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Ein rätselhafter Patient: Kopfsache

08.11.2015, 12:38 Uhr | Dennis Ballwieser, Spiegel Online

Ein rätselhafter Patient: Kopfsache. Die Ärzte vermuten, dass der massive Befall mit Kopfläusen die Blutarmut bei der Frau verursacht haben.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Ärzte vermuten, dass der massive Befall mit Kopfläusen die Blutarmut bei der Frau verursacht haben. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Sie ist müde, geschwächt, bei Anstrengung rast ihr Herz: Bei einer jungen Patientin diagnostizieren Ärzte Blutarmut und Eisenmangel. Aber was ist die Ursache? Die Mediziner haben eine gewagte Theorie.

Die 23-jährige Frau kommt ins Krankenhaus, weil sie seit Wochen Beschwerden hat, sobald sie sich anstrengt. Ihr Herz rast, ihr wird schwindelig, insgesamt ist sie müde und fühlt sich schwach.

Die Ärzte im saudischen King Abdulaziz Specialist Hospital in der Stadt Taif fragen nach möglichen Ursachen. Tatsächlich leidet die Patientin an einer Depression, seit ihre Mutter vor mehreren Jahren gestorben ist. Deshalb nimmt sie auch Medikamente ein.

Jede Menge Läuse

Doch einschlägige Ursachen für die körperlichen Probleme finden die Mediziner nicht: Die Frau hat nie das Bewusstsein verloren, hat keine Atemprobleme, Blutungen oder Magen-Darmbeschwerden. Sie isst normal - dreimal täglich -, ist nicht unter- oder übergewichtig und ernährt sich auch nicht auf eine spezielle Weise. Ungewöhnlich ist allerdings, dass die Regelblutung in den vergangenen sechs Monaten ausgeblieben ist, ohne dass die Frau schwanger ist.

Der Blutdruck der Patientin ist niedrig, was aber für eine junge, schlanke Frau zunächst nicht ungewöhnlich ist. Ihr Herz schlägt etwas schneller als normal, sie hat kein Fieber und die Lunge sättigt das Blut ausreichend mit Sauerstoff. Die Haut wirkt blass - die Patientin hatte angegeben, dass sie das Haus selten verlässt und auch wenig unternimmt, berichten Sarah Ali Althomali und ihre Kollegen im Fachmagazin "BMJ Case Reports". Die Depression macht sich bemerkbar, die Patientin wirkt im Gespräch desinteressiert und müde.

Herz, Lunge, Magen und Darm wirken bei der Untersuchung normal, die Ärzte finden keinen Hinweis auf Blutungen zum Beispiel aus dem Darm - Blutverluste würden zusätzlich zur Depression die Müdigkeit, Antriebslosigkeit und auch die körperlichen Symptome erklären, vom Herzrasen bis zur Blässe. Was die Ärzte allerdings bei der körperlichen Untersuchung bemerken, sind Läuse. Jede Menge Läuse, auf dem Kopf der Frau, die Nissen sind mit bloßem Auge zu erkennen. Der Rest des Körpers scheint verschont zu sein.

Blutarmut und Eisenmangel

Die Untersuchung im Labor ergibt tatsächlich, dass die Patientin Blut verloren haben muss. Ihr Hämoglobinwert ist deutlich zu niedrig. Das Hämoglobin transportiert den Sauerstoff im Blut und färbt es rot. Auch andere Werte sowie ein Blutausstrich zeigen, dass die Frau unter Blutarmut - Anämie - und einem Eisenmangel leidet. Herz und Leber funktionieren dagegen normal.

Die Ärzte suchen weiter nach einer Blutungsquelle. Sie machen drei Tests auf sogenanntes okkultes, also verstecktes, Blut im Stuhl. Sie bleiben negativ. Eine Ultraschalluntersuchung des Bauchs führt ebenfalls nicht weiter. Schließlich wollen die Mediziner in Endoskopien in Magen und Darm nach Blutungsquellen suchen, doch das lehnt die Patientin ab.

So bleiben als Ursache für die Blutarmut die Läuse übrig, eine auf den ersten Blick gewagte Theorie. Doch die saudischen Ärzte berichten in ihrem Fachartikel von mehreren Veröffentlichungen, die über Eisenmangelanämien bei Patienten mit dauerhaftem und ausgeprägtem Läusebefall berichten - ohne, dass jemals der Beweis erbracht worden wäre, dass die Läuse ursächlich für die Erkrankung waren. Rechnerisch soll der Blutverlust durch massiven Lausbefall (mehr als 2600 Läuse) monatlich bloß rund 20 Milliliter betragen.

Nach einer Therapie mit Blutkonserven steigt der Hämoglobinwert im Blut der Patientin erwartungsgemäß an. Ihr Läusebefall wird mit einem Shampoo behandelt, sie bekommt zusätzlich Eisen über eine Infusion. Nach dem Beginn der Therapie und unter psychologischer Betreuung wird die Frau redseliger, ihre Symptome bessern sich. Als sie entlassen wird, ist sie auf dem Weg der Besserung.

Nachdem die häufigste Ursache für eine Eisenmangelanämie, die Regelblutung, bei der Patientin nicht verantwortlich war, und sie keine andere Ursache finden konnten, gehen Althomali und ihre Kollegen tatsächlich von den Läusen als Ursache aus. Wie es ihrer Patientin weiter ergangen ist, wissen die behandelnden Ärzte nicht, da sie zum vereinbarten Nachsorgetermin nicht gekommen ist und auch nicht auffindbar war.

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