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Wer steckt hinter der umstrittenen Corona-Aktion?

  • Steven Sowa
Von Steven Sowa

Aktualisiert am 23.04.2021Lesedauer: 5 Min.
"Alles dichtmachen!": Mit diesen Videos sorgen deutsche Schauspielstars f├╝r viel Wirbel. (Quelle: t-online)
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Mehr als 50 Schauspieler haben die Corona-Debatte aufgewirbelt. Mit fragw├╝rdigen Clips kritisieren sie die Ma├čnahmen zur Pandemie-Eind├Ąmmung. Das Netz hinter der Kampagne erscheint undurchsichtig.

Die Corona-Pandemie h├Ąlt nahezu die gesamte Menschheit seit mehr als 13 Monaten in Atem. Manche Regierungen handeln strikt, andere weniger, doch in vielen L├Ąndern der Erde herrscht Ausnahmezustand. Auch in Deutschland ist seit M├Ąrz 2020 nichts mehr so, wie es vorher war.

Dass das f├╝r alle gut 83 Millionen Bundesb├╝rger schwer zu ertragen ist, ist nachvollziehbar. Mehr als 80.000 an oder mit Covid-19 gestorbene Menschen hat das Land bereits zu beklagen, Intensivmediziner, Pfleger, ├ärzte und viele mehr arbeiten seit einem Jahr am Rande ihrer Belastungsgrenze. Nur logisch, dass an diesem Zustand und an dem Krisenmanagement der Regierung auch Kritik ge├Ąu├čert wird.

Bernd Wunder hatte offenbar Unterst├╝tzung

Die "Alles dicht machen"-Aktion, die am Donnerstagabend online ging, stellt dennoch eine Z├Ąsur dar. Kaum eine Kritik hat f├╝r derart viel Wirbel gesorgt, wie die zun├Ąchst von mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspielern ver├Âffentlichten, fragw├╝rdigen Clips auf YouTube ÔÇô und die neu ins Leben gerufene Website "allesdichtmachen.de". Dutzende Prominente haben dort in einer koordinierten Aktion die Corona-Politik der Bundesregierung kritisiert. Doch insgesamt arbeiten in Deutschland 15.000 bis 20.000 Schauspieler und viele von ihnen zeigten sich von den Meinungs├Ąu├čerungen entsetzt.

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Wie gespalten die Film- und TV-Branche durch "Alles dicht machen" derzeit ist, haben wir hier aufgeschrieben: Heftige Kritik von Schauspielkollegen und Beifall aus der "Querdenker"-Szene.

Doch wer steckt dahinter? Recherchen von t-online zeigen, dass es sich nicht nur um den Administrator der Seite handelt, Bernd K. Wunder, der f├╝r die Orchestration verantwortlich zeichnet.

Diese Stars sind beteiligt:
Tina Maria Aigner, Gianna Valentina Bauer, Volker Bruch, Dietrich Br├╝ggemann, J├Ârg Bundschuh, Joseph Bundschuh, Samia Dauenhauer, Nadine Dubois, Roland D├╝ringer, Christian Ehrich, Werner Eng, Bernd Gnann, Cem Ali G├╝ltekin, Nina Gummich, Felix Klare, Kea K├Ânneker, Vicky Krieps, Jan Josef Liefers, Maxim Mehmet, Thorsten Merten, Wotan Wilke M├Âhring, Kathrin Osterode, Jeana Paraschiva, Nina Proll, Claudia Rippe, Christine Sommer, Miriam Stein, Karoline Teska, Ulrich Tukur, Nadja Uhl, Jens Wawrczeck, Monika Anna Wojtyllo, Ramin Yazdani, Hanns Zischler. Nicht mehr dabei sind und zum Teil distanziert haben sich: Pasquale Aleardi, Jos├ę Barros, Meret Becker, Peri Baumeister, Martin Brambach, Ken Duken, Ulrike Folkerts, Inka Friedrich, Markus Gl├Ąser, Heike Makatsch, Alexandra Marinescu, Richy M├╝ller, Ben M├╝nchow, Nicholas Ofczarek, Manuel Rubey, Trystan P├╝tter, Katharina Schlothauer, Kostja Ullmann.*

Allerdings ist er der mit Abstand offensichtlichste Ber├╝hrungspunkt aller beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler. Er ist im Impressum der neu gegr├╝ndeten Homepage als Verantwortlicher ausgewiesen. Ob er f├╝r die initiierte Kampagne allein verantwortlich ist, beantwortet er auf Anfrage von t-online nicht. Er reagiert auch nicht auf Anrufe. Eine Nachricht auf seiner Mailbox und eine E-Mail l├Ąsst er unbeantwortet. Dem "Spiegel" sagte Wunder in der Nacht von Donnerstag auf Freitag immerhin noch: "Das ist Kunst" und best├Ątigte, dass seine Firma hinter der Aktion steckt.

Doch die aufwendig durchorganisierte Aktion klingt nach gro├čem Organisationsaufwand f├╝r einen Mann, der laut seinem Account auf der Videoplattform "Vimeo" kleine Clips im Netz produziert. Zuletzt ging dort vor acht Monaten ein Trailer online. Au├čerdem hat Wunder offenbar an einer f├╝nf Jahre alten Tourismus-Werbekampagne mit Philip Lahm als Testimonial mitgearbeitet und Werbeclips von Sky mit Harald Schmidt entworfen. Seine M├╝nchner Produktionsfirma "Wunder am Werk" tritt eher im Hintergrund in Erscheinung und versteht sich laut Website als "kreativer Pool" von "Autoren, Regisseuren und Filmredakteuren".

Wunder selbst ist keine bekannte Gr├Â├če im deutschen Unterhaltungsgesch├Ąft. Auf einem unverifizierten Instagram-Account mit seinem Namen folgen ihm 137 Abonnenten, seine Website "wunderamwerk.com" ist in der Bio verlinkt. Auf Instagram verharmloste er im Mai 2020 das Coronavirus, schrieb, man m├╝sse "w├Ąhrend der Grippesaison Mundschutz tragen", wenn man der Einstellung der "Mundschutzknappen und selbsternannten Retter der Menschheit" folge. Zwei Monate sp├Ąter beschimpft er SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, als der bei "Markus Lanz" ├╝ber m├Âgliche Szenarien bei Kinoschlie├čungen spricht: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten", so Bernd Wunder.

Wieder einen Monat sp├Ąter, am 15. August 2020, sagt er ├╝ber Menschen, die die Ma├čnahmen gegen Corona guthei├čen: "Der Ausdruck Coronazi ist somit absolut gerechtfertigt". Ein in der Szene der Corona-Leugner und "Querdenker" gerne verwendeter Begriff, um Leute zu diffamieren, die vor dem Virus Sars-Cov-2 warnen und Ma├čnahmen zur Eind├Ąmmung der Pandemie unterst├╝tzen.

Von dem Grippevergleich distanzierte er sich am Freitag gegen├╝ber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Die Schwere einer Covid-19-Erkrankung ist mir wohl bewusst und sie mit der Grippe zu vergleichen v├Âllig fehl am Platz." In die Ecke von "Verschw├Ârungstheoretikern, Reichsb├╝rgern und Corona- und Pandemieleugnern" wolle man sich keinesfalls stellen lassen. Wunder sagte dem RND, die meisten der einmin├╝tigen Videos habe der Berliner Regisseur Dietrich Br├╝ggemann gedreht.** Br├╝ggemann hat offenbar auch einige Texte geschrieben, die dann von den Schauspielern nur vorgetragen wurden. Die Reaktionen auf die Videos nannte er am Freitag in einem Tweet "ein bisschen faschistoid".

t-online hat Schauspielerinnen und Schauspielern der Aktion angefragt und gebeten, die Zusammenarbeit zu erkl├Ąren. Einige wollen sich nicht ├Ąu├čern, andere, wie "Berlin Falling"-Star Ken Duken, verweisen auf ihre Statements bei Instagram, wieder andere reagieren auf unsere Bitten um Stellungnahmen gar nicht. Dass Heike Makatsch bereits ihr Video entfernen lie├č mit der Begr├╝ndung, sie "bereue es zutiefst" und Ken Duken in seinem Statement sagt, die Aktion sei "gr├╝ndlich in die Hose gegangen", zeigt aber, wie fragil das ganze Konzept offenbar gestaltet war.

Vor Social-Media-Kampagne bereits Unterst├╝tzer

Auff├Ąllig ist, wer umgehend die Kampagne unterst├╝tzt hat: Teile der AfD, der fr├╝here Pr├Ąsident des Bundesamtes f├╝r Verfassungsschutz, Hans-Georg Maa├čen, und "Querdenker"-Mitbegr├╝nder Michael Ballweg waren schnell mit an Bord, als es darum ging, die Aktion in den sozialen Medien zu verbreiten.

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Der erste, der Medien darauf sto├čen und so weitere Verbreitung schaffen wollte, war der Arzt und Publizist Paul Brandenburg, Vorsitzender eines Vereins, der sich "1bis19 ÔÇô Initiative f├╝r Grundrechte und Rechtsstaat e.V." nennt und auch regelm├Ą├čig bei Corona-Protesten demonstriert hat. Brandenburg setzte am Donnerstag um 18.45 Uhr einen Tweet mit Link zu der Homepage ab und markierte darin die Accounts gro├čer Medien. Er sprach vom "Wahnsinn der Corona-Politik". Zu diesem Zeitpunkt war die Kampagne erst wenige Minuten online. Die fr├╝heste gespeicherte Version der Website datiert auf 18.26 Uhr, wie Recherchen von t-online belegen.

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Zu dieser Zeit wurde auch zum ersten Mal ├╝ber die Seite getwittert ÔÇô von einem Arzt, der eigentlich der NoCovid-Bewegung f├╝r schnell wirksame Ma├čnahmen zur Senkung der Inzidenzen angeh├Ârt. Er hatte das Video von Schauspieler Volker Bruch gesehen, das Bruch auf Instagram um 18.15 Uhr hochgeladen hatte, und sich dar├╝ber ge├Ąrgert.

Die Initiative "1bis19", bei der auch Dietrich Br├╝ggemann mitwirkt, hat dann ab kurz nach 19 Uhr etliche der Videos auf Instagram hochgeladen. Vorsitzender Brandenburg wollte Fragen von t-online nicht beantworten, weil er Sorge habe, dass seine Aussagen "tendenzi├Âs" dargestellt w├╝rden. Bereits in einem am 20. M├Ąrz ver├Âffentlichten Interview hatte er gesagt, er rechne mit einem Auftritt von bekannten Schauspielern in der ├ľffentlichkeit: "Ich pers├Ânlich glaube, wir stehen kurz davor, dass sich sehr viele outen werden, und ich freue mich."

Die Firma von Ken Duken und Bernd Wunder

Brandenburg hat wie Filmproduzent Wunder bereits l├Ąnger etwas gegen den in der Corona-Leugner-Szene als Hassfigur etablierten Karl Lauterbach. Gemeinsam mit dem geschassten ehemaligen Leiter des Gesundheitsamts Aichach-Friedberg, Friedrich P├╝rner, verfasste er am 30. M├Ąrz 2021 einen offenen Brief an Lauterbach. Der SPD-Politiker falle mit "extremen Meinungsbekundungen" auf, so der Vorwurf. Er solle seine "politische Bet├Ątigung k├╝nftig f├╝r die ├ľffentlichkeit deutlich erkennbar von seiner Berufszulassung als Arzt" trennen, so die Aufforderung.

Es gibt keine Belege daf├╝r, dass Paul Brandenburg und Bernd Wunder vor der Aktion miteinander in Kontakt standen oder sich bereits kannten. Anders ist das bei einem der beteiligten Schauspieler, Ken Duken, und Bernd Wunder. Gemeinsam gr├╝ndeten sie 2004 in M├╝nchen die Produktionsfirma "GrandHotelPictures". Auf der Homepage hei├čt es zum Unternehmensverst├Ąndnis dort: "Wir geben unser Herzblut und wir ├╝berschreiten von Zeit zu Zeit auch Grenzen mit unseren Projekten." Grenz├╝berschreitungen, die Duken nun selbst mit seinem Statement auf Instagram einr├Ąumen musste.

*Die Aufz├Ąhlung wurde mehrfach aktualisiert mit der Information zu zur├╝ckgezogenen Videos (Stand: 26. April, 9 Uhr).
**Der Text wurde mit Aussagen von Bernd Wunder gegen├╝ber rnd.de aktualisiert.

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