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Undine Zimmer: Eine Kindheit mit Hartz IV

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Eine Kindheit mit Hartz IV  

"In unseren Kochbüchern haben wir meistens nur die Bilder angeschaut"

03.01.2014, 14:47 Uhr | Claudia Staub, t-online.de

Undine Zimmer: Eine Kindheit mit Hartz IV. Undine Zimmer weiß, was es bedeutet, in Armut aufzuwachsen. (Quelle: Andreas Labes, Fischer Verlag)

Undine Zimmer weiß, was es bedeutet, in Armut aufzuwachsen. (Quelle: Andreas Labes, Fischer Verlag)

Jedes siebte Kind ist auf Hartz IV angewiesen. 2015 betraf das in Deutschland 1,54 Millionen Mädchen und Jungen unter 15 Jahren. So weit die nackten Zahlen. Wie aber fühlt es sich an, wenn man seit der Geburt vom Staat abhängig ist? Undine Zimmer hat all dies am eigenen Leib erfahren.

In ihrem Buch "Nicht von schlechten Eltern - Meine Hartz IV Kindheit" gibt Zimmer Einblick in eine Welt, die viele zu kennen glauben, deren Betroffene aber nur selten zu Wort kommen. Sie schildert, was es bedeutet, wenn wenn Kinder nicht vorgelebt bekommen, wie man es schafft, aus der Spirale der Armut und Ausweglosigkeit auszubrechen. 

Hartz IV: Kindheit in staatlicher Abhängigkeit

Es gibt Themen, zu denen jeder eine Meinung hat, Hartz IV ist eines davon. Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose, Asoziale, Sozialschmarotzer sind nur einige der Schlagworte, die damit in Verbindung gebracht werden. Wie es sich aber wirklich anfühlt, arm zu sein, erst recht aus der Sicht eines Kindes, können sich wohl nur die wenigsten Außenstehenden vorstellen.

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Undine Zimmer (34) weiß, was es bedeutet, denn sie hat ihre komplette Kindheit in staatlicher Abhängigkeit verbracht. "Meine Eltern waren, solange ich denken kann, Langzeitarbeitslose: Eine alleinerziehende Mutter und ein geschiedener Vater und Aufstocker, der als Taxifahrer weniger verdiente als ich mit meinen schlecht bezahlten Studentenjobs."

Erfolgsgeschichten sind selten

Einer der Gründe, weshalb sie sich entschlossen hat, darüber ein Buch zu schreiben, war die Erkenntnis, dass diese Kindheit in Armut sich bis heute auf ihr Leben auswirkt. Ihre persönliche Erfolgsgeschichte wird immer noch als etwas Besonderes wahrgenommen, mitunter bezweifelt Zimmer ihre Leistung sogar selbst. Trotz Bildungsaufstieg und Uniabschluss "ist immer die Angst da, dass auch ich alles verlieren könnte, dass ich trotz aller Anstrengung irgendwann versagen könnte und das Leben meiner Eltern leben müsste."

Arm sind die anderen

Wann ist man arm? Zimmer meint dazu: "Meine Mutter hat das Wort 'arm' für uns nie benutzt. Bei dem Wort 'Kinderarmut' denke ich eher an Charles Dickens und seinen Klassiker 'Oliver Twist'. Aber was Armut in Deutschland ausmacht, ist nicht primär durch Hunger, Krankheit und Trinkwasserknappheit gekennzeichnet. Es ist Armut im Sozialen, fehlender Glaube an Bildungs- und Aufstiegschancen. Armut ist mehr als ein finanzieller Mangel. "

Zweifel am Aufstieg

Wenn dann noch ein Umfeld dazu kommt, das lange Zeit, möglicherweise über mehrere Generationen hinweg durch Armut, Bildungsferne und fehlende Vorbilder bestimmt ist, fällt es besonders schwer, den sozialen Aufstieg zu schaffen, ihn überhaupt erst für möglich zu halten. Besonders in Deutschland, wo der Schulerfolg so stark vom Elternhaus abhängig ist, fehlt es an Erfolgsgeschichten, obwohl die Problematik seit langem bekannt ist und in verschiedenen Studien immer wieder nachgewiesen wurde.

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"Schichtdienst oder kein Dienst"

Weder der Mutter von Undine Zimmer noch ihrem Vater ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt gelungen. Beide wachsen in schwierigen Familienverhältnissen auf, beide leben als Kinder ein Zeitlang im Heim, beide fühlen sich als Außenseiter, erleben eine Kindheit, die geprägt ist von Entbehrungen, abwesenden Vätern, wechselnden Familienverhältnissen und fehlender Anerkennung. Sie treffen sich auf einem Kolleg, wollen das Abitur nachmachen. Noch während der Schulzeit wird die Mutter schwanger, Undine kommt zur Welt. Die junge Mutter schafft es nicht, die Schulausbildung und die Versorgung des Kindes zu vereinbaren. Der Vater ist keine Hilfe, die Eltern streiten, es kommt zur Trennung.

Eine Weiterbildung oder die Ausübung ihres erlernten Berufes als Krankenschwester gelingen der Mutter nicht. Teilzeitstellen gibt es nicht, die Anforderung "Schichtdienst oder kein Dienst" lassen der Alleinerziehenden keine Wahlmöglichkeit. Das Arbeitsamt vermittelt immer wieder kleinere Aushilfsjobs, meist gemeinnützige Tätigkeiten, aber nie eine feste Stelle mit richtigem Gehalt. Gesundheitliche Probleme führen schließlich zur Arbeitsunfähigkeit. Und wieder ähneln sich die Leben der Eltern, denn auch der Vater ist gesundheitlich angeschlagen, er leidet an Depressionen, später sitzt er nach einem Unfall im Rollstuhl. Zuvor hat er sich in vielen verschiedenen Berufen versucht, auch ein Studium begonnen, ehe er "auf der Taxe hängenblieb". Bis heute leben Zimmers Eltern "mit einem Budget, in dem 20 Euro einen großen Unterscheid machen."

Der erste Uni-Abschluss in der Familie

Dennoch trifft das Klischee des bildungsfernen Hartz-IV-Kindes auf Undine Zimmer nicht zu. Ihre Mutter achtet auf gesunde Ernährung; Kultur und Bildung sind wichtig in ihrer Familie. Mutter und Tochter lieben Opern, lesen viel. Obwohl das Geld knapp ist, ermöglicht die Mutter ihrer Tochter Ballettstunden und Klarinettenunterricht. Als Jugendliche geht Undine Zimmer für mehrere Jahre ins Ausland, macht ihr Abitur in Schweden. Sie ist die erste ihrer Familie, die ein Studium abschließt. Am Ende glänzt der Erfolg, eine Selbstverständlichkeit war er ganz bestimmt nicht.

Vom Munde absparen

Wer mit wenig Geld auskommen muss, hat nicht viele Möglichkeiten etwas zurückzulegen. Eine ist, sich buchstäblich etwas vom Munde abzusparen. Sparsam einkaufen und kochen ist eine Kunst für sich. Jeder, der schon einmal hungrig im Supermarkt einkaufen war, weiß wie verlockend es ist, den Wagen mit Lebensmitteln vollzuladen. Ein Gefühl, das sich Undine Zimmer und ihre Mutter nie erlauben konnten. Stattdessen muss überlegt werden, "was am wenigsten kostet, am meisten Masse hat und sich am besten kombinieren lässt."

Haferflocken als Notfallnahrung

Jeder Einkauf, jede Entscheidung benötigt viel Zeit, denn Fehleinkäufe kosten unnötig Geld und gefährden das monatliche Budget. Haferflocken als "perfekte Notfallnahrung" werden immer gekauft, besonderes Gemüse oder Kochexperimente sind dagegen finanziell nicht drin. "In unseren drei Kochbüchern haben wir meistens nur die Bilder angeschaut", erinnert sich Zimmer. "Typische Gerichte bei uns waren Spaghetti mit Würstchen, Ketchup und Käse, Spaghetti mit Käsesoße oder Spaghetti mit Butter, Salz, Tomatenmark und Käse. Meine Mutter hat für mich etwas gekocht und dann die Reste gegessen. Im Nachhinein kommt es mir doch komisch vor, dass sie immer so kleine Portionen aß und dann behauptete, satt zu sein."

Vernunft oder Luxus?

Die Frage, wofür das knappe Geld ausgegeben wird, wiegt schwer - und das jeden Monat aufs Neue. Wintermantel oder Schuhe? Stromrechnung oder Unterwäsche? Welche Ausgabe kann noch einen Monat warten, was ist unabdingbar? Darf es diesen Monat ein kleiner Luxus sein (Bücher oder CDs) oder waltet wieder Vernunft? Zur Vernunft gehört auch, sich die Haare selbst zu schneiden und in die Stadt zu laufen, statt zu fahren, den Spargel in der Hand abzuwägen und dann wieder ins Regal zu legen. Denn "Luxus" hätte zur Folge, vor Monatsende ins Minus zu rutschen und die Summe dann kompliziert über Wochen an Kleidung und Essen wieder "abzusparen".

Ohnmacht, Abhängigkeit, Rechtfertigungszwang

Nicht nur das fehlende Geld macht der Familie zu schaffen, sondern vor allem das Gefühl von Ohnmacht und totaler Abhängigkeit. Jede größere Ausgabe muss extra beantragt werden, Abwesenheit oder Krankheit immer nachgewiesen werden. "Arbeitslose dürfen noch lange nicht, was andere Menschen dürfen. Sie dürfen nicht einmal die Stadt verlassen, die nächste Vorladung könnte jeden Tag im Briefkasten liegen. Man muss für jede Entscheidung eine Rechtfertigung parat haben. Immer. Das kriecht ins Denken."

"Auf diesen Fluren verzweifeln Menschen"

Die Szenen, die Abläufe auf dem Amt schildern, gehören zu den beklemmendsten in Zimmers Buch. Im Lauf der Jahre hat sie ihre Mutter, ihren Vater und verschiedene Freunde zum Jobcenter begleitet und beobachtet, wie sie sich verwandeln. "Auf diesen Fluren habe ich Menschen, die selbstbewusster sind als meine Mutter, verzweifeln sehen."

Das Wissen, dass kein familiäres Netz da ist, um sie in schwierigen Situation aufzufangen, zieht sich wie ein roter Faden durch Zimmers Leben. Die Mutter pflegt keine Bekanntschaften, hat praktisch keinen Kontakt zu ihrer Familie. Auch der Vater lebt isoliert. "Die Armutsdimension, die in unserem speziellen Fall am schwersten wiegt, liegt im Sozialen", schreibt Zimmer deshalb auch. "Wir hatten keine Bekannten, kein soziales Umfeld. Wir lebten wie in einer Luftblase in einer eigenen Welt. Letztlich geht es bei 'kein Geld' gar nicht ums Geld, sondern um Mobilität, Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben, um Identität und Selbstbewusstsein."

Mit 16 Jahren nach Schweden

Auch Kinder, die unter schwierigsten Umständen aufwachsen, können später ein glückliches und erfülltes Leben führen, wenn es ihnen gelingt, sich von schweren Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen. In der Sozialwissenschaft nennt man dieses Phänomen Resilienz. Eine Fähigkeit, die diese Kinder auszeichnet, besteht unter anderem darin, sich außerhalb der Familie Bezugspersonen zu suchen. Möglicherweise ist das der entscheidende Punkt, der Undine Zimmers Leben verändert hat. Sie sucht und findet Anschluss in einer Kirchengemeinde, die zum Familienersatz wird. Mit 16 verlässt sie Deutschland zu einem Schüleraustausch nach Schweden, den die Kirche vermittelt hat. "Das war sicher eine Strategie, die sich für mich ausgezahlt hat. Die Kirche ist ein Ort, der finanziell Schwachen immer noch Möglichkeiten der Teilhabe bietet. Ich entwickelte hier einen Ehrgeiz wie noch nie."

Wenn Undine Zimmer heute gefragt wird: "Wie bist du bloß so weit gekommen, bei den Eltern?", gibt sie eine überzeugende Antwort: "Ich habe, was ich geschafft habe, nicht trotz, sondern wegen meinen Eltern geschafft."

Buch-Tipp: Undine Zimmer: "Nicht von schlechten Eltern - Mein Hartz IV Kindheit", S. Fischer 2013, 18,99 Euro, ISBN: 978-3-10-092592-3

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