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Was hinter kreisrundem Haarausfall bei Kindern steckt

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 (Quelle: Archiv)

Alopecia areata  

Mysteriöser Haarausfall: Etwa 400.000 Kinder betroffen

14.11.2016, 17:36 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Was hinter kreisrundem Haarausfall bei Kindern steckt. Mädchen können den Haarausfall oft besser verstecken als Jungs. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mädchen können den Haarausfall oft besser verstecken als Jungs. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Alopecia areata - kreisrundem HaarausfallBis vor einiger Zeit betraf die Krankheit hauptsächlich Frauen im zweiten Lebensdrittel. Heute sind immer mehr Kinder davon betroffen.

Schätzungen zufolge sind es hierzulande mehr als 400.000, wobei die Dunkelziffer hoch ist. Es fällt oft nicht sofort auf - weder den Betroffenen noch deren Eltern und schon gar nicht dem Umfeld. Denn in den meisten Fällen ist es nur eine kleine Stelle, an der die Haare kreisrund ausgefallen sind.

Der kreisrunde Haarausfall ist vererbbar, aber nicht ansteckend

Bei Kindern wachsen in über 90 Prozent der Fälle die Haare irgendwann wieder nach und der Sache wird keine Bedeutung beigemessen. Dabei handelt es sich bei der Alopecia areata um eine Autoimmunkrankheit, die genetisch bedingt ist, jederzeit wiederkommen kann und im schlimmsten Fall zum dauerhaften Verlust aller Haare führt.

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Man nimmt derzeit an, dass es - neben der Veranlagung - noch vier bis fünf weitere Auslöser braucht. Einer davon, das weiß man inzwischen, ist eine massive Entzündung im Körper.

Psychische Ursachen werden ausgeschlossen

"Mann muss dabei den kreisrunden Haarausfall von anderem Haarausfall deutlich unterscheiden", meint Kerstin Zienert, Vorsitzende der größten Selbsthilfevereinigung für Menschen mit Haarerkrankungen im deutschsprachigen Raum. Pilzinfektionen der Kopfhaut können genauso gut ein Grund für Haarausfall sein wie psychische Spannungen, die zum Beispiel zu einem bewussten oder unbewussten Ausreißen der Haare führen.

Es gibt auch seelisch bedingten Haarausfall, der durch ein schweres Trauma ausgelöst wird. Doch bis heute gibt es keine Studie, die beweisen könnte, dass Stress beim kreisrunden Haarausfall eine entscheidende Rolle spielt. Dass die Krankheit an sich aber Stress auslöst, versteht sich von selbst.

Für Teenager besonders schwierig

Kinder, die vom kreisrunden Haarausfall betroffen sind, gehen damit anders um als Erwachsene. Meist sind sie widerstandsfähiger und optimistischer als ihre Eltern denken, abhängig natürlich auch von ihrem Entwicklungsstand. Bis zu einem Alter von etwa fünf Jahren wird der Alopecia areata nur relativ geringe Bedeutung beigemessen. Ist die erste Neugier befriedigt, interessieren sich die Spielkameraden wenig für das Problem.

Zwischen sechs und zwölf Jahren, im Grundschulalter also, wird immer wichtiger, was andere von einem denken. Machen sich andere lustig oder grenzen das Kind aus, dann kann das Selbstvertrauen darunter leiden. Für Teenager wird das Leben mit der Krankheit besonders schwierig. Kleinste Äußerlichkeiten bekommen jetzt ein enormes Gewicht bei der Frage, ob man akzeptiert wird oder nicht. Die Frisur spielt dabei eine erhebliche Rolle, da sie ihren Teil zur Identität und Gruppenzugehörigkeit beiträgt.

Mädchen können die Krankheit leichter und länger verstecken

"Jungs leiden teilweise sogar mehr als die Mädchen", so Zienert. "Die Mädels haben meist lange Haare, arbeiten mit Haarbändern und Ähnlichem und können die Krankheit so viel besser verstecken. Auch sind sie offener für Perücken. Jungs an eine Perücke heranzuführen ist sehr schwer. Sie setzen lieber eine Kappe auf."

Perücken bekommen in diesem Zusammenhang eine immer größere Bedeutung und erfreulicherweise gibt es heute Haarersatz, vor allem für Frauen, der kaum oder gar nicht vom Echthaar zu unterscheiden ist. Egal ob Junge oder Mädchen, die Krankenkassen übernehmen die Kosten meist zu 100 Prozent. "Menschen mit Alopecia areata gehen in der Regel alle durch die gleichen Phasen der Erkrankung durch", so die Mutter einer 14-Jährigen, die bereits seit Jahren unter der Krankheit leidet.

"Am Anfang ist da die Diagnose und ganz viel Trauer, dann kommt die Wut, warum ich? Und dann kommt die Akzeptanzphase, die ganz wichtig für die weiteren Schritte ist. Sie wächst wie eine zarte Pflanze."

Verzweifelte Eltern

Auch für die Eltern bedeutet der kreisrunde Haarausfall ihrer Kinder meist Stress. Fragen wie "habe ich Schuld daran?" oder "wie kann ich meinem Kind helfen?" schwirren täglich durch die Köpfe. "Wenn ein Kind merkt, dass sein Haarausfall ein Grund für Angst oder Traurigkeit für Sie ist, wird es diese Gefühle übernehmen und verinnerlichen", heißt es in einer vom AAD herausgegebenen Broschüre zum Thema.

"Dies soll nicht bedeuten, dass Sie Ihre eigenen Emotionen ignorieren oder unterdrücken sollen. Eltern sollten sich vielmehr darüber klar werden, dass Ängste und Schuldgefühle wegen des Haarausfalls ihres Kindes natürlich sind und zur eigenen Unterstützung Kontakt zu anderen betroffenen Eltern suchen." Außerdem sollten Eltern die Schule informieren und Lehrer und Schulleiter aufklären.

Man darf um Haare weinen

"Jeder Haarverlust ist wieder dieselbe Katastrophe, zieht einem regelrecht die Füße weg", erzählt Zienert, die selbst bereits seit 21 Jahren unter der Krankheit leidet. 21 Jahre, in denen neunmal ihre Haare nachgewachsen und wieder ausgefallen sind. "Für mich ist es wichtig, dass Eltern und Kinder lernen, dass man um Haare weinen darf. Sie sind ein Teil von uns, der geht und den wir nicht aufhalten können. Mit nichts. Einen solchen Verlust muss man erst einmal verarbeiten." Sie ergänzt: "Es ist nicht nur schlimm für die Kinder und Jugendlichen, sondern auch für deren Eltern.

Eltern von betroffenen Kindern sind häufig ratlos, leiden mit ihren Kindern und versuchen alles, um ihnen zu helfen. "Aus Solidarität wollte ich mir eine Glatze schneiden und auch eine Perücke tragen, um mitfühlender sein zu können", berichtet eine betroffene Mutter. "Doch meine Tochter lehnte das mit den Worten 'Ach Mama, das hilft uns nicht!' ab."

Der Fachmann ist der Hautarzt

Nichts hilft. Das ist das Fazit, das Zienert zieht: "Leider, und ich sage bewusst leider, wird der kreisrunde Haarausfall in Deutschland behandelt. In vielen anderen europäischen Ländern lässt man gleich die Finger davon. Alles, was mit dem Immunsystem zu tun hat, ist so komplex, dass alle Eingriffe eigentlich eine Katastrophe für den Körper eines Heranwachsenden darstellen. Ich kenne viel mehr Kinder, deren Haare einfach so wieder gewachsen sind als solche, denen mit einer Behandlung geholfen werden konnte."

Spezialisten für kreisrunden Haarausfall sind die Dermatologen. Im optimalen Fall wird zuerst eine Anamnese gemacht, die Kopfhaut betrachtet und die Schilddrüsenfunktion untersucht. Auch die Frage, ob Atopien, also zum Beispiel Neurodermitis, Heuschnupfen oder Asthma bestehen, muss zunächst geklärt werden. Der Hautarzt wird sich auch die Nägel des Kindes genauer ansehen. Denn man hat festgestellt, dass bis zu 30 Prozent der Betroffenen Nagelveränderungen aufweisen.

Behandlungen und mögliche Nebenwirkungen gut überdenken

Dr. Cüneyt Gündogan, Entwickler einer Internetplattform für Mediziner, bedauert, dass es keine kausale Therapie gibt. Also keine, die die Ursachen bekämpfen könnte. Er rät zu einer kinderpsychologischen Beratung. Andererseits weiß der Hautarzt auch aus Erfahrung, dass viele Eltern sich ein aktives Vorgehen wünschen.

Die Therapien, die zur Verfügung stehen sind allerdings allesamt umstritten. Doch gerade bei Kindern fällt es besonders schwer, ruhig abzuwarten, bis eventuelle Selbstheilungskräfte in Gang kommen. Die meisten Therapien führen bei mehr als 70 Prozent der Betroffenen zumindest kurzfristig zu einem Erfolg. Die Spontanheilungsrate liegt nicht ganz so hoch, aber immerhin bei rund 50 Prozent. Bei der Überlegung, ob man sich auf eine Behandlung einlässt und wenn ja, auf welche, sollte man also auch immer im Hinterkopf behalten, dass jede Behandlung Nebenwirkungen haben kann.

Das Kinderkrankheiten-Lexikon bietet einen Überblick über die häufigsten Kinderkrankheiten. In den Artikeln werden Symptome, Behandlung und mögliche Folgen der Kinderkrankheiten erklärt. Eltern erfahren, bei welchen Anzeichen das Kind schnell zum Arzt muss und bei welchen Krankheiten auch Hausmittel helfen können. Sie finden auch die Information, ob und wie lange Kinderkrankheiten ansteckend sind. Manchen Kinderkrankheiten kann man durch Impfung vorbeugen. Einen Überblick über die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen bietet ergänzend unser Impfkalender
Wichtiger Hinweis: Die Informationen in diesem Kinderkrankheitenlexikon liefern Anhaltspunkte, können aber keinesfalls die Diagnose eines Kinderarztes ersetzen. Sicherheitshalber sollten Eltern auffällige Symptome bei ihrem Kind vom Arzt abklären lassen.

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