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10.000 New Yorker werden jahrelang zu gläsernen Menschen

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Big Data-Studie im Big Apple  

10.000 New Yorker werden für Jahrzehnte zu "gläsernen Menschen"

10.07.2017, 11:39 Uhr | Andrea Barthélémy, hd, dpa-AFX

10.000 New Yorker werden jahrelang zu gläsernen Menschen. Times Square in New York City: Eine Langzeit-Studie nimmt auch das das Freizeitverhalten unter die Lupe. (Quelle: imago/Fraser Hall)

Times Square in New York City: Eine Langzeit-Studie nimmt auch das das Freizeitverhalten unter die Lupe. (Quelle: Fraser Hall/imago)

Wer bekommt Diabetes, Krebs oder Alzheimer? Wie wirken sich Wohnblock, Sozialkontakte oder Schulwahl auf den Lebensweg aus? Antworten auf diese und viele andere Fragen wollen US-Forscher mit Hilfe einer einzigartigen Langzeit-Studie finden.

Für "The Human Project" sollen 10.000 New Yorker über mindestens zwei Jahrzehnte hinweg Unmengen von Daten liefern - vor allem über eine Smartphone-App, die viele Informationen sammelt und weitergibt.

Kreditkartendaten, Gehaltsschecks, Intelligenz-Tests, Gesundheitsdaten, Werte aus Blut- und Urinproben und vieles mehr sollen einfließen in den "Big Data"-Strom. 10.000 streng anonymisierte und zugleich gläserne Menschen sollen jeweils 250 Gigabyte Daten pro Jahr liefern. "Es wird die Weise, wie wir unser Leben leben, verändern", hofft Neuro-Ökonom und Psychologe Paul Glimcher von der New York University. Wichtig: Wer mitmachen möchte, wird genau aufgeklärt. "Die Weise, wie die Industrie dies bisher tut, ist beschämend, wenn nicht sogar ein Verbrechen", sagte Glimcher der Zeitung "New York Times".

Gesucht: 4000 Freiwillige aus allen Schichten

Er ist der Kopf hinter dem ambitionierten Projekt, das von der Non-Profit-Wissenschaftsstiftung Kavli mit 15 Millionen Dollar finanziert wird und nach mehrjähriger Vorbereitung im Herbst 2017 starten soll - mit der Rekrutierung von 4000 freiwilligen Familien aus allen New Yorker Stadtteilen, Alters- und Einkommensgruppen.

Viele Studien aus den Sozialwissenschaften haben das Problem, dass sie an kleinen, ausgesuchten Gruppen durchgeführt wurden und die Ergebnisse oft nicht vergleichbar sind. Glimcher und seine Kollegen setzen auf einen Datensammel-Ansatz aus der Astronomie: "Think big" (Stecke Dir hohe Ziele).

Fast Food oder Salatbar? Kino oder Fitnesstudio?

Der Mikro-Kosmos New York mit seiner Vielfalt an Lebensformen, Hautfarben und ökonomischen Lebensbedingungen erscheint als idealer Standort für ein großes Forschungsprojekt an Menschen - mit dem Smartphone als eine Art "Teleskop". Da in den USA zudem meist selbst Kaugummis mit der Kreditkarte bezahlt werden, bekommen die Forscher einen genauen Einblick in das Konsumverhalten der Teilnehmer: Welche Lebensmittel werden wo gekauft? Werden Fast-Food-Restaurants oder Salatbars bevorzugt? Wird in der Freizeit Geld für Kinokarten oder für Besuche im Fitnessstudio ausgegeben?

Aber auch soziale Kontakte, online verbrachte Zeit, Umzüge, Schulkarrieren, berufliche Entwicklungen sollen aus den Daten nachvollzogen werden - über mindestens zwei Dekaden hinweg. Zugleich sammelt "The Human Project" genetische Daten und Infos zur Darmbakterien-Kultur der Teilnehmer. Diese große Diversität biologischer, ökonomischer und soziologischer Informationen durchsuchen Computerprogramme nach individuellen Mustern und lesen - bestenfalls - allgemeine Regeln heraus. "Unsere Antworten werden deutlich reicher, multivariabler sein als nur "Zucker verursacht Diabetes"", sagt Glimcher.

Datenwächter sollen den "Roten Würfel" schützen

Um die wertvollen Daten und die Identität der Teilnehmer zu schützen, entsteht an der "New York University" in Brooklyn derzeit ein Hochsicherheitstrakt. Ins Innerste, den "roten Würfel", darf nur eine Handvoll "Datenwärter", nach aufwendigem Sicherheitscheck und durch eine Schleuse. Angemeldete Forscher erhalten Zutritt in den "gelben Bereich" zum Sichten aktueller Daten - allerdings ohne eigenen Laptop oder Datensticks. Für den Zugriff von Außen können Wissenschaftler jeweils nur kleine Datensets beantragen, aus denen sich keine Identitäten rekonstruieren lassen.

Im besten Fall, so hoffen die Forscher, wird das Projekt ab 2020 erste nuancierte Antworten geben können. Etwa darauf, wie Armut sich auf die Hirnentwicklung kleiner Kinder auswirkt oder welche Umwelteinflüsse zur Entstehung von Alzheimer und Krebs beitragen.

Es entsteht eine Art "Landkarte der Gesellschaft"

"Wir erstellen eine Landkarte. Und diese Landkarte wird für die Gesellschaft hilfreich sein - wobei jeder Einzelne entscheiden muss, ob er wissen möchte, wo er auf dieser Karte steht." Das Projekt werde sich mit fortschreitender Technik und den sich daran anpassenden Menschen weiterentwickeln. "Die Wahrscheinlichkeit, dass ich sein Ende noch erlebe, ist ziemlich gering", so Glimcher (55).

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