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Sexuelle Belästigung: Was können Männer tun?

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Sexuelle Belästigung  

Weshalb es nicht ausreicht, "Ich nicht!" zu sagen

20.10.2017, 15:08 Uhr | Steffen Greiner, t-online.de

Sexuelle Belästigung: Was können Männer tun?. Mann hält sich die Hände vor das Gesicht (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/Medioimages/Photodisc)

Männer: Nicht wegschauen, nicht herunterspielen, sondern: sich untereinander austauschen! Nämlich, wie sexuelle Gewalt in Zukunft vermieden werden kann. (Quelle: Medioimages/Photodisc/Thinkstock by Getty-Images)

Unter dem Hashtag #metoo wird derzeit weltweit über sexuelle Belästigung von Frauen diskutiert. In die Debatte mischen sich oft auch Männer ein. Sie sagen, wie schlimm das alles ist und betonen, so etwas natürlich niemals zu tun. Doch das ist nicht die beste Art, das Problem zu bekämpfen.

Mit #metoo setzen überwiegend Frauen ein Zeichen, zeigen, dass sie, egal ob Ministerin, Hollywoodstar oder Arbeitslose, Opfer sexueller Gewalt wurden. Auf Facebook und Twitter findet sich seitdem eine erschütternde Abfolge von Anklagen an ein System. Erschütternd vor allem für die Männer – für kaum eine Frau dürfte überraschend sein, wie groß das Ausmaß ist.

"Ich kenne keine Frau, die nicht etwas erlebt hätte", habe ich oft von Frauen in meinem Freundeskreis gehört. Manche können davon berichten, wie sie Opfer von Gewalt wurden, ausgeübt meistens von Männern, von Fremden oder Vertrauten.

Das Mitgefühl des ruhigen Gewissens

Viele Männer fragen sich nun, wie sie darauf reagieren können. Die meisten machen dies glücklicherweise nicht auf die dumme Art, etwa indem sie die Erfahrungen der Frauen herunterspielen: "Das war doch ein Kompliment!", "Das war doch nur ein bisschen Spaß!", "Es ist doch nix passiert". Viele sagen aber: "Auch Männer sind betroffen!", und übersehen dabei, dass das nichts an dem Problem ändert.

Einige sind einfach nur genervt, und das auch zurecht, denn: Mit diesem Quatsch umgehen zu müssen nervt. Aber es nervt in sozialen Netzwerke eben nicht im Ansatz so sehr wie im echten Leben. Im Alltag damit konfrontiert zu sein – als Betroffene –, ist ungleich härter. Selbstverständlich reagieren die meisten Männer mit Mitgefühl und Entsetzen. Es ist das Mitgefühl des ruhigen Gewissens, #notallmen lautet ihr Aufschrei: "Ich war es nicht, es waren die Bösen."

Eine Antwort: der Hashtag #itwasme

Auf der anderen Seite entwickelt sich der Hashtag #itwasme, unter dem Männer und auch Frauen beschreiben, auf welche Arten sie selbst zu Tätern wurden: Das 'Nein' im Bett überhört, das Desinteresse als Flirt verstanden und weiter gegrabbelt, der dumme, sexistische Spruch. Oder: Weggesehen, als der Kumpel besoffen im Club der Frau einen Kuss gegeben hat, obwohl sie diesen sicher nicht wollte. Weggehört, als die Freundin sich ausgekotzt hat über ihren Kollegen, der sie immer so merkwürdige, zu intime Sachen fragt.

Ich habe mich mit alldem sehr schwer getan. Denn: Wäre es nicht an der Zeit, als Mann einfach mal den Mund zu halten? Sich einfach mal nicht einzumischen, auch wenn es hier – mit den richtigen Worten – viel zu gewinnen gäbe?

Wäre es wirklich so schlimm, Facebook einmal ein paar Tage den Menschen zu überlassen, die hier gerade einen Raum gefunden haben, in dem sie ihre Erfahrung und ihr Leid mitteilen können? Statt den Fluss der #metoo’s mit den eigenen Belanglosigkeiten immer wieder zu unterbrechen, so dass er doch kein reißender Strom werden kann? Nun, ja, das wäre sicher besser. Ich habe mich auch nicht daran gehalten. Aber auf der anderen Seite: Wenn ein Thema solchen Redebedarf auslöst, umso besser.

Alle Männer profitieren

Wichtig wäre zunächst zu verstehen, dass alle Männer von einem System profitieren, in dem alle Frauen potenziell oder konkret Opfer von sexueller Gewalt sind. Auch wer als Jugendlicher den Mädchen im Schwimmbad nie auf die Schenkel gestarrt hat, profitiert davon, dass die Blicke der anderen den Mädchen zu verstehen gaben, sie seien Objekte: das Ziel einer Jagd, die Männer auf Frauen machen, um ihr eigenes Begehren zu erfüllen.

Auch wer nie im Büro abschätzig über eine Kollegin gesprochen hat, weil sie die Rituale der Männerrunde nicht mitmacht, profitiert davon, dass sie sich im Kollegenkreis als Außenseiterin verhält, ihre Ansprüche weniger vertritt oder in Gehaltsverhandlungen defensiver auftritt.

"Männlichkeit" ist keine Entschuldigung

Man muss das nicht wie eine Selbstanklage formulieren. Denn das macht es viel einfacher, sich innerlich davon zu distanzieren: "Ich habe diese Frau gegen ihren Willen berührt, aber seht, wie ich mich von dieser Tat lossage?" Das bringt niemanden weiter.

Vermutlich haben die meisten Männer in der Tat Übergriffe begangen, und in der Tat meistens, ohne es zu bemerken. Das liegt auch und vor allem daran, dass Männer dazu erzogen werden, sich so zu verhalten, weil es nun eben 'männlich' ist. Das entschuldigt aber nicht, so weiterzumachen, wenn man es einmal verstanden hat.

Es ist unangenehm, diese Themen gegenüber den Betroffenen anzusprechen. Aber: Es ist ein guter Anfang. #metoo ist ein guter Anlass, sich zu entschuldigen, Gespräche zu suchen, auch wenn das heißt, sich einzugestehen, dass das eigene gute Gewissen ein Trugschluss ist. Wer denkt, er sei gänzlich unbeteiligt, weil er selbst noch nie nackt im Park aus einem Busch sprang (#wasntme!), verdrängt in Wirklichkeit sein schlechtes Gewissen.

Schluss mit der Mär des potenten Aufreißers

Mein Appell: Redet untereinander, Männer! Redet über die Situationen, in denen ihr nicht sicher wart, ob ihr euch gewaltfrei verhalten habt. Redet, wenn ihr nicht sicher seid, wie ihr euch verhalten könnt, ohne zu verletzen. Und: Redet darüber, was ihr wirklich wollt: im Bett, von euren Partnerinnen, von eurem Sexleben. Statt immer wieder nur die alte Geschichte zu erzählen, wie ihr die Alte mal "so richtig geknallt" habt.

Straighter Sex ist okay, wenn beide das wollen. Es ist aber auch okay, wenn der Mann nicht sofort nur Sex will. Nicht alle Männer wollen penetrativen Sex, aber dennoch fällt es Männern selbst unter Vertrauten schwer, darüber zu reden, wo ihre Vorlieben und Unsicherheiten abseits der Standarderzählung des potenten Aufreißers liegen. Dabei wäre das so wichtig. Es wäre wichtig, weil sich selbst zu verstehen hilft, und auch den Menschen, mit dem man Sex hat, zu verstehen, ihn anzuerkennen.

Auch Männer können Nein sagen

Wer aber sein Gegenüber anerkennt, wird ihm keine Gewalt zufügen. Er wird nichts tun, was seinem Willen widerspricht. Männer müssten dann auch weniger hart zu sich sein: Auch Männer können Nein sagen, wenn sie keinen Sex wollen. Auch dann, wenn sie vorher einen Abend lang Cocktails spendiert haben. Das ist okay. Auch Männer können nicht wollen, dass eine Frau an ihnen herumspielt, wenn sie keinen hochkriegen.

Viele Männer erwarten von sich dauernde Erregung und erwarten darum auch von ihren Partnerinnen dauernde Erregung. Im Bett heißt Nein auch Nein. Aber ein Nein kann in manchen Situationen auch eine Chance sein, von den Vorstellungen darüber, was Männer und Frauen im Bett angeblich sein müssen, wegzukommen und miteinander auf andere Art in Kontakt zu treten.

Austausch unter Freunden und die Bringschuld der Männer

Zu erkennen, dass manche Handlungen, Berührungen, Worte in manchen Kontexten sexuelle Gewalt darstellen, ist das eine. Zu verstehen, wie die eigenen Erwartungen und Denkweisen über das eigene Begehren solche Handlungen mittragen, das andere. Sex ist auch für Männer schwierig. Darüber zu reden, nicht mit der großen Geste der Weltverbesserung, sondern mit dem Bewusstsein, unter Freunden zu sein. Am besten in einem Rahmen, in dem Männer sich vertrauen.

Sex sollte davon abgelöst werden, prägend für die männliche Identität zu sein, ein Machtmittel zu sein. Männer sollten sich davon lösen, Frauen Gewalt antun zu müssen, um sich selbst in ihrer Männlichkeit zu bestätigen. Dieses Bewusstsein zu schaffen, ist keine Aufgabe von Frauen und von feministischen Memes, es ist die Bringschuld der Männer.

Verantwortung übernehmen

Dass Männer Frauen keine Gewalt antun sollten, ist klar. Dass Männer einschreiten sollten, wenn sie erleben, wie Männer Frauen oder anderen Männern Gewalt antun, ist klar. Es ist ebenso klar, dass sie das auch tun sollten, wenn der Täter ein Bruder, ein Freund, der Lieblingslehrer ist. Wo kein Täter, da keine Tat – das erklärt sich von selbst. Aber wo Männer erkennen, warum sie so handeln, welche Ansichten über sich und ihr Begehren dahinter stecken – dort kann tatsächlich etwas in den Fundamenten der Gesellschaft passieren. Das wäre viel mehr wert als eine von Männern begründete Twitterkampagne. Es wäre, nach mehreren Kampagnen, tatsächlich ein Anfang.


Steffen Greiner ist Kulturjournalist in Berlin und Redakteur des Gesellschaftsmagazins 'Die Epilog'. Seine Texte beschäftigen sich oft mit dem Komplex 'Geschlecht' in der Popkultur.

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