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Eigenurin-Therapie: Schädlich oder gesund?

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Eigenurin-Therapie  

Kann Urin den Körper stärken?

06.08.2014, 18:47 Uhr | Ann-Kathrin Landzettel

Eigenurin-Therapie: Schädlich oder gesund?. Eigenurin-Therapie: Der Nutzen ist wissenschaftlich nicht belegt.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eigenurin-Therapie: Der Nutzen ist wissenschaftlich nicht belegt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein kleines Gläschen vom goldenen Mittelstrahl: Was viele erschrocken die Augen aufreißen lässt, gehört für andere zum morgendlichen Ritual dazu. Angeblich soll Urin das Immunsystem stärken und den Körper mit wichtigen Mineralien versorgen, wenn man ihn trinkt. Wir sind skeptisch und haben einen Experten gefragt, was dran ist, an diesen immer wiederkehrenden Behauptungen.

Gibt man bei Google den Suchbegriff "Urin trinken" ein, werden über 750.000 Ergebnisse vorgeschlagen. Klickt man sich durch die Seiten, scheint es, als sei Urin ein wahres Wundermittel gegen trockene Haut, Pickel, Schuppenflechte, Immunschwäche und Mineralstoffmangel. Heilpraktiker sind schon lange überzeugt, die Anwender ebenfalls: "Ich fühle mich total energiegeladen, seitdem ich Urin trinke" und "Urin steckt voller Heilkräfte" ist dort unter anderem zu lesen. Wissenschaftliche Studien über die Wirkung des Ausscheidungsstoffes gibt es allerdings nicht.

"Urin kann man trinken und hat als gesunde Person aus wissenschaftlicher Sicht keine Nachteile davon – aber auch keine Vorteile", erklärt Dr. Wolfgang Bühmann, Urologe und Pressesprecher des Berufsverbandes der Deutschen Urologen (BDU). Laut dem Experten ist Urin einzig und allein ein Abfallprodukt des Körpers: "Unser Organismus denkt sich schon etwas dabei, wenn er den Urin und die darin befindlichen Stoffe loswerden möchte."

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Die Blase ist sogar mit einer schützenden Schicht überzogen, die verhindert, dass Stoffe aus dem Urin wieder in den Körper gelangen. "Alles ist so ausgelegt, dass der Urin komplett aus dem Körper ausgeschieden wird", sagt Bühmann. Alles was unser Körper wirklich braucht, hat er im Zuge der Stoffwechselprozesse bereits verarbeitet, ist sich der Urologe sicher: "Es befinden sich im Urin keine Bestandteile mehr, die unserem Körper in irgendeiner Weise nutzen könnten."

Placebo-Effekt auch bei Urin

Aber wie kann es sein, dass so viele Menschen auf die Heilkraft des Urins schwören? Es ist der Placebo-Effekt, der hierbei eine gewichtige Rolle spielt, wie Bühmann weiß. "Allein der Gedanke, dass Urin helfen könnte, kann bereits Selbstheilungskräfte in Gang setzen", erklärt der Experte und ergänzt: "Es gibt im medizinischen Bereich viele Studien, in denen bei Teilnehmern eine heilende Wirkung beobachtet wurde, obwohl sie, ohne es zu wissen, ein Placebo bekamen. Glaube kann manchmal heilen", ist der Urologe überzeugt.

Eigenurin-Therapie nur für gesunde Menschen geeignet

Auf die Frage, ob es wirklich ungefährlich ist, sein eigenes Abfallprodukt zu trinken, erklärt Bühmann: "Bei gesunden Menschen ist Urin steril und es sind in der Regel keine Gesundheitsrisiken zu befürchten." Kritisch kann es aber werden, wenn eine Infektion vorliegt und man die Bakterien dem Körper wieder zuführt. "Bei einer Trübung und einem beißenden Geruch sollte man das Ausscheidungsprodukt auf keinen Fall zu sich nehmen", betont der Urologe.

Im Urin befinden sich Reste von Medikamenten

Vorsicht geboten ist auch bei der Einnahme von Medikamenten. Denn über den Urin werden auch Reststoffe der verschiedenen Präparate aus dem Körper gespült: "Diese Restmengen sind deshalb vorhanden, weil der Körper den Wirkstoffüberschuss loswerden will. Führt man diese Reste dem Körper wieder zu, kann das nicht gesund sein", sagt der Urologe.

Theoretisch könne es zu Nebenwirkungen kommen. Das sei aber abhängig vom Medikament und dessen Abbauprodukten. Das Risiko einer Überdosierung schätzt der Experte als eher unwahrscheinlich ein, mahnt aber trotzdem zur Vorsicht: "Wenn ein Arzt drei Tabletten am Tag verschreibt, meint er drei Tabletten. Und nicht drei Tabletten plus deren Reste." Bevor man sich also mutig auf das Experiment Eigenurintherapie einlässt, sollte man besser seinen Arzt fragen, ob die Behandlung ungefährlich ist und alle Medikamente und Erkrankungen aufzeigen, die man hat.

Urin: Eine geheime Mineralquelle?

"Wer hingegen gesund ist, kann durchaus Urin zu sich nehmen, wenn er sich damit besser fühlt", sagt Bühmann. Dabei spiele es auch keine große Rolle, ob man den Mittelstrahl nehme oder nicht. Und wie sieht es mit der Behauptung aus, Urin sei eine wahre Mineralstoffquelle? "Auch das ist Unsinn", sagt der Experte. "Wie bereits erklärt, scheidet der Urin Stoffe aus, die er nicht mehr braucht beziehungsweise loswerden möchte. Ihm diese Stoffe wieder zuzuführen, macht keinen Sinn."

Urin stärkt das Immunsystem nicht

Auch als Immunstärkung möchte Bühmann die Eigenurintherapie nicht verstanden wissen: "Der Körper wird durch die Konfrontation mit den Abbauprodukten weder gestärkt noch werden ihm wichtige Elemente zugeführt. Alles was der Körper braucht, nimmt er sich über die Nahrung. Alles was über den Urin ausgeschieden wird, empfindet der Körper als überflüssig."

Was die äußerliche Anwendung betrifft, bleibt der Urologe ebenfalls skeptisch: "Auch bei der Anwendung auf trockener Haut, Pickeln, Warzen oder gar bei einer Quallenattacke ist Urin wirkungslos. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Beweise für eine Wirkung."

Eigenurin-Therapie kann keine Wunder vollbringen

Wer sich also traut, eine innere oder äußerliche Anwendung mit Urin zu wagen, sollte keine Wunder erwarten. Aber er muss sich auch keine Sorgen machen, sofern er gesund ist und keine Medikamente einnimmt. Wie der Experte bereits erwähnt hat: Aus ärztlicher Sicht ist es zwar völlig unsinnig, Urin zu sich zu nehmen oder äußerlich anzuwenden, aber manchmal versetzt der Glaube Berge. 

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