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7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland

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7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland  

Johanna hat sich ohne Lesen und Schreiben durch die Schulzeit gemogelt

07.09.2015, 18:10 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de, dpa

7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland. Die Weichen für späteren Analphabetismus werden früh gestellt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Weichen für späteren Analphabetismus werden früh gestellt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Analphabetismus ist auch in einer Industrienation wie Deutschland gar nicht so selten. Etwa jeder siebte Erwachsene kann nicht richtig lesen und schreiben. Analphabeten führen meist schon seit ihrer Schulzeit einen Kampf gegen die Buchstaben. Diese Faktoren spielen eine Rolle.

Johanna ist 23 Jahre alt und arbeitet seit einiger Zeit als Aushilfskraft in einer Gärtnerei. Eigentlich ist sie zufrieden mit ihrem Job, bei dem sie meist draußen sein kann und keine Büroarbeit erledigen muss. Doch sie hat ein Problem, das sie schon seit ihrer Schulzeit belastet: "Ich kann leider nur ganz schlecht lesen und schreiben. Das fing schon in der Grundschule an."

So mogelte sich Johanna durch die Schulzeit

Die junge Frau schaffte trotz ihrer Legasthenie den Hauptschulabschluss: "Irgendwie habe ich mich immer mit kleinen Tricks durchgemogelt, habe zum Beispiel die Hausaufgaben irgendwie abgeschrieben oder hatte plötzlich schlimmes Halsweh, wenn ich etwas vorlesen sollte. Trotzdem habe ich immer versucht mündlich mitzumachen, damit meine Noten etwas besser wurden. Einige Lehrer hatten Mitleid mit mir und wollten, dass ich weiterkomme. So bekam ich öfter eine Gnadenvier und wurde versetzt."

Trotz erfolgreicher Vertuschungsstrategien, die Johanna auch heute noch praktiziert, hat sie immer unter ihrem Analphabetismus gelitten: "In Mathe schlecht zu sein, finden viele sogar cool. Aber nicht richtig lesen und schreiben zu können, ist schlimm. Dafür schäme ich mich. Denn fast nichts auf unserer Welt funktioniert ohne Schrift."

7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland

Dabei ist Johanna kein Einzelfall. Zwischen 60.000 und 70.000 junge Menschen verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss. In dieser Gruppe sind viele, die zwar einzelne Wörter, aber keine Briefe, E-Mails, keine Verträge und Dokumente, keine Gebrauchsanweisungen und schon gar keine Bücher lesen können. Doch das ist nur die Spitze des Eisberges. Denn laut der 2011 veröffentlichten "leo.-Level-One-Studie" der Universität Hamburg gelten etwa 7,5 Millionen Erwachsene als funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können zwar einzelne Wörter oder auch Sätze entziffern, verstehen aber nicht den Sinn des Gelesenen in einem größeren Textzusammenhang.

Analphabetismus im engeren Sinne betrifft laut der Studie in Deutschland gut vier Prozent der Erwerbsfähigen - etwa 2,3 Millionen Menschen. Sie können nur einzelne Wörter lesen, verstehen und schreiben - nicht aber ganze Sätze. Rund 300.000 Menschen hierzulande können nicht mal ihren Namen richtig schreiben.

Deshalb lernen manche Kinder nicht lesen

Selten ist es ein einziger Faktor, der einen Menschen zum Analphabeten macht. Meist beginnt es in der Kindheit mit einer Lernschwäche, die sich während der Schulzeit noch verstärkt. Oft konnten schon die Eltern nicht ausreichend lesen oder schreiben. Manchmal ist längere Krankheit der Grund, dass ein Kind aufhört zu lernen oder Lücken nicht mehr aufholen kann. Die Weichen zur Alphabetisierung werden bis zum Ende der Grundschule gestellt. Was bis dahin nicht an Grundfähigkeiten verankert ist, kann danach nur noch schwer aufgeholt werden.

Lesekultur wird in der Familie vererbt

Neben der Schule spielt auch das Vorbild der Familie beim Umgang mit Sprache und Schrift eine entscheidende Rolle. Doch vom Risiko, später nur schlecht lesen und schreiben zu können, sind keineswegs nur Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernem Elternhaus oder Kinder mit Migrationshintergrund betroffen. Denn es gilt unabhängig vom Status: Wenn die eigenen Eltern nicht lesen und ihr Alltag eher "schriftfern" ist, haben auch die Kinder keinen Anreiz zum Lesen.

Lesekultur wird also weiter vererbt. Deshalb kann in einem Haushalt ohne Bücher, wo aber viel Geld und materieller Luxus zur Verfügung steht, genauso Bildungsarmut herrschen wie in Familien, die weniger privilegiert sind.

Johanna hatte ebenfalls schon als Kind kaum Berührung mit Büchern oder anderen Lese-Medien: "Meine Mutter war alleinerziehend und hatte wenig Zeit, weil sie uns mit zwei Jobs mühsam über Wasser gehalten hat. An Bücher bei uns zuhause kann ich mich eigentlich gar nicht erinnern - auch nicht, dass meine Mutter mir, als ich noch klein war, vorgelesen hat. Dazu wäre sie wahrscheinlich sowieso meist zu müde gewesen", erinnert sich die junge Frau mit Bedauern.

Gemeinsam lesen bedeutet Zuwendung und Geborgenheit

Wie wichtig bereits in früher Kindheit der Umgang mit Büchern gemeinsam mit den engsten Bezugspersonen ist, weiß Lukas Heymann von der "Stiftung Lesen": "Der entscheidende Zugang zum Lesen ist die Freude daran. Und die können Eltern schon bei den Kleinsten fördern, indem sie sich die Zeit nehmen, mit ihren Kindern in Bilderbüchern zu schmökern und dann zum Beispiel einfache Geschichten zu den Illustrationen zu erzählen."

Auch später, wenn die Kinder in der Grundschule bereits eine gewisse Lesekompetenz erworben hätten, sollten Eltern nicht aufhören vorzulesen. "Das bringt Kindern nicht nur die Lektüre und die Welt der Schrift näher, sondern schafft auch eine große Nähe und Bindung. Durch das gemeinsame Lesen und Erleben von spannenden Geschichten erfährt das Kind nämlich intensive Zuwendung, hat dabei die uneingeschränkte Aufmerksamkeit und fühlt sich geborgen."

Es geht auch ohne Bücher - Lektüreanreize für Lesemuffel

Was aber können Väter und Mütter unternehmen, wenn der Nachwuchs lesefaul ist? "Hier müssen Eltern kreativ sein. Bücher sind dabei nicht immer die richtige Wahl", kommentiert Heymann "Es können auch Zeitschriften oder Comics sein, die sich mit Themen beschäftigen, die die Kinder wirklich interessieren und die altersgerecht präsentiert sind, wie zum Beispiel jetzt die Fußball-WM oder Geschichten rund um Stars-Wars, die insbesondere jungen männlichen Lesemuffeln oft die Sache schmackhaft machen. Hier sind nämlich die Texte überschaubar, die durch Bilder zusätzlich erklärt werden und die Kinder können sich mithilfe dieser Medien optimal miteinander austauschen und ihre Interessen so teilen. Es müssen ja nicht immer hunderte Seiten 'Harry Potter' sein."

Eltern, die selbst eine gewisse Lese-Hemmung haben, können ihren Kindern mit einfachen Mitteln Lektüre-Anreize bieten, indem sie sich nämlich zum Beispiel neuester Technik bedienen. Denn gerade für Tablet- PCs gebe es seit einigen Jahren, so der Experte, von namhaften Kinderbuchverlagen verschiedene Apps, die beliebte Bücher oder Buchreihen teilweise auch mit originellen Animationen aufbereitet hätten und die Lektüre damit zusätzlich versüßten.

Kurse für erwachsene Analphabeten

Auch Johanna will nun eine Neuanfang starten und endlich ihr größtes Problem anpacken. Ihr Plan: Sie meldet sich demnächst in der Volkshochschule zu einem Kurs für Analphabeten an. Dann wird sie zwei Mal wöchentlich abends nach der Arbeit für je zwei Stunden wieder lesen und schreiben üben und versuchen, dort anzuknüpfen, wo sie in ihrer Schulzeit aufgehört hatte. Es wird wahrscheinlich kein leichter Weg werden, denn auch das Wenige, was sie aus der Schule mitnahm, hat sie zum großen Teil in den letzen Jahren durch ihre Vermeidungshaltung wieder verlernt.  

Weltweit können nach Schätzungen 781 Millionen Erwachsene nicht lesen und schreiben. Die meisten von ihnen leben in Entwicklungsländern, wo sie als "primäre Analphabeten" keine Schule besuchen konnten. In Deutschland ist meist von "funktionalen Analphabeten" die Rede, weil sie im Alltag trotz Schulbesuchs Lese- und Schreibkenntnisse nicht einsetzen können. Der Bundesverband Alphabetisierung geht von rund 7,5 Millionen Betroffenen in Deutschland aus. Davon können etwa 5,2 Millionen mit kurzen Sätzen umgehen, scheitern aber an langen Texten. Zwei Millionen können einige Wörter lesen und schreiben, erfassen aber keine Sätze. 300.000 Menschen können einzelne Wörter nicht entschlüsseln. Das Bundesbildungsministerium startete vor vier Jahren eine Initiative mit rund 20 Millionen Euro, die 2015 ausläuft.

Weiterführende Links:

Bundesverband Alphabetisierung
Kostenloses Beratungstelefon: www.alfatelefon.de
https://www.stiftunglesen.de/initiativen-und-aktionen/digitales/
Deutsches Jugendinstitut

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