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ADHS: "Bis zu 10 von 18 Schülern zeigen Auffälligkeiten"

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ADHS - Interview mit einer Lehrerin  

"Ich wünsche mir mehr Toleranz für Kinder, die 'anders' sind"

27.11.2015, 11:02 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

ADHS: "Bis zu 10 von 18 Schülern zeigen Auffälligkeiten". Die Grundschullehrerin Stefanie Kraft wünscht sich eine engere Zusammenarbeit von Schule und Eltern. (Quelle: privat)

Die Grundschullehrerin Stefanie Kraft wünscht sich eine engere Zusammenarbeit von Schule und Eltern. (Quelle: privat)

Stefanie Kraft ist seit zwanzig Jahren Grundschullehrerin, seit einigen Jahren an einer Nürnberger Ganztagsschule. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass die Anzahl der schwierigen Kinder deutlich zunimmt und dass die Lehrer in ihrer Ausbildung nicht ausreichend darauf vorbereitet werden. Vor allem, wenn es um das Thema ADHS geht.

t-online.de: Wenn Sie Kinder mit ADHS in ihrer Klasse haben, von wem erfahren Sie das dann? Von den Eltern?

Stefanie Kraft: Es gibt Eltern, die Auffälligkeiten ihres Kindes nicht wahrhaben wollen. Das sind jedoch wenige. Die Mehrheit der betroffenen Eltern kommt von sich aus auf mich zu und teilt mir beinahe schuldbewusst die Diagnose mit. Diese Eltern haben schon lange die leidvolle Erfahrung gemacht, dass ihr Kind unangenehm auffällt, häufig Schwierigkeiten macht, in Auseinandersetzungen verwickelt ist - und oft Kind und Eltern die Schuld dafür bekommen.

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In diesen Fällen haben Eltern oft Angst, dass ihr Kind von vornherein einen Stempel aufgedrückt bekommt. Gerade bei ADHS-Kindern muss offen kommuniziert werden, denn nur in der Zusammenarbeit mit den Eltern kann man wirklich erfolgreich handeln. Man braucht eine gemeinsame Basis, sonst kann es keine Fortschritte geben.

Haben Sie das Gefühl, dass die Anzahl der betroffenen Kinder in den letzten Jahren größer geworden ist? 

Gerade in den Ganztagsklassen in Stadtschulen nimmt das Problem auf jeden Fall zu. In manchen Klassen von etwa 18 Schülern zeigen bis zu zehn Kinder Verhaltensauffälligkeiten, manchmal haben fünf davon ADHS. Meistens Jungs. Für diese Häufung in Ganztagsklassen gibt es natürlich Gründe. Immer wieder werden diese Kinder in anderen Schulen aussortiert. Eltern wird geraten, ihr Kind aufgrund der angeblich besonderen pädagogischen Betreuung an einer Ganztagsschule anzumelden.

Oft sind die Eltern tatsächlich verzweifelt, mit den Nerven am Ende und haben die Hoffnung, dass sie ihrem Kind so die Chance bieten, das Beste zu bekommen.

Leider gibt es in der Praxis keine entsprechende Förderung und Betreuung für Kinder, die aus dem Rahmen fallen. Für uns Lehrer ist dies ein großes Problem. Wir sind keine Therapieeinrichtung und wir bekommen keine zusätzlichen Hilfen. Die meiste Zeit sind wir alleine in der Klasse. Wenn man es genau nimmt, dann bräuchten Kinder mit ADHS Schulbegleiter und vor allem professionelle Hilfe. Wir Lehrer sind damit oft überfordert. Man darf nicht vergessen: Wir sollen ja allen Kindern gerecht werden. 

Kindern mit ADHS werden ja gerade in Bezug auf den Unterricht viele negative Eigenschaften nachgesagt. Wie ist Ihre Sicht als Lehrerin? 

Unterricht zu halten mit ADHS-Kindern ist wirklich schwierig. Da sie sich oft nicht kontrollieren können, jedem Impuls nachgeben und zumeist eine unbändige Energie besitzen, reden sie oft dazwischen, machen Geräusche, bleiben nicht sitzen. All dies stört natürlich den Unterricht, egal ob dieser frontal gehalten oder offener gestaltet wird. Auf jeden Fall binden diese Kinder sehr viel Aufmerksamkeit und brauchen meistens den persönlichen Kontakt, um sich selbst wahrnehmen zu können. 

Beschäftigt man sich näher mit ADHS, dann stellt man fest, dass viele der Eigenschaften, die wir in unserer Gesellschaft als negativ bezeichnen, durchaus positiv sein können, wenn sie in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Haben Sie als Lehrerin überhaupt Möglichkeiten, zu lenken? 

Die besondere Energie, manchmal auch ganz besondere Fähigkeiten und Begabungen, die diese Kinder haben, kann man natürlich nützen. Wir können ihnen ein Feld bieten, in dem sie sich beweisen können und auch mal Erfolgserlebnisse haben.

Ich hatte mal einen Schüler, der hatte so viel Power, der konnte 100 Runden in der Sporthalle laufen. Seine Mitschüler waren schwer beeindruckt und haben sich von ihm anstecken lassen. Schließlich führte unser "Lauftalent" alle an. Allerdings muss man da auch wieder aufpassen, dass es nicht ausartet. 

Wie machen Sie das? 

Ich versuche immer in Kontakt zu kommen, eine Beziehung herstellen. Das Kind muss Vertrauen zu mir haben. Nur so nimmt es auch die Grenzen an, die ich ihm vorgebe. Wenn ich allerdings mehrere ADHS-Kinder gleichzeitig habe, dann wird das sehr schwierig.

In der Ausbildung zum Lehrer wird man auf eine solche Situation nicht vorbereitet. Klar, das Krankheitsbild wird mal erklärt, theoretisch. Aber solange man ein solches Kind nicht erlebt hat, kann man sich das wirklich nicht vorstellen.

Man besucht Fortbildungen, versucht, sich Kniffe zu erarbeiten. Aber diese Kinder sind so unterschiedlich, dass man jedes Mal wieder irgendwie von vorne anfängt.

Für mich sind im Umgang mit ADHS die Strukturen das Wichtigste. Sie helfen den Kindern, sich zu orientieren, sich an irgendetwas festzuhalten. Das brauchen sie. Und sie brauchen bestimmte Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft.

Man müsste also den Unterricht von vornherein anders gestalten?

Ja, das müsste man. Diese Kinder brauchen eine ganz andere Struktur, einen anderen Rhythmus. Doch es ist sehr schwer, das im normalen Schulalltag umzusetzen. Ich empfinde es als ganz fürchterlich, dass man als Lehrer immer das Gefühl hat, keinem seiner Schüler richtig gerecht zu werden. Das ist so erschöpfend.

Oft sind ADHS-Kinder sehr intelligent, und manche schaffen auch den Übertritt ans Gymnasium. Doch die Schwierigkeiten hören für sie dort nicht auf. Wir hatten schon öfter den Fall, dass die Schulen dann bei uns anrufen, um Infos und Rat einzuholen. Kann sich ein solches Kind aber über die Schulzeit retten, dann passiert es oft, dass die Energie in die richtigen Bahnen gelenkt wird. 

Haben Sie schon einmal erlebt, dass andere Eltern das betroffene Kind nicht in der Klasse ihrer Kinder haben wollten?

Ja, auf alle Fälle. Sie möchten zumindest darüber reden, ob das denn sein muss. In gewisser Weise ist das auch nachvollziehbar. Sie wollen ihre eigenen Kinder schützen. Es kommt ja auch zu körperlichen Übergriffen, zu Verletzungen. Aber Ganztagsklassen sind nun mal oft das letzte Auffangbecken für solche Kinder. Wo sollen sie denn noch hin? 

Wenn Sie ein Kind kennen und es dann unter dem Einfluss von Ritalin und Co. erleben, erschreckt Sie das nicht? Oder sind Sie eher erleichtert, weil der Unterricht jetzt deutlich einfacher und vor allem ruhiger zu gestalten ist?

Es gibt wirklich Fälle, in denen Kinder ohne ein solches Medikament fast nicht existieren können. Sie leiden selbst so sehr unter der Aufmerksamkeitsstörung, dass sie nur mithilfe von Chemie überhaupt zur Ruhe kommen können, sich wohlfühlen können in ihrer Haut.

Aber leider erlebt man als Lehrer auch, dass Kinder ruhig gestellt werden und völlig abwesend erscheinen. Manche Ärzte greifen viel zu schnell zum Rezept, was manche Eltern aber auch einfordern, nicht selten, um die schulischen Leistungen zu verbessern. Die Kinder werden mit Medikamenten durchgefüttert, damit sie den Übertritt schaffen.

Ich persönlich würde nur selten Medikamente empfehlen, dann wenn es zu oft zu ernsthaften tätlichen Übergriffen kommt oder das betroffene Kind selbst leidet. 

Wie ist das zum Beispiel auf Klassenfahrten? Müssen Sie die Medikamenteneinnahme überwachen?

In den extremen Fällen überwache ich die Einnahme natürlich, aber selbst geben darf ich kein Medikament. Manchmal ist dies aber auch nicht nötig. Ich habe mit Ausflügen und Klassenfahrten gerade im Hinblick auf die besonders lebhaften Kinder nur positive Erfahrungen gemacht. Eigentlich ist es auch kein Wunder: Die Kinder müssen sonst während der Unterrichtszeit ja oft lange stillsitzen. Hier bieten sich Bewegungs- und Handlungsmöglichkeiten, die zu einem entspannteren Verhalten beitragen. 

Was wünschen Sie sich als Pädagogin? 

Ich wünsche mir, dass die Schulen die Vielfalt an Problemen unserer Kinder, seien es Verhaltensauffälligkeiten, Lernschwächen oder etwa Sprachschwierigkeiten, besser auffangen könnten. Aber hierfür wäre es nötig, viel Geld bereitzustellen für zusätzliches Personal. Wir brauchen an den Schulen mehr Lehrkräfte, Sozialpädagogen, wir brauchen eine enge Zusammenarbeit mit Fachleuten wie Logopäden oder Ergotherapeuten.

Außerdem würde ich mir eine noch engere Zusammenarbeit von Schule und Eltern wünschen, um nachhaltiger zu arbeiten. Gerade mit ADHS-Kindern müsste man viel umfassender und gezielter arbeiten. Nur durch regelmäßiges Training lernen diese Kinder mit ihrer Krankheit umzugehen. Hier müssen wir zusammenhelfen.

Außerdem wünsche ich mir mehr Toleranz für Kinder, die "anders" sind. Sie brauchen unser Verständnis und manchmal eben auch andere Regeln. Deshalb empfinde ich es als besonders wichtig, ADHS auf die Spur zu kommen. Welche Rolle spielt hier die Ernährung, welche übermäßiger Medienkonsum? Das sind Punkte, die gerade in bestimmten Gesellschaftsschichten nicht unerheblich sind und möglicherweise Probleme erzeugen, die es sonst in dieser Ausprägung gar nicht gäbe. 

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