingt anders. Und gegenüber der "Bild" antwortet er auf die Frage, ob das Nationalteam Ballack noch brauche: "Es steht mir nicht zu, dass ich bei dieser Frage Ja oder Nein sage."

Andere äußern sich deutlicher: DFB-Ehrenspielführer Lothar Matthäus rät dem verletzten Noch-Kapitän Michael Ballack zum Rücktritt aus dem Nationalteam: Wenn er jetzt sagen würde: 'Die Mannschaft ist stark genug ohne mich. Ich trete zurück, konzentriere mich auf Leverkusen', dann würde er Größe beweisen", so Matthäus in der "Bild". Gleichzeitig äußerte der 49-Jährige Verständnis für Philipp Lahm: "Er hat sich diese Position hart erarbeitet und macht das hervorragend. Ich verstehe Philipp Lahm", sagte Matthäus weiter.

Ballack will zur EM 2012

Doch Ballack hatte sich schon im Vorfeld der WM klar geäußert, dass er noch zwei Jahre auf internationalem Top-Niveau spielen wolle. Sein Ziel sei die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Dafür habe er auch in Leverkusen unterschrieben, wo er nun in der kommenden Saison in der Europa League spielen wird. Er gehe zudem davon aus, auch zukünftig Kapitän der Nationalmannschaft zu sein. "Ich bin der Kapitän und habe großen Einfluss", hatte er in seiner Kolumne für die englische "Times" geschrieben.

Gründe für Abreise aus Südafrika unklar

Dass dieser Einfluss wirklich noch groß ist, wird jedoch immer mehr bezweifelt. Auch die Abreise Ballacks aus Südafrika soll nicht nur aus medizinischen Gründen angeraten worden sein. Im Team gilt Ballack längst nicht mehr als unumstritten, durch seine Abreise aus dem WM-Quartier der Deutschen wurde ein möglicher Brandherd vor dem Halbfinale gegen Spanien noch rechtzeitig gelöscht. Bundestrainer Joachim Löw, dessen eigene Zukunft ebenfalls noch offen ist, hat sich zum Thema Ballack bisher noch nicht eindeutig geäußert. Doch spätestens, wenn Deutschland tatsächlich den WM-Titel holen sollte, würde sich das Thema Ballack in der Nationalmannschaft wohl von selbst erledigt haben.

Jahre

Kapitän

Spiele als Kapitän

2010

Philipp Lahm

6

2004 - 2010

Michael Ballack

55

2000 - 2004

Oliver Kahn

50

1998 - 2000

Oliver Bierhoff

22

1995 - 1998

Jürgen Klinsmann

36

1987 - 1994

Lothar Matthäus

75

1984 - 1986

Toni Schumacher

14

1980 - 1984

Karl-Heinz Rummenigge

51

1978 - 1980

Bernard Dietz

19

1977 - 1978

Berti Vogts

20

1971 - 1977

Franz Beckenbauer

50

1961 - 1970

Uwe Seeler

40

1957 - 1961

Hans Schäfer

16

1951 - 1956

Fritz Walter

30

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail


shopping-portal