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"Wird die deutschen Regeln in einem anderen Licht zeigen"

Von Lisa Becke

Aktualisiert am 16.01.2022Lesedauer: 6 Min.
3G-Kontrolle in der Düsseldorfer Rheinbahn: Deutschland steht auf dem Striktheits-Index der Universität Oxford weit oben.
Deutschland steht auf dem Striktheits-Index der Universität Oxford weit oben. (Quelle: Michael Gstettenbauer/imago-images-bilder)
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Vielfach wird ein Ranking der Universität Oxford zitiert, um zu behaupten, dass Deutschland die strengsten Corona-Regeln der Welt habe. Das stimmt so nicht, sagt der Projektleiter im Interview. Was man wirklich ablesen kann.

Deutschland habe die strengsten Maßnahmen gegen Corona weltweit – das war in den vergangenen Tagen immer wieder zu hören. Unter anderem vom Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff (CDU), der in einer Pressekonferenz sagte: "Deutschland hat die härtesten Maßnahmen auf dieser Welt, das bitte ich noch mal – auch mit Blick in die Kamera – zur Kenntnis zu nehmen." Kann das sein? Deutschland soll strengere Regeln haben als etwa China, wo ganze Städte einem strengen Lockdown unterworfen sind?

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Die Aussage bezieht sich auf eine Erhebung von Forschern der Universität Oxford. Dort beobachten rund 150 Forscher und Freiwillige, wie mehr als 180 Länder auf der ganzen Welt auf die Pandemie reagieren. Das Ergebnis ist der Stringency Index (Deutsch: Striktheits-Index). Deutschland steht darin tatsächlich weit oben: an zweiter Stelle – nach den Fidschi-Inseln.

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Doch die Aussage stimmt so nicht, sagt Projektleiter Thomas Hale im Interview mit t-online. Und er stellt klar, was seine Daten tatsächlich aussagen können.

t-online: Herr Hale, hat Deutschland die strengsten Corona-MaĂźnahmen weltweit?

Thomas Hale: Nein, so pauschal kann man das nicht sagen. Es ist wichtig, genau zu schauen, was der Index tatsächlich erfasst.

Was genau erfasst er?

Der Striktheits-Index fasst zwei unterschiedliche Dinge zusammen: die Anzahl an Maßnahmen, aber auch deren Härte in einem Land zu einer bestimmten Zeit. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass wir in jedem Bereich die jeweils strengste Regel, die in einem Land gilt, erfassen. Wenn auch nur eine Stadt in einem Lockdown ist, wird das als die Regel für das ganze Land erfasst.

Der "Covid-19 Government Response Tracker" der Universität Oxford hat unterschiedliche Bereiche. Hier geht es um den sogenannten Stringency Index (Striktheits-Index), der erfasst, in welchen Bereichen Corona-Maßnahmen gelten und wie hart diese sind. Die Forscher schauen sich dabei an, ob es Schließungen an Schulen oder am Arbeitsplatz gibt, ob öffentliche Veranstaltungen, private Versammlungen und der öffentliche Nah- und Fernverkehr eingeschränkt werden, ob es Menschen verboten ist, das Haus zu verlassen, und ob Reisen innerhalb des Landes oder von anderen Ländern eingeschränkt werden – und wie gravierend diese Einschränkungen jeweils sind.

Das dürfte gerade in einem föderalen Land wie Deutschland von Bedeutung sein: Die Regeln in den Bundesländern unterscheiden sich zum Teil erheblich. Wenn also etwa Sachsen oder Bayern viel strengere Regeln erlassen als andere, zählt das in Ihrem Ranking für ganz Deutschland?

Das ist richtig. Es gibt eine weitere wichtige Einschränkung: Wir erfassen mit unserem System die Regeln für die Personengruppe, die am stärksten eingeschränkt wird. Das hat Auswirkungen auf das Ranking, da viele Länder inzwischen anders mit geimpften als mit ungeimpften Personen umgehen.

Auch das stimmt für Deutschland, wo Ungeimpfte inzwischen zu zahlreichen Bereichen keinen Zutritt mehr haben oder stärker in ihren Kontakten beschränkt werden als Geimpfte. Wenn wir Ihren Index korrekt interpretieren, könnten wir also sagen: In Deutschland gelten mit die strengsten Corona-Regeln weltweit für Ungeimpfte?

Vereinfacht gesagt, ja. Deutschland steht weit oben in unserem Index, da dort relativ viele Maßnahmen in Kraft sind, die ungeimpfte Personen vergleichsweise stark einschränken. Dabei muss man dann noch beachten, dass es nach unserem Ranking sein kann, dass diese Regeln nur in einem bestimmten Teil des Landes gelten – sie müssen nicht im ganzen Land umgesetzt sein.

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Trotzdem fühlt es sich komisch an: Wir lesen Berichte über Städte in China, die sich in einem kompletten Lockdown befinden. Doch das Land kommt in Ihrem Ranking zurzeit an 14. Stelle. Wie kann das sein?

China hat zwar sehr einschränkende Maßnahmen ergriffen, doch sind diese auf einen bestimmten Bereich beschränkt. Solche geografisch beschränkten Regeln werten wir in unserem Index weniger stark als eine Regel, die im ganzen Land gilt. So erklärt sich das im Ranking, denn in Deutschland gelten viele der strengen Einschränkungen für Ungeimpfte im ganzen Land.

Auch ein Vergleich über die Zeit wirkt komisch: Deutschland rankt im Moment höher als im Frühling 2020 und 2021, als es strenge Lockdowns für alle gab. Wie erklären Sie das?

Das lässt sich über die Einschränkungen für Ungeimpfte erklären. Die strengen Maßnahmen gelten zwar nicht für alle Menschen in Deutschland, aber eben für diese Gruppe. Nach unserer Erfassung sind die aktuellen Maßnahmen in Deutschland für Ungeimpfte also vergleichbar oder teilweise strenger als während der Lockdowns für alle, etwa was die öffentlichen Verkehrsmittel angeht.

Tafel vor einem Restaurant in Bonn: "Es gilt 2G+".
Tafel vor einem Restaurant in Bonn: "Es gilt 2G+". (Quelle: NurPhoto/imago-images-bilder)

Und im Bildungswesen? Deutschland erfassen Sie in diesem Bereich als "require closings", zu Deutsch: "SchlieĂźungen erforderlich". Doch der Unterricht startete doch eben erst wieder, und zwar vor Ort in den Schulen.

Das lässt sich damit erklären, dass wir zwischen den Bildungsniveaus unterscheiden, etwa auch Hochschulen einbeziehen. An manchen deutschen Universitäten haben Ungeimpfte keinen Zugang, deshalb wird Deutschland in diesem Bereich so einsortiert.

Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln ist es ähnlich. Da sagen Sie "Schließung erforderlich (oder Verbot für die meisten Bürger diese zu nutzen)". Das gibt die Situation nicht korrekt wieder: Schließlich dürfen die meisten Menschen Bus und Bahn nutzen – nur diejenigen, die ungeimpft sind und auch keinen negativen Test vorweisen können, sind ausgeschlossen.

Ja, das stimmt. Aber diese Gruppe ist eben komplett ausgeschlossen. Deshalb wird Deutschland in dieser Kategorie mit einer starken Einschränkung erfasst.

Denken Sie, dass Sie mit Ihrer Art der Erfassung tatsächlich die geltenden Regeln in unterschiedlichen Ländern korrekt wiedergeben?

Durchaus. Wir stehen aber im Moment vor einem Problem: Wir erfassen die Daten weiterhin so, wie wir das zu Beginn der Pandemie getan haben. Nur hat sich durch die Impfungen in der gesellschaftlichen Realität einiges verändert. So kommt es dazu, dass unsere Einstufung vielen Menschen nicht mehr "richtig" vorkommen mag.

Thomas Hale: Der Wissenschaftler von der Universität Oxford leitet den "Covid-19 Government Response Tracker".
Thomas Hale: Der Wissenschaftler von der Universität Oxford leitet den "Covid-19 Government Response Tracker". (Quelle: privat/Thomas Hale)
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Was tun Sie dagegen?

Zurzeit arbeiten wir daran, die Maßnahmen für Geimpfte und Ungeimpfte separat zu erfassen. Das wird die deutschen Corona-Regeln in einem anderen Licht darstellen. Mit einem hohen Ranking für die Ungeimpften, aber viel weiter unten für die Geimpften. Es ist nur so: Es dauert eine Weile, diese neue Einsortierung für alle Länder der Welt vorzunehmen.

In der deutschen Diskussion bleibt von Ihrem Ranking eigentlich nur, dass es hier die schärfsten Maßnahmen gebe. Das ist so nicht richtig, wie wir im Gespräch mit Ihnen gelernt haben – aber genau diese Aussage wird dann natürlich für politische Zwecke instrumentalisiert. Geriet die Interpretation des Rankings in der deutschen Debatte aus Ihrer Kontrolle?

Wir versuchen so systematisch, akkurat und transparent zu arbeiten, wie wir können. Und ich finde auch, dass wir als Wissenschaftler dafür verantwortlich sind, dass unsere Daten und Erkenntnisse von der Öffentlichkeit erfolgreich genutzt und richtig interpretiert werden können. Gleichzeitig sollten wir nicht so naiv sein zu glauben, dass unterschiedliche gesellschaftliche Akteure wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu ihren eigenen Zwecken missbrauchen.

Was meinen Sie damit?

In dieser Pandemie sehen wir zwei generelle Entwicklungen. Zum einen sind wir viel mehr auf Daten und Informationen angewiesen. Gleichzeitig sehen wir aber auch eine große Menge an falschen Informationen – sogar von manchen Regierungen.

Thomas Hale ist Juniorprofessor für Public Policy an der Universität Oxford. Als er im März 2020 einen Kurs zu globalem Regierungshandeln unterrichtete, kam ihm die Idee für den "Covid-19 Government Response Tracker", so erzählt er es im Gespräch. Denn im Austausch mit seinen Studierenden sei ihm klar geworden: "Wie Regierungen auf der ganzen Welt auf die Pandemie reagieren, ist ziemlich ungewöhnlich. Das kannten wir so bisher nicht." Diese Maßnahmen systematisch zu erfassen, ist die Idee hinter dem Projekt.

Wie gehen Sie damit um?

Wo ich eine falsche Darstellung unserer Rankings sehe, stelle ich das richtig. Leider gibt es sehr viele Menschen mit sehr vielen Meinungen auf Twitter, die kann ich nicht alle wieder einfangen. Aber es hat auch jeder eine Verantwortung, sich bei Statistiken zu fragen, was genau diese aussagen und was nicht – gerade auch Politiker müssen dies tun.

Gleichzeitig wäre im Fall des Stringency Index schon geholfen gewesen, wenn Sie irgendwo einen deutlichen Disclaimer untergebracht hätten: "Achtung, diese Daten erfassen momentan vor allem die Regeln für Ungeimpfte."

Das stimmt. Generell freuen wir uns, wenn Menschen Verbesserungsvorschläge oder Feedback zu unseren Daten oder deren Interpretation geben.

Denken Sie, Ihr Projekt kann überhaupt funktionieren – die unterschiedlichen, komplexen Maßnahmen, die Länder auf der ganzen Welt ergriffen haben, vergleichbar zu machen?

Gerade weil die Regeln so komplex und unterschiedlich sind, brauchen wir Werkzeuge, um sie zu vergleichen. Jedes wissenschaftliche Modell ist eine Vereinfachung der Realität, anders würde es nicht funktionieren. So ist das auch in unserem Fall. Wir müssen bestmöglich versuchen, die Realität zu erfassen, sie vergleichbar zu machen – nur so können wir beispielsweise den Effekt der Corona-Regeln auf die Ausbreitung des Virus oder auf die Wirtschaft untersuchen. Gute Daten dafür bereitzustellen, das versuchen wir zu leisten.

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Herr Hale, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Gespräch wurde auf Englisch geführt und im Anschluss übersetzt.

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