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Schizophrenie: Lena lebt seit 20 Jahren mit Wahnvorstellungen

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Das unverstandene Leiden Schizophrenie  

Lena lebt seit 20 Jahren mit Wahnvorstellungen

27.04.2016, 16:57 Uhr | Anja Speitel, t-online.de

Schizophrenie: Lena lebt seit 20 Jahren mit Wahnvorstellungen. Schizophrenie: Menschen mit Schizophrenie haben oft die Wahrnehmung, dass sich jegliches Geschehen in ihrer Umgebung auf sie bezieht. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Menschen mit Schizophrenie haben oft die Wahrnehmung, dass sich jegliches Geschehen in ihrer Umgebung auf sie bezieht. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Schizophrenie ist eine psychische Störung, die selbst Medizinern immer noch Rätsel aufgibt. Sie geht mit Realitätsverlust, Denkstörungen und Halluzinationen einher. Angst ist ein zentrales Thema – bei Erkrankten und Angehörigen, aber auch in der Gesellschaft. Eine betroffene Mutter räumt mit Irrtümern und Vorurteilen auf.

Die 37-jährige Lena* lebt seit 20 Jahren mit Schizophrenie. Die Krankheit begann bei ihr mit 17. Schizophrenen haftet das Klischee einer gespaltenen Persönlichkeit an. Doch das stimmt nicht.

"Schizophrenie ist durch eine veränderte Wahrnehmung der Umwelt gekennzeichnet", bringt es Professor Asmus Finzen auf den Punkt. "Betroffene haben das Erlebnis der Eingebung von Gedanken und des Gedankenentzugs. Sie hören etwa Stimmen in der dritten Person über sich sprechen", sagt der Psychiater und Nervenarzt. "So kann die ganze Welt in einen so intensiven Bezug zu dem Betroffenen treten, dass sich jedes Geschehen auf ihn zu beziehen scheint und eine besondere Mitteilung an ihn enthält." Deswegen verhält sich ein akut Erkrankter für Außenstehende scheinbar unsinnig. Die schwer verständlichen Handlungen sind das Produkt von Fehlwahrnehmungen und Fehlinterpretationen der Umwelt.

Dass ein erster Schub wie bei Lena im jungen Alter auftritt, ist typisch: Die psychische Störung beginnt bei Männern meist zwischen dem 15. und 25. und bei Frauen zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr. Schätzungsweise ein bis vier Prozent der Menschen in Deutschland sind von Schizophrenie betroffen, und diese Schätzung lässt sich weltweit übertragen.

Lena verhielt sich plötzlich merkwürdig

Als die Krankheit bei Lena begann, war sie auf einem Internat in England. "Stets war meine Tochter eine freundliche und eher schüchterne Schülerin gewesen, doch plötzlich setzte sie sich über Regeln hinweg“, erzählt ihre Mutter Janine Berg-Peer. "Auf Ermahnungen reagierte sie nicht, sondern machte völlig ungestört weiter. Ich war natürlich sauer, aber sie verstand gar nicht, wovon ich und die Lehrer sprachen.“ Nachdem sich Verstoße häuften, flog Lena vom Internat.

"Zurück daheim machte ich mir immer mehr Sorgen um Lena: Sie war meist müde, bekam nichts geregelt und es häuften sich seltsame Erzählungen und Handlungen", erinnert sich Janine. "Lena fuhr zum Beispiel zum Flughafen und versuchte nach England zu fliegen, weil sie zum Internat zurück müsse – doch davon war nie die Rede gewesen. Ihr Verhalten entsprach einfach nicht mehr der Realität."

Angst vor der Psychiatrie ist unbegründet

In ihrer Not rief die Mutter einen befreundeten Arzt an. "Er ermutigte mich, Lena psychiatrisch untersuchen zu lassen. Schnell war die Diagnose klar. Lena blieb für einige Wochen in einer psychiatrischen Klinik, bis die psychotische Phase wieder abklang."

Seit diesem Zeitpunkt war Lena immer mal wieder in der Psychiatrie. Mal reichten zwei Wochen, dann wieder mussten es vier bis sechs Wochen sein. "Anfangs tat mir Lena leid, wenn sie in der Klinik war. Es löst damals Grauen in mir aus, wenn man dort etwa zu mir sagte: 'Gehen Sie bitte', weil sie mich nicht erkannte. Oder wenn Lena fragte, ob ich Leute beauftragt hätte, ihr Böses zu tun", erinnert sich Janine. "Aber ich habe gelernt, dass die Psychiatrie für meine Tochter ein Ort sein kann, um Ruhe zu tanken."

Janine Berg-Peer (Foto: privat)Janine hat viel über Schizophrenie gelernt: "Ein psychotischer Schub kann abgewendet werden, wenn man früh genug Stress rausnimmt und spezielle Medikamente gibt – sonst dauert er Wochen. Aber in unserer Gesellschaft haftet der Psychiatrie leider immer noch ein schlechtes Image an und so finden viele lange nicht den Weg dort hin". Sie betreibt den Angehörigenblog und viele betroffene Familien suchen bei ihr Rat und Hilfe. "Alles lässt man untersuchen, aber die Psyche darf nicht untersucht werden, das ist immer noch ein Tabu. Doch die psychisch Kranken leiden und ihre Familien mit! Also, es bringt niemandem etwas die Psychiatrie zu verteufeln", appelliert die Mutter. "Sie muss manchmal sein und sie kann oft wirkungsvoll helfen." 

Schizophrenie macht Angst 

Weil das Leiden so vielfältig und immer noch so wenig verstanden ist, greifen Vorurteile. "Es kommt aber weder zum Verlust des Verstandes, noch der Intelligenz", betont Finzen. Angst ist hingegen ein zentrales Thema: "Wenn die Krankheit beginnt, spüren die Patienten selbst, dass sich bei ihnen etwas verändert. Aber sie wissen nicht, was. Zumindest können sie es nicht als psychische Krankheit begreifen“, so der Nervenarzt. "Das Wesen des Wahns ist ja, dass der Betroffene ihn nicht erkennt, sondern unerschütterlich von der Wirklichkeit dessen, was er sieht, hört, fühlt oder denkt, überzeugt ist."

Lena sah schon Leichen um sich herum liegen und dachte, auch sie solle umgebracht werden. Wenn die junge Frau draußen unterwegs war, hatte sie den Eindruck, alle Menschen redeten und lachten über sie. Auch daheim fühlte Lena sich beobachtet und entfernte alle Poster in ihrem Zimmer, weil sie Kameras dahinter vermutete. Manchmal hatte sie auch starke Schmerzen ohne ersichtlichen Grund oder nahm ihre Arme als doppelt so dick wie sonst wahr. Kein Wunder, dass eine Schizophrenie von Angst, Panik und Niedergeschlagenheit geprägt ist, auf die Betroffene mit sozialem und emotionalem Rückzug reagieren.

Ausdruck der Gefühlswelt: Dieses Bild hat die an Schizophrenie erkrankte Lena mit Anfang 20 für ihre Mutter gemalt. (Quelle: privat)Ausdruck der Gefühlswelt: Dieses Bild hat die an Schizophrenie erkrankte Lena mit Anfang 20 für ihre Mutter gemalt. (Quelle: privat)

All das macht natürlich auch den Angehörigen Angst: "Hat man noch keine Diagnose, löst das auf beiden Seiten Ratlosigkeit und Hilflosigkeit aus", weiß Finzen. "Dem Begreifen, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt, gehen oft langwierige, leidvolle Phasen voraus. Bewährte Formen des Umgangs miteinander tragen nicht mehr, es kommt zu heftigen Konflikten und Beziehungen gehen kaputt. Wenn das Verhalten des anderen nicht als krankhaft verändert wahrgenommen – und damit bis zu einem gewissen Grad auch entschuldigt – werden kann, zerbrechen Familien daran. Viel zu oft macht aber leider erst eine krisenhafte Zuspitzung, der psychische Zusammenbruch, die Diagnose und die psychiatrische Behandlung möglich." 

Schizophrenie und Pubertät ähneln sich

Dabei zeigen sich bereits Monate, oft sogar Jahre vor einer akuten Schizophrenie erste, jedoch sehr unspezifische Warnzeichen: Das sind etwa Lustlosigkeit, gedrückte Stimmung, Desinteresse, Nervosität, leichte Reizbarkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Die Gedanken können durcheinander geraten, Betroffene sind zunehmend misstrauisch, launisch oder beziehen alles auf sich. In der Regel ziehen sie sich auch immer mehr zurück, engagieren sich weniger in der Schule oder Arbeit und vernachlässigen ihr Äußeres. "Das von normalem pubertären Verhalten abzugrenzen ist jedoch die Krux", gibt Finzen zu bedenken.

Wie Schizophrenie entsteht, ist ebenfalls noch ein Rätsel. Mediziner vermuten ein Zusammenspiel von genetischer Veranlagung, Umweltfaktoren und biographischen Faktoren.

Schizophrenie ist behandelbar

Es ist ein Irrtum, dass Schizophrenie unheilbar ist. Die Psychiatrie kann durch aufeinander abgestimmte Medikamentengabe, Psychotherapie und soziale Rehabilitation viel bewirken. Lena hat mittlerweile eingesehen, dass sie ihre Medikamente auch abseits der akuten Phasen einnehmen muss, auch wenn sie dadurch stark zugenommen hat. "Immer wenn sie die Tabletten abgesetzt hatte, kam ein Rückfall", berichtet Janine.

"Auch die Warnzeichen, dass sich ein psychotischer Schub anbahnt, kennen wir mittlerweile." Diese entsprechen den Frühwarnzeichen. "Wenn Lena unruhig oder schnell wütend wird, frage ich sie, was ich für sie tun kann. Man sollte versuchen, immer freundlich, geduldig und verständnisvoll mit Betroffenen umzugehen", rät Janine. "Ich achte mit darauf, dass Lena sich nicht überfordert. Um akute Phasen gering zu halten, ist es sehr wichtig, Ruhe in den Alltag zu bringen: also regelmäßig essen, sich nicht heftigen Reizen wie einer Disco aussetzen, Stress vermeiden, mal 'Nein' sagen dürfen, über Ängste reden, gut schlafen… notfalls muss man auch mal mit Beruhigungsmitteln nachhelfen." Doch eine Garantie ist das nicht: "Wird es dennoch schlimmer, muss Lena auch mal wieder für zwei Wochen ins Krankenhaus."

Hilfe im Alltag suchen statt Zwangseinweisung riskieren

Janine empfiehlt dringend, eine ambulante Betreuung in die Behandlung zu integrieren: "Ein Betreuer hilft dem Betroffenen, den Alltag zu bewältigen, etwa aufräumen, Briefe erledigen, aber auch einen Krisenplan erstellen. Also beispielsweise den Betreuer anrufen und nicht die ganze Nacht vor Angst schreien, bis die Polizei kommt und zwangseinweist", erklärt die Mutter.

"Betroffene leiden massiv unter ihrer Isolation und darunter, dass sie ihren Alltag nur schwer auf die Reihe bekommen: Sie wollen etwas schaffen, aber es funktioniert durch ihre Erkrankung einfach nicht. Deshalb ist so eine ambulante Betreuung besonders wichtig." Zumal es gegen die Begleiterscheinungen wie Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme, Misstrauen und Angst kaum wirksame Medikamente gibt.

Dennoch ermutigt Janine: "Eine gravierende psychische Erkrankung wie die Schizophrenie ist schlimm, aber sie bedeutet nicht das Ende. Man ist nicht vollkommen machtlos." Tipps und neue Kraft bekommen Angehörige über den Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK).

Schizophrenie kann auch wieder verschwinden

Nach Lenas erstem Klinikaufenthalt mit 17 Jahren sagten die Ärzte zu Janine: Ihre Tochter ist so krank, die wird nichts mehr leisten können. Und das, obwohl Schizophrenie nichts mit verminderter Intelligenz zu tun hat. "Man sollte so weit wie möglich an der Normalität festhalten", betont Janine. "Ich denke, liebevolles Fördern ohne zu überfordern ist extrem wichtig, sonst sitzen Betroffene alleine zuhause rum und grämen sich, dass ihnen keiner mehr etwas zutraut oder zumuten will.“

Außerdem ist Schizophrenie eine Krankheit mit recht günstiger Prognose: "Ein Drittel der Patienten wird von alleine wieder gesund – unabhängig wie und ob behandelt", weiß Finzen. "Wird angemessen therapiert, hat ein weiteres Drittel eine günstige soziale Prognose, das Leben gut zu meistern. Dem letzten Drittel geht es leider schlecht, wobei auch das durch eine angemessene Behandlung gelindert werden kann." 

Trotz der Rückfälle verfolgt Lena ihre Ziele

Lena holte mit 19 ihren Realschulabschluss an der VHS nach und meisterte eine Ausbildung als Bürokauffrau. "So hatte sie Kontakt zu Menschen, konnte etwas tun. Trotz Rückfällen in stressigen Zeiten hat Lena auch immer wieder den Mut, Neues zu wagen“, sagt die Mutter stolz. Nachdem sie 2014 eine sogenannte EX-IN-Ausbildung absolviert hat, betreut Lena mittlerweile selbst psychisch Kranke. Und sie hat schon wieder neue Ziele: Sie möchte Sozialarbeit studieren. Und sie wünscht sich ein Kind.

*Name von der Redaktion geändert 

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