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US-Wahl: Big Data soll Trump zum Sieg verholfen haben

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US-Wahl und Daten-Ingenieure  

Ich ganz allein habe Trump ins Amt gebracht

05.12.2016, 16:29 Uhr | Fabian Reinbold, Spiegel Online

US-Wahl: Big Data soll Trump zum Sieg verholfen haben. Datenanalyst Alexander Nix (Quelle: Hersteller)

Datenanalyst Alexander Nix (Quelle: Hersteller)

Eine Geschichte sorgt für Aufsehen: Eine geheimnisvolle Datenfirma soll mit Psychogrammen von US-Wählern Donald Trump ins Weiße Haus gehievt haben. Was ist an der Schauergeschichte dran?

Wer deutschsprachige Journalisten zu seinen Internet-Bekanntschaften zählt, für den gab es in den vergangenen 48 Stunden vor einer Geschichte kein Entrinnen. Meist war sie als "Lesebefehl" deklariert oder als "wichtigster Text des Jahres", ein Kollege bot gar an, jedem, der diesen Text teilt, Käsestullen zu schmieren.

Es geht um einen Artikel aus dem "Magazin" des Schweizer "Tagesanzeigers" , der sich dem beliebten Themenfeld "Wie zum Teufel konnte Donald Trump die Wahl gewinnen?" widmet. Der lange und interessante Text liefert eine Antwort: Big Data. Eine Analyse-Firma habe im Auftrag Trumps und mit Hilfe von Daten die seelische Verfasstheit der Amerikaner vermessen - und das so genau, dass sie jedem potenziellen Wähler die Botschaften des Kandidaten genau so ausspielen konnten, dass sie verfangen. Je nach Persönlichkeit bekommt man die passende Trump-Anzeige.

Der Leser des Artikels erfährt, dass diese Firma namens Cambridge Analytica angeblich von jedem US-Wähler ein psychologisches Profil angelegt und unter anderem so dem bei den Wahlkampfmitteln eigentlich unterlegenen Trump den Sieg beschert hat.

Die Entdeckung nutzen andere

Richtig gruselig wird das Ganze, weil dieselbe Firma auch für die Brexit-Kampagne gearbeitet hat und weil die Schweizer Kollegen jenen Wissenschaftler aufgetrieben haben, der die Methode zur Psychografie per Facebook-Aktivität entwickelt hat: Er könne allein durch die Likes und Postings die Persönlichkeit von Menschen bestimmen, heißt es - und nun grusele es ihn ob der Zweckentfremdung seiner Entdeckung durch die Populisten.

Eine Schauergeschichte, ein Aufreger, keine Frage, nur: Was ist überhaupt dran?

Richtig ist: Das sogenannte Voter Targeting spielt im US-Wahlkampf mittlerweile eine große Rolle. Indem sie Daten, die ein Bürger auf Facebook sowie on- und offline hinterlässt, kombinieren, versprechen einige Firmen, potenzielle Wähler zielgenau mit Werbebotschaften zu erreichen. Ein Beispiel: Wahlkämpfern wird angeboten, nicht nur Wähler im Swing State North Carolina zu erreichen, sondern dort nur jene Frauen, die zwischen 25 und 35 sind, im Jahr 70.000 Dollar oder weniger verdienen und mal demokratisch, mal die Republikaner wählen.

Trump als Königsargument

Cambridge Analytica geht noch weiter und verspricht, den Ton zu kennen, in dem man die Person ansprechen muss, um sie herumzubekommen - mithilfe der Psychogramme nach dem Fünf-Faktoren-Modell.

Das Problem: Die atemberaubenden Fähigkeiten der Firma stützen sich vor allem auf die Aussagen ihrer Manager. Belege fehlen - so ist es in der Geschichte, die jetzt die Runde macht, so war es bei anderen Berichten, die es zuvor in den USA gab.

Sieger schreiben oft Geschichte, und im Wettstreit der Datenfirmen lässt sich mit dem Königsargument Trump jetzt besonders laut trommeln. Doch viele Stellen des Textes über die angebliche Macht von Cambridge Analytica sollten den Leser ins Zweifeln bringen.

  • Im Artikel ist etwa die Rede von der "Tatsache, dass Ted Cruz dank der Hilfe von Cambridge Analytica aus dem Nichts zum schärfsten Konkurrenten Trumps in den Primaries aufstieg". Auch Cruz' Kandidatur wird also zum Zauberwerk der Firma, weil dieser im Wahlkampf ebenfalls auf deren Dienste setzte.
  • Nicht erwähnt wird, dass der Senator bereits jahrelang der Star der Tea-Party-Bewegung war und von vielen einflussreichen Spendern unterstützt wurde. Nicht erwähnt wird, dass Cruz sich der Dienste von Cambridge Analytica entledigte, und dass etwa Konkurrent Ben Carson trotz einer Zusammenarbeit mit dem Unternehmen chancenlos blieb.
  • Die Rolle, die Cambridge Analytica tatsächlich beim Brexit spielte, ist vielen Beobachtern noch unklar. Sie bekam einen Auftrag einer der beiden "Leave"-Kampagnen und sollte Unentschlossene ins Visier nehmen, über belegbare Erfolge dabei ist abseits der Behauptungen der Firma nichts bekannt.
  • Und schließlich ist da die im Artikel nicht hinterfragte Behauptung des Cambridge-Chefs Alexander Nix, man habe "Psychogramme von allen erwachsenen US-Bürgern, 220 Millionen Menschen." Abgesehen davon, dass weder alle Amerikaner online, geschweige denn bei Facebook sind: Wie genau eine Methode sein kann, mit der mittels Facebook-Posts und Likes die Persönlichkeit bestimmt wird, ist generell umstritten. Hinzu kommt, dass die Methode der Firma offenbar zu anderen Ergebnissen als die Forschungen führt.

Natürlich: Es ist möglich, dass alles so war, wie es von Cambridge Analytica behauptet und im Artikel wiedergegeben wird. Aber es ist eben nicht bewiesen. (Und auch wenn im Text geraunt wird, die Firma habe schon Anfragen aus Deutschland erhalten - hierzulande wäre ein solches Business mit personenbezogenen Daten verboten.)

Die gleiche Dynamik wie bei Fake News

Das sagenhafte Echo, das solche Geschichten wie der "Das Magazin"-Artikel im Moment erfahren, hängt wohl auch mit dem Schock und der allgemeinen Verunsicherung nach dem Trump-Sieg zusammen, den viele nicht für möglich gehalten haben. Motto: Endlich eine Erklärung, mit der alles Sinn ergibt!!!!

Erst war es der weiße Mann aus der Unterschicht, der angeblich ganz allein Trump das Weiße Haus bescherte, später mal die Frauen - und nun sollen es eben skrupellose Daten-Ingenieure gewesen sein.

Sicher ist zumindest, dass Facebook ein wichtiges Werkzeug geworden ist, um Wahlen zu beeinflussen. Seit dem Wahlsieg Trumps wird darüber viel diskutiert. Etwa über die Echokammern, die sich auf Facebook bilden und in denen sich, abgeschottet von Gegenmeinungen, möglicherweise Weltbilder verfestigen.

Und über den Einfluss der Fake News, jener Falschmeldungen also, die Reflexe der Nutzer bedienen, deshalb geteilt und dann durchs Facebooks Funktionslogik massenhaft verbreitet werden. Denselben Weg wie viele Fake News hat nun auch die Geschichte über Cambridge Analytica genommen.

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