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Kinder mit Dialekt: Sprachbegabte oder Dorfdeppen?

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Kinder mit Dialekt  

Sprachbegabte oder Dorfdeppen?

01.11.2016, 11:29 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Kinder mit Dialekt: Sprachbegabte oder Dorfdeppen?. Kinder mit Dialekt fällt es oft leichter weitere Sprachen zu lernen.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Kinder mit Dialekt fällt es oft leichter weitere Sprachen zu lernen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Dialekt sprechen galt lange als Makel. Zu tief sitzen die Ängste von Eltern und Lehrern, der Dialekt könnte einem Kind später einmal in seiner beruflichen Laufbahn schaden. Doch eine Mundart ist weit mehr als nur romantisch und folkloristisch.

Wer eine Mundart beherrscht, verfügt über einen größeren Wortschatz, kennt mehrere Begriffe für ein und dasselbe. Wer wiederum viele Synonyme kennt, tut sich auch leichter mit dem Erlernen von Fremdsprachen. Vereinfacht gesagt, ist das Gehirn es dann schon gewöhnt, dass etwas völlig verschiedene Wörter zugeordnet bekommt. "Mehrsprachiges Wissen, also auch das Wissen, das sich aus dem Verwenden von Dialekt und Hochsprache ergibt, hat enorme Vorteile für ein Kind", so Wolfgang Schulze, Dialekt-Experte an der Münchner Uni.

Dialektsprecher wachsen zweisprachig auf

Die vielfältigeren Möglichkeiten, seinen Gedanken Ausdruck zu verschaffen sind nur ein Beispiel. Ein anderes ist die Tatsache, dass ein Abstand in der Wahrnehmung der Hochsprache entsteht. "Hierdurch wird dem Kind viel plastischer klar, was eigentlich die Strukturen der Hochsprache ausmacht und wie diese bewusster eingesetzt werden können. Wodurch das Sprachverständnis an sich erheblich verstärkt wird und damit auch der Fremdsprachunterricht verbessert werden kann", so Schulze. Der Effekt ist dabei übrigens umso größer, je stärker der Dialekt vom Hochdeutschen abweicht.

Kinder wechseln problemlos von einer zur anderen Sprache

Auch Horst Haider Munske von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg beschäftigt sich beruflich mit Dialekten. "Niemand trainiert heute einen Dialekt ab. Die Fähigkeit, Dialekt zu sprechen, geht aber verloren, wenn sie nicht genutzt wird."

Er weist darauf hin, dass es für ein Kind in der Regel kein Problem ist, mehrere Sprachen zu lernen. Vor allem dann nicht, wenn diese Sprachen mit bestimmten Sprechern verbunden sind. Es besteht also keine Schwierigkeit, auf der Straße und im Schulhof Dialekt zu sprechen, mit den Eltern und während des Unterrichts aber auf das Hochdeutsche zurückzugreifen.

Dialekt verbindet

Der Dialekt ist Teil der persönlichen Identität. "Er schafft unter Dialektsprechern - auch jenen, die ihn nur noch halb beherrschen oder sogar nur verstehen - ein Bewusstsein regionaler, ideeller, lebenspraktischer Zusammengehörigkeit", so der Sprachwissenschaftler Munske.

Er ergänzt: "Früher war der Hauptgegner der Dialekte die Schule. Das hat sich gewandelt. Heute sind eher die Eltern die Gegner, weil sie für ihr Kind Nachteile befürchten." Ob etwas gesellschaftlich von Vorteil ist oder nicht, wird sozial bestimmt. Das heißt, es ist eine Größe, die von außen auferlegt wird.

Es kann also durchaus sein, dass Dialektsprechen "unvorteilhaft" ist, einfach deshalb, weil es die Umgebung als unvorteilhaft ansieht und so normiert hat.

Mundart macht schlau

"Etwas anderes ist es, wenn man unter 'Vorteil' eine größere Nähe und Adäquatheit zu den 'kognitiven' Fähigkeiten eines Kindes versteht", ergänzt sein Münchner Kollege Schulze. Das bedeutet, dass zweisprachige Kinder, also auch solche, die sowohl einen Dialekt als auch das Hochdeutsche beherrschen, ihre Fähigkeiten stärken und ihre Gefühle genauer ausdrücken können. Das Schlagwort hier: Dialekt macht schlau! Und das, obwohl man jahrzehntelang davon überzeugt war, dass Dialekt sprechende Kinder im Deutschunterricht von vornherein keine Chancen auf gute Noten hätten.

Der Grund für diese Annahme waren Studien aus den 70er Jahren, bei denen allerdings nur die Kinder betrachtet wurden, die vor ihrer Einschulung ausschließlich Dialekt sprachen und hörten, deren Mundart also ihre einzige Sprache war.

Vom Aussterben bedroht

Wissenschaftler sprechen heute von einer inneren Zweisprachigkeit, die Kinder beherrschen, die mit einem Dialekt aufwachsen. Denn kein deutsches Kind kann heutzutage noch ohne das Hochdeutsche groß werden. Dafür sorgen neben Kindergarten und Schule auch die Medien, vom Buch über den CD-Player und den Fernseher bis hin zum Computer.

Eltern, die starken Dialekt sprechen, sollen und brauchen sich also nicht verbiegen. Wichtiger ist es, authentisch zu bleiben. Munske geht sogar so weit, Eltern zu empfehlen, gezielt Dialekt mit ihren Kindern zu sprechen. "Sonst geht er unter. Nur der natürliche Spracherwerb des Dialekts sichert ihm die Zukunft." Wenn diese Eltern ihren Kindern zusätzlich den Zugang zum Hochdeutschen leicht machen, ihnen zum Beispiel regelmäßig vorlesen, dann fördern sie ihren Nachwuchs optimal. Sie sichern also nicht nur dem Dialekt die Zukunft, sondern auch ihren Kindern.

Angst um die Hochsprache

Die immer wiederkehrende Frage nach dem Verlust des Hochdeutschen durch die Verwendung eines Dialekts wird von Sprachforscher Schulze zurückgewiesen: "Hochdeutsch spielt bei einem Kind, das mit Dialekt oder auch mit einer Ghetto-Sprache aufwächst, de facto die Rolle einer nationalen Zweitsprache, die es in entsprechenden Kontexten bewusst einsetzen kann. Das Hochdeutsche geht also nicht verloren, erhält auch keinen untergeordneten Rang, sondern spielt einfach die Rolle, die es ohnehin hat: nur öffentlich und im Bewusstsein der Sprecher verankert."

Schulfach Mundart

Professor Schulze ist dafür bekannt, dass er den Mundarten gerne einen eigenen Raum in der Schule geben würde. Damit ist aber nicht gemeint, dass man dem Deutschunterricht nun einen parallelen Unterricht im Dialekt entgegensetzen sollte. Stattdessen geht es darum, die "Sprache des Kindes" zu erhalten und in dem Sinn zu fördern, dass es seine "Heimsprache" auch gezielt im Unterricht verwenden darf.

Hier gleich wieder prüfungs- und leistungsbezogen zu denken, hält der Germanist für unsinnig. "Lehrer müssten dann auch nicht unbedingt den Dialekt im Detail beherrschen, sondern sie sollten ihn wahrnehmen, akzeptieren und seinen Gebrauch fördern. Schließlich geht es hier um das Lernen beziehungsweise um das Verwenden von Wissen um der Sache und nicht um der Noten willen!"

Auch Munske hält nichts davon, den Dialekt in eine schulische Extra-Nische abzuschieben. "Vielmehr sollten Dialekttexte im Deutschunterricht genauso behandelt werden wie das Verhältnis von Dialekt und Standard."

Dialektunterricht verstärkt vorhandenes Wissen positiv. Kinder dagegen, die daheim keinen Dialekt sprechen, werden bereits früh an Zweisprachigkeit gewöhnt. Und zwar ohne dass dabei schon Bezug genommen werden muss auf eine internationale Sprache. Die perfekte Vorbereitung für einen Fremdspracherwerb sozusagen.

Sind Dialektsprecher Dorfdeppen?

Doch nicht nur das: Immer wieder stellen Lehrer fest, dass Kinder, denen der Dialekt regelrecht abtrainiert wurde, eine Art Blockadehaltung dem Deutschen gegenüber entwickeln, die psychischer Natur ist. Im schlimmsten Fall kann das zu echten Verhaltensstörungen führen. "Für ein Dialekt sprechendes Kind gibt es nicht viel Schlimmeres als zu erfahren, dass das, was es bis zur Einschulung gelernt hat, eigentlich 'Müll' ist“, so Schulze. "Fünf Jahre Spracherwerb umsonst? Nur, weil andere mit diskriminierendem Blick von der Warte der Hochsprache aus herabrufen: du Dorfdepp?"

Gerade Kinder, die eine solche Diskriminierung ihres Dialekts erfahren haben, profitieren von einer Wertschätzung desselben. Die andere Seite der Medaille: Kinder, die bisher nur mit der Hochsprache in Kontakt gekommen sind, gewinnen durch Dialekt im Unterricht auch an Toleranz.

Dialekt kann sich als berufliche Hürde herausstellen

Die Frage danach, ob sich ein Dialekt im Berufsleben als Hürde herausstellen kann, wird allerdings nach wie vor allgemein bejaht. Natürlich ist das Hochdeutsche im Berufsleben unverzichtbar. "Man weiß aber, dass in vielen Handwerksberufen der Dialekt vorherrscht. Viele junge Leute lernen den jeweiligen regionalen Dialekt erst hier richtig zu gebrauchen", so Munske.

Die Akzeptanz der verschiedenen Mundarten ist gestiegen, wenn auch nicht für alle gleich. Noch immer gilt zum Beispiel das Bayerische als sympathisch, wohingegen die meisten Menschen Probleme mit dem Sächsischen, dem Fränkischen oder auch dem Kölsch haben. Dies allerdings, so meint Schulze, liegt nicht an den Dialekten selbst, sondern an Assoziationen, die man damit verbindet.

Eigentlich ist das Hochdeutsche ein Dialekt

Wenn man es sprachwissenschaftlich gesehen ganz genau nimmt, dann sind ja auch nicht die Dialekte eine Variante des Hochdeutschen, sondern das Hochdeutsche ist ein rein staatlicher Dialekt, zusammengesetzt aus mitteldeutschen Regionaldialekten.

Der Germanistikprofessor Karl-Heinz Göttert stellt sich übrigens in seinem aktuellsten Buch die Frage, wie es überhaupt um die Zukunft der Dialekte bestellt ist. Sein Fazit lautet ganz eindeutig: Die Mundarten bleiben uns erhalten - nicht zuletzt, weil wir uns in unserer globalisierten Welt nach ein bisschen Heimat und Zugehörigkeit sehnen.

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