Seit über 30 Jahren ist sie im Geschäft und aus der deutschen Musikszene längst nicht mehr wegzudenken: Annette Humpe. Berühmt geworden in den 80er Jahren mit Ideal, begeistert die 60-Jährige heute neben Sänger Adel Tawil als kreativer Kopf von Ich + Ich. Jetzt wurde ihre eindrucksvolle Karriere mit dem "Echo" für ihr Lebenswerk gekrönt. Zudem gab es für Ich + Ich doppelten Grund zum Jubeln: Das Duo bekam den Echo in den Kategorien "Gruppe national Rock/Pop" und "Live-Act national".
In seiner Laudatio zum Lebenswerk-Echo sagte Sänger Max Raabe, Annette Humpe habe gezeigt, dass man der deutschen Sprache "den klebrigen Beigeschmack" nehmen könne. "Klug, rotzfrech und warm", sei sie, "ein Segen für die deutsche Popmusik". Humpe sagte in ihrer Rede, sie wolle sich bei einer Stadt bedanken, die sie vor 35 Jahren aufgenommen, sie inspiriert habe und die sie nie mehr verlasse: "Berlin, ich danke dir". Obwohl sie nur noch ungern auf der Bühne steht und sich daher auch bei Ich + Ich zurückgezogen hatte, sang sie zusammen mit Adel Tawil, der Band Selig und Max Raabe ihren alten Ideal-Hit "Berlin".
Aufbruch nach Berlin
Annette Humpes Karriere begann bereits in den 70er Jahren: 1974 ließ sie das heimische Herdecke, eine Vorstadt von Hagen und die Musikhochschule Köln hinter sich und ging nach Berlin. "Die hochgezüchteten Klavierkinder aus Asien waren mir bereits weit überlegen", sagt sie heute. "Was ich dagegen konnte, interessierte dort niemanden: Das Gut-hören-können, das Improvisieren, eine gewisse Fähigkeit zum Songwriting."
Durchbruch mit "Ideal"
Mit Kellnerjobs und kleinen Bandprojekten hielt sie sich anfangs über Wasser. 1977 gründete sie zusammen mit ihrer ebenfalls nach Berlin gezogenen Schwester Inga (2raumwohnung) die Band Neonbabies. Nachdem sie - als Sängerin und Keyboarderin - gemeinsam mit Ernst Ulrich Deuker und "Eff Jott" Krüger Ideal ins Leben gerufen hatte, verließ sie die Neonbabies im Sommer 1980. Eine richtige Entscheidung, denn "Blaue Augen" brachte Ideal den Durchbruch: Die Single lief 1980 in den Berliner Radiostationen rauf und runter, im November erschien das Debüt-Album "Ideal", das für über eine Million verkaufte Exemplare mit Doppelplatin ausgezeichnet wurde.
Rückzug von der Bühne
Nach zwei weiteren Alben war mit "Ideal" im Jahr 1983 aber schon wieder alles vorbei, die Gruppe löste sich auf. Bereits zu diesem Zeitpunkt überdachte Annette ihre Live-Präsenz, die sie in den Folgejahren komplett aufgab: "Ich war mit mir als Sängerin und Entertainerin nie so recht zufrieden. Echte Bühnen-Performer ziehen gerne die Blicke auf sich, ich mag das nicht", sagt sie. Stattdessen verlegte sie sich auf die Arbeit im Studio: Mit der Wiener Band DÖF übernahm sie ihre erste Produktion, mit den Kabarettisten Joesi Prokopetz und Manfred Tauchen schrieb sie erfolgreiche Songs. 1985 gründete Annette mit ihrer Schwester Inga die Formation Humpe & Humpe und veröffentlichte darunter zwei Alben.
Erfolg mit Ich + Ich
Als Produzentin verhalf Humpe im Jahr 1986 Rio Reiser mit "König von Deutschland" zum Start seiner Solo-Karriere. 1990 veröffentlichte sie noch das Album "Solo", danach zog sie sich als Sängerin über zehn Jahre lang zurück und arbeitete als Songschreiberin und Produzentin für Die Prinzen, Udo Lindenberg oder Lucilectric. Erst im Jahr 2004 trat Annette Humpe wieder persönlich in Erscheinung: Gemeinsam mit Adel Tawil entwickelte sie das Bandprojekt Ich + Ich und stand für eine Clubtour sogar als Keyboarderin auf der Bühne. Danach verzichtete sie wieder auf alle Live-Auftritte. Dem Erfolg von Ich + Ich tat das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil, das Projekt veröffentlichte in den Folgejahren drei herausragende Alben und sorgte regelmäßig für Singlehits. Im Sommer 2010 gaben Humpe und Tawil jedoch bekannt, dass sie eine Kreativpause einlegen würden, um ihren Solo-Projekten nachzugehen.
"Ich bin technisch eher unbegabt"
Seit über 30 Jahren ist Annette Humpe nun bereits im Musikgeschäft erfolgreich. Eine Karriereformel habe sie nicht, sagt sie, aber: "Es gibt einige Spielregeln, wie ich schreibe. Dazu habe ich einen persönlichen Geschmack wie ein Taxifahrer, der gerne Musik hört. Ich möchte auch, dass ein Chorus immer größer wird und schließlich seine Arme ausbreitet. Außerdem habe ich als junger Mensch in Herdecke immer wieder die Sixties-Hits der Stones und Beatles nachgespielt. Seitdem weiß ich einfach, wie eine Songstruktur funktioniert." Dass sie über all die Jahre stets dem klassischen Popsong verbunden geblieben ist, hat einen einfachen Grund: "Ich komme ja nicht von den Maschinen her und kann auch kein Mischpult bedienen. Ich bin technisch eher unbegabt und begnüge mich damit, im Alltag mit Fernsehen, Telefon und Computer klar zu kommen. Technoide Soundverliebtheit ist nicht meine Stärke. Ich bin da ganz Old School: Ein guter Song ist ein guter Song. Den muss man mir am Klavier vorspielen können und ich erkenne, ob dieser etwas bewegt oder nicht. Erst danach kommt das Arrangement; nicht umgekehrt!"

