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Super-Recognizer: Erkennungs-Künstler jagen Köln-Täter

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Erkennungs-Künstler  

Wie Super-Recognizer die Köln-Täter jagen

19.04.2016, 13:56 Uhr | Denis Mohr, t-online.de

Super-Recognizer: Erkennungs-Künstler jagen Köln-Täter. In der Silvesternacht 2015 waren am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell belästigt und augeraubt worden. (Quelle: dpa)

In der Silvesternacht 2015 waren am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell belästigt und augeraubt worden. (Quelle: dpa)

Sie vergessen niemals ein Gesicht und erkennen Menschen auch unter widrigsten Umständen wieder. Für die Londoner Polizei identifizieren Super-Recognizer Täter auf Videoaufnahmen und Fotos. In Deutschland sollen sie helfen, die Täter der Silvesternacht von Köln dingfest zu machen.

Super-Recognizer - der Begriff klingt wie der Titel einer neuen Crime-Serie aus den USA. Diese Vorstellung ist auch nicht abwegig, denn Super-Recognizer verfügen über eine bemerkenswerte Fertigkeit, die sie für die Verbrechensbekämpfung prädestiniert: Sie sind extrem begabt darin, andere Menschen wiederzuerkennen. Sie vergessen niemals ein Gesicht, auch wenn sie den Betreffenden nur ein einziges Mal gesehen haben und ihm erst viele Jahre später erneut begegnen.

Das funktioniert auch dann, wenn das Gegenüber sich mittlerweile völlig verändert hat, stark gealtert ist, eine andere Frisur oder einen Bart trägt oder sein Gesicht von einer herunter gezogenen Kapuze verschattet oder hinter einer Sonnenbrille verborgen wird.

Auch undeutliche Darstellungen sind für Super-Recognizer kein Hindernis. Sie erkennen eine Person auf stark verpixelten oder verschwommenen Bildern wieder, selbst dann, wenn sie Teil einer unüberschaubaren Menschenmenge ist. Damit ist es ihnen möglich, auch stark verwackelte Video- und Handyaufnahmen abzugleichen, die in turbulenten Situationen entstanden sind.

Ihre Fähigkeit zur Wiedererkennung übertrifft moderne Gesichtserkennungsprogramme dabei bei Weitem. Diese Begabung macht die Recognizer für die Polizeiarbeit überaus wertvoll. Allerdings ist ihre Zahl eher klein: Lediglich ein Prozent der Bevölkerung verfügt über ein derart ausgeprägtes Personengedächtnis.

Erster Auftritt in London

Ihren ersten großen Auftritt hatten die Super-Recognizer in London. Dort kam es im August 2011 zu Straßenkrawallen mit gewalttätigen Ausschreitungen, Brandanschlägen und Plünderungen. Von den rund 5.000 Beteiligten wurden knapp 4.000 anhand von Überwachungsaufnahmen sowie Handy- und Social-Media-Bildern identifiziert. Fast ein Drittel davon wurden durch Super-Recognizer erkannt, die als Polizeibeamte dem Metropolitan Police Service (MPS) in London angehörten.

Einer von ihnen, Contable Gary Collins, identifizierte alleine 180 Randalierer. Zum Vergleich: Das Gesichtserkennungsprogramm des MPS erkannte lediglich einen Verdächtigen - eine direkte Folge von schlechter Bildqualität der üblicherweise sehr hoch platzierten Überwachungskameras sowie der nächtlichen Sichtverhältnisse.

Seit den Londoner Krawallen hat der MPS über 100 Super-Recognizer bei verschiedenen Operationen eingesetzt - mit beachtlichem Erfolg. Vor 2011 wurden etwa 50 Verdächtige pro Woche identifiziert. 2015 nahm der MPS pro Woche rund 500 Bilder von Verdächtigen unter die Lupe, davon wurden knapp 250 identifiziert – rund die Hälfte davon von Super-Recognizern.

Der Erfolg der Erkennungskünstler sprach sich bald herum: Im Mai 2015 wurde bei Scotland Yard die Einheit der "Proactive Super-Recogniser" gegründet, um sich mit alten und neuen Fällen zu befassen. Im Oktober 2015 waren dort bereits 152 der professionellen Wiedererkenner im Einsatz. Diese Einheit hat die Identifikationsraten bei Verdächtigen weiter verbessert. Im November 2015 waren vier Super Recognizer für ein Viertel aller Identifikationen verantwortlich.

Josh Davis forscht an der Univerity of Greenwich zum Thema Gesichtswiedererkennung und entwickelt Verfahren, um die Aussagen von Augenzeugen zuverlässiger zu machen. Davis arbeitet seit einigen Jahren eng mit dem MPS zusammen, um Super-Recognizer für die Polizeiarbeit zu finden und zu rekrutieren.

Hierfür hat er den so genannten Greenwich-Test entwickelt - einer Kurzversion davon kann sich jeder im Internet unterziehen. Davis ist vom Nutzen der Super-Recognizer für die moderne Polizeiarbeit überzeugt: "Sie tragen dazu bei, viele Verbrechen aufzuklären, die andernfalls nicht aufgeklärt würden – in London werden Überwachungsvideos als kriminaltechnische Methode Seite an Seite mit DNA-Analysen und Fingerabdrucksicherung verwendet, um Fälle möglichst schnell aufzuklären. Super-Recognizern ist es gelungen, aktuelle Verbrechen mit bereits abgeschlossenen Fällen in Verbindung zu bringen, indem sie Angreifer erkannten, obwohl sie sie nie zuvor persönlich getroffen hatten."

Einsatz in Köln

Auch in Deutschland sind mittlerweile Super-Recognizer im Einsatz. Als Teil der Einsatzgruppe "Neujahr" der Kölner Polizei sollen sie helfen, Licht in die Vorfälle der Kölner Silvesternacht zu bringen. Damals machten rund tausend Jugendliche den Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs unsicher, es kam zu zahlreichen sexuellen Übergriffen und Diebstählen. Um die Täter zu überführen wertet die EG "Neujahr" 313 Videos und Bilder mit einem Datenvolumen von 272 GB aus.

Beteiligt an den Fahndungen sind Eliot Porrit und Andy Eyles von Scotland-Yard. Die beiden erfahrenen britischen Super-Recognizer arbeiten mit drei Kölner Polizisten mit ähnlichen Fertigkeiten zusammen und bringen ihnen bei, ihr Talent gewinnbringend einzusetzen.

Laut Angaben der Kölner Polizei waren die Begabungen der drei deutschen Super-Recognizer bei ihren Vorgesetzten bereits zuvor bekannt, weshalb sie gezielt für die Arbeit in der EG eingesetzt wurden. Die Aufgabe der drei besteht in der intensiven und täglichen Auswertung des vorhandenen Videomaterials. Hierfür werden die einzelnen Strafanzeigen gesichtet und unter Berücksichtigung der geschilderten Tathergänge mit dem Videomaterial abgeglichen.

Anschließend folgt eine "opferbasierte Videoauswertung". Dabei vergleichen die Beamten Fotos von Geschädigten und möglichen Tatverdächtigen mit dem vorhandenen Videomaterial. Bei neu erkannten Tathandlungen und den daran beteiligten Personen findet parallel ein Abgleich mit bereits bekannten Tatverdächtigen statt.

"Da laufen keine völlig anderen Prozesse ab"

Was genau sich im Gehirn eines Super-Recognizers abspielt, ist bisher weitgehend unerforscht. Entdeckt und beschrieben wurde das Phänomen erstmals 2009 durch den Harvard-Forscher Richard Russell, der eigentlich zu Gesichtsblindheit forschte. Gesichtsblinde sind nicht in der Lage, Menschen anhand ihrer Gesichter zu erkennen. Für seine Arbeit suchte Russell Probanden, bei denen eben diese Fähigkeit besonders stark ausgeprägt ist. Vier Freiwillige meldeten sich und nach mehreren Tests war klar, dass sie tatsächlich über ein ausnehmend gutes Gesichtergedächtnis verfügten.

Dirk Wentura ist Professor für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Universität des Saarlandes. Er hat eine grobe Idee davon, was genau im Kopf eines Super-Recognizers passiert: "Er baut recht schnell eine innere Repräsentation eines Gesichtes auf, die dann mit anderen Bildern abgeglichen werden kann. Bei den Super-Recognizern laufen diese Prozesse offenbar verlässlich effizient ab."

Man dürfe sich die Sache allerdings nicht allzu spektakulär vorstellen, meint Wentura und zieht einen naheliegenden Vergleich: "Das ist ähnlich wie mit Hochbegabten: Dabei handelt es sich in der Regel lediglich um die oberen zwei Prozent in der Intelligenzverteilung. Das sind nicht alles Ausnahmeerscheinungen wie Albert Einstein, die etwas Geniehaftes an sich haben. So muss man sich das auch bei Super-Recognizern vorstellen. Das sind lediglich Leute, die bei der Gesichtererkennung verlässlich im oberen Bereich abschneiden."

Von einer Mystifizierung dieser Fähigkeit rät Wentura ab: "Das sind einfach Menschen, die in einer bestimmten Eigenschaft, bei der es auch starke Personenunterschiede gibt, besonders gut abschneiden. Ich glaube nicht, dass bei ihnen völlig andere Prozesse ablaufen als bei normalen Menschen. Sie sind darin einfach nur besonders effizient." Dennoch glaubt auch Wentura, dass Super-Recognizer zum Beispiel bei Fällen wie der Kölner Silvesternacht durchaus sinnvoll eingesetzt werden können.

"Keine diesbezüglichen Bestrebungen"

In England gibt es bereits Pläne, den Einsatz von Super-Recognizern noch weiter auszubauen: "Wir planen, großangelegte Testreihen mit einer großen Zahl von Polizisten durchzuführen, um das eine Prozent derjenigen zu finden, die Super-Recogniser sind", berichtet Davis. "Sie tragen dazu bei, das öffentliche und private Vertrauen in die Effektivität von Videoüberwachung zu stärken. So wird es wahrscheinlicher, dass Verbrechen gemeldet und Bilder an die Polizei weitergegeben werden. Das Wissen um die Effizienz von Videoüberwachung schreckt Kriminelle auch wahrscheinlicher davon ab, Verbrechen zu begehen."

Auch bei der Kölner Polizei ist man offenbar von der Nützlichkeit der Erkennungs-Spezialisten überzeugt: "Die Polizei Köln wird alle Möglichkeiten nutzen, um Täter zu identifizieren und festzunehmen. Dazu zählt natürlich aus der Einsatz von Super-Recognizern", heißt es in einer Stellungnahme.

Im großen Stil ist der Einsatz allerdings nicht zu erwarten. Weder eine Spezialeinheit wie bei Scotland Yard noch eine ausgeweitete Suche nach Beamten mit solchen Talenten steht derzeit auf dem Programm. Auf die Frage, ob die Arbeit der Kölner Super-Recognizer künftig weiter ausgebaut werden solle, heißt es von Seiten des LKA Nordrhein-Westfalen schlicht: "Hier im Landeskriminalamt NRW gibt es keine diesbezüglichen Bestrebungen."

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