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Andrea Micus: Väter ohne Kinder

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Das Paradox "kinderlose Väter"  

"Wer das Kind hat, hat die Macht": Väter erzählen, wie sie ins Abseits gerieten

03.03.2015, 09:28 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Andrea Micus: Väter ohne Kinder. Nach einer Trennung verlieren viele Väter dauerhaft und oft unfreiwillig den Kontakt zu ihren Kindern. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Nach einer Trennung verlieren viele Väter dauerhaft und oft unfreiwillig den Kontakt zu ihren Kindern. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Väter lieben ihre Kinder. Sie wollen sie aufwachsen sehen, Zeit mit ihnen verbringen und sich an ihrer Erziehung beteiligen. Das gilt auch für Väter, die nach einer Scheidung getrennt von ihrem Nachwuchs leben. Doch viele dieser Männer haben den Kontakt zu ihren Kindern unfreiwillig und dauerhaft verloren. Die Autorin Andrea Micus schildert ihn ihrem neuen Buch in aufrüttelnden Fallgeschichten aus der Perspektive der Väter die Hintergründe für den Kontaktabbruch und das daraus resultierende Leid.

"Mein Sohn Alexander ist 16 Jahre alt. Seinen Vater hat er in den vergangenen drei Jahren gerade mal drei Stunden gesehen. Die letzte Begegnung dauerte zwanzig Minuten und fand kurz vor Weihnachten 2012 statt." So beginnt Andrea Micus ihr Buch "Väter ohne Kinder" und sie spricht dabei von ihrer eigenen Familie. Denn auch der Sohn der Autorin ist seit seinem vierten Lebensjahr ein Trennungskind - eines von vielen, dass keinen oder nur wenig Kontakt zu seinem Vater hat, obwohl alle Beteiligten zunächst die allerbesten Absichten hatten.

Scheidungskinder leben meist bei der Mutter

In Deutschland wird inzwischen jede dritte Ehe geschieden, jährlich sind es etwa 180.000. Die Paare ohne Trauschein sind hierbei noch nicht einmal mitgezählt. Betroffen von den Trennungen sind auch unzählige Kinder. Schätzungen gehen Jahr für Jahr von etwa 145.000 Minderjährigen aus, bei denen - gemäß der Entscheidungen der meisten Familiengerichte - neunzig Prozent der Eltern das Sorgerecht nach der Trennung zu gleichen Teilen ausüben.

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Doch in der Praxis erweist es sich oft als schwierig, sich gleichberechtigt um den gemeinsamen Nachwuchs zu kümmern. Denn es sind meist die Väter, die nach einer zerrütteten Beziehung die Koffer packen und so aus dem Familiengefüge herausgespült werden. Dass das so ist, liegt an dem bei uns immer noch traditionellen Lebensmuster, wo der Vater für das Einkommen und die Mutter für Haus und Nachwuchs zuständig ist.

So bleibt nach einer Trennung das Kind in neunzig Prozent aller Fälle bei der Mutter, die auf diese Weise einen gewissen territorialen und emotionalen Vorteil hat. Damit können die Väter nach ihrem Auszug nicht mehr kontinuierlich am Alltag ihrer Sprösslinge teilhaben. Sie sind abgeschnitten von deren Sorgen und Wünschen, zumal sie ihre Kinder häufig nur noch alle zwei Wochen zu festgelegten Zeiten sehen. Das ist dann häufig der erste Schritt, um zum "kinderlosen Vater" zu werden.

Vom liebevollen Vater zum Erzeuger mit Singlestatus

Dieses Paradox betrifft wahrscheinlich Millionen Männer aller sozialen Schichten und Altersklasen, wie Micus beschreibt. So würden innerhalb kürzester Zeit aus liebevoll engagierten Vätern, Erzeuger mit Singlestatus, die "ausgegrenzt und ihrer Vaterrolle beraubt" irgendwann keine Rolle mehr im Leben ihrer Kinder spielten.

Wie schnell das geht, zeigt eine Studie der Universität Bremen. Danach hat schon während der Trennungsphase nur noch die Hälfte der Männer häufigen, knapp 18 Prozent wenig und sogar gut 30 Prozent gar keinen Kontakt mehr zu den Kindern, nach einem Jahr sind es sogar 50 Prozent. "Ein emotionaler Super-GAU", nicht nur für die Väter, sondern auch für die Kinder, nennt Micus diesen ernüchternden Befund.

Eine übergreifende Ursache sieht die Autorin allerdings nicht für das vielfache Vaterdilemma und die unfreiwillige und schleichende Entfremdung vom eigenen Kind. "Es sind viele unterschiedliche Einflussfaktoren, die wechselseitig verschränkt in einem komplexen Zusammenspiel dazu führen, dass sich Väter und Kinder nicht mehr sehen", kommentiert sie. "Dabei gäbe es nicht den einen Schuldigen, 'die böse Mutter' und den 'gleichgültigen Vater', sondern es gibt Verstrickungen, die zu individuellen Dramen führen und an deren Ende sich Väter im Abseits wiederfinden."

Väter erzählen, wie sie ins Abseits gerieten

Sechs von ihnen, kommen in Micus‘ Buch ausführlich zu Wort und erzählen ihre persönliche Leidensgeschichte, nicht ohne dabei auch positive und hoffnungsvolle Perspektiven für andere Betroffene aufzuzeigen. Diese Fallbeispiele stehen exemplarisch für viele andere, die einen vergleichbaren schmerzhaften Bruch erleben mussten. Oft spielt neben den verletzten Gefühlen und Unzulänglichkeiten der Eltern auch die Haltung der verantwortlichen Behörden eine erhebliche Rolle.

Der 46-jährige Fotograf Markus aus Lüneburg ist einer dieser kinderlosen Väter. Seine Tochter Lisa ist heute 16 Jahre. Seit 13 Jahren hat er sie nicht mehr gesehen. Lisas Mutter Laura hat nach dem Scheitern ihrer Beziehung über Jahre gezielt versucht, den Kontakt zwischen Markus und seiner Tochter zu unterbinden. So lange, bis auch das Mädchen - damals war sie drei Jahre alt - ihren Papa nicht mehr treffen wollte, obwohl die beiden vorher ein sehr inniges Verhältnis hatten.

Schließlich fürchtete sich Lisa sogar vor ihm. Dabei machte sich Lisas Mutter zunutze, dass Markus einmal bei einem heftigen Streit die Beherrschung verlor und seine Noch-Lebensgefährtin ohrfeigte. Sie informierte auch das Jugendamt darüber.

Machtlos, ausgeliefert und verzweifelt

Von da an war Markus, auch aus der Sicht der verantwortlichen Behörden, ein gewalttätiger und unberechenbarer Mann, der nun unter Beobachtung stand und dem man nicht ohne Weiteres den Umgang mit seiner kleinen Tochter gestatten konnte - und wenn, dann nur unter Aufsicht des Jugendamtes. Das war der Beginn einer langen systematischen Entfremdung, gegen die Lisas Vater letztendlich nichts ausrichten konnte. Er fühlt sich machtlos, ausgeliefert, schutzlos und verzweifelt.

"Man hat Angst, dass ich ihr etwas antue", beschreibt er fassungslos seine Situation. "Weil ich eine Bestie bin. Eine Vaterbestie. Und warum ist das so? Ganz einfach: Weil Laura das will. Sie darf entscheiden, ob man mich als Vater anerkennt."

Irgendwann litt Markus unter Depressionen und verlor seinen Job. Schließlich gab er auf und zog sich zurück, seiner Tochter zuliebe, wie er sagt: "Lisa soll wissen, dass ich es nicht tue, weil ich sie nicht mehr will. Ein Kind, hin- und hergerissen zwischen den Eltern als Spielball von Erwachsenen, die sich von enttäuschten Gefühlen leiten lassen, so ein Kind kann nicht glücklich und stark ins Leben wachsen." Heute lebt Markus mit seiner neuen Frau und den beiden gemeinsamen Kindern glücklich zusammen. Er hofft, dass auch seine älteste Tochter Lisa eines Tages aus eigenem Antrieb wieder bei ihm anklopft.

"Ihr Verhalten gleicht einem Amoklauf"

Ähnliche Erfahrungen wie Marcus musste auch Frank aus dem Rhein-Main-Gebiet machen. Der 48-jährige Ingenieur kämpfte nach der Trennung von seiner Frau Larissa lange darum, seiner Vaterrolle gegenüber der gemeinsamen neunjährigen Tochter Mia gleichberechtigt nachzukommen. Obwohl ihm nichts vorzuwerfen war, schaffte es Mias Mutter trotzdem - manipulativ und mit viel Berechnung, wie Frank erzählt, den Kontakt zum Kind immer wieder zu blockieren, und machte den Vater dabei außerdem systematisch schlecht.

Auch die Durchsetzung von konkreten, regelmäßigen Umgangsregelungen war das Papier nicht wert, auf dem sie festgeschrieben waren, denn Franks Ex-Frau hielt sich meist nicht daran. Der Zugang zum Kind wurde für den Vater immer schwerer. "Sie ist mir in allem, was sie tut, voraus. Sie agiert. Ich reagiere", klagt Frank. Er ist der Überzeugung, dass die Kindsmutter ihn gezielt aus dem Leben der gemeinsamen Tochter ausradieren wollte. "Ihr Verhalten gleicht einem Amoklauf. Auf nichts nimmt sie mehr Rücksicht, auch nicht auf die Seele unserer Tochter. Das ist Sünde."

"Wer das Kind hat, hat die Macht"

Schließlich resignierte auch Frank, war innerlich erschöpft und folgte den Empfehlungen des Jugendamtes, zum Wohle des Kindes seine Tochter zunächst nicht mehr zu treffen. Seitdem sind zwei Jahre vergangen - ohne Kontakt. Doch Frank schreibt Mia monatlich einen Brief, um das Band zwischen Vater und Kind nicht völlig abreißen zu lassen, in der Hoffnung, dass die Post auch bei der Adressatin ankommt.

Frank sieht sich als Opfer des Mechanismus "Wer das Kind hat, hat die Macht" und will nicht verstehen, das eine raffinierte Mutter ungestraft einen liebenden Vater ausbooten kann, ohne dass die Behörden etwas dagegen unternehmen. "Stattdessen werden Mütter mit Samthandschuhen angefasst, und zwar so lange, bis sie erreicht haben, was sie wollen: Die Kinder sind entfremdet und wollen ihre Väter nicht nur nicht mehr sehen, sondern lehnen sie sogar ab."

Buchtipp: Andrea Micus, Väter ohne Kinder, Kösel-Verlag, 2015

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