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Hitlers Prora bietet Ferienwohnungen und Penthäuser

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Prora auf Rügen  

Fünf-Sterne-Urlaub in Hitlers Ferienfabrik

05.09.2016, 13:41 Uhr | Hans-Werner Rodrian/srt

Hitlers Prora bietet Ferienwohnungen und Penthäuser. Block II von Prora wird eine Ferienanlage. (Quelle: Hans-Werner Rodrian/srt)

Block II von Prora wird eine Ferienanlage. (Quelle: Hans-Werner Rodrian/srt)

25 Jahre nach der Wende weicht die Erinnerung an das gewaltigste Denkmal nationalsozialistischen Urlaubswahns in Windeseile einer modernen Feriensiedlung. Schauen Sie sich den aktuellen Stand auch in unserer Foto-Show an.

Weiß lackiert sind die Penthäuser, edel designt die Gartenmöbel und unverbaubar ist der Meerblick. Hinter den Ostseekiefern breitet sich zudem einer der schönsten Strände Deutschlands aus. Ferien in der neuen Anlage "Prora Solitaire" könnten für Traumurlaub auf der Insel Rügen stehen. Wenn da nicht zwei Einschränkungen wären. Dass nebenan noch gewerkelt wird, das versprochene Schwimmbad auf die Fertigstellung wartet, dürfte nur die kleinere Schmälerung des Urlaubsvergnügens bedeuten. Wer hier arglos Ferien gebucht hat und sich genauer umschaut, stellt nämlich auch noch fest: Er macht gerade Ferien in Hitlers nie vollendeter Urlaubsfabrik. 

Das längste Haus der Welt

Stolze 4,5 Kilometer lang ist der "Koloss von Rügen" - das längste Haus der Welt. Auf Hitlers persönlichen Befehl hin wurde es vom NS-Reiseunternehmen "Kraft durch Freude" (KDF) zwischen 1936 und 1939 erbaut und bis zum Rohbau fertiggestellt. 20.000 Menschen hätten dort ab 1940 Urlaub machen sollen, wenn der Zweite Weltkrieg nicht begonnen hätte. Die Prospekte waren schon fertig: Für jeweils zwei Volksgenossen waren zehn Quadratmeter Strand und noch mal zwölf Quadratmeter Zimmer vorgesehen - alle mit direktem Meerblick. Zehn Tage Urlaub kosteten 20 Reichsmark, Speisen und Indoktrination inklusive: So sah die Nazi-Vision von All-inclusive-Urlaub aus. 

Es kam bekanntlich anders. Nach dem Krieg machte die DDR-Armee eine riesige Kaserne aus dem Monster im Kiefernwald. In den 1980ern waren dort DDR-Kriegsdienstverweigerer untergebracht, die den nahen Hafen Neu-Mukran bauen mussten. Und nach der Wende stritt man sich hingebungsvoll über die Nutzung des "KdF-Bades" mit der bezeichnenden Adresse "Objektstraße". Die Politik hat sich immerhin bereits 2004 entschieden - fürs Wegschauen. Da beschloss der Bundestag, die fünf jeweils 800 Meter langen Blöcke einzeln an Investoren zu verkaufen. 

Ein Block nach dem anderen eröffnet

Die haben inzwischen ganze Arbeit geleistet. Bereits 2011 öffnete in Block V eine große Jugendherberge. Dieses Jahr sind die ersten Ferienwohnungen dran. Knapp 100 Einheiten in Block II werden bereits vermietet. Der bekannte Ferienhausvermieter Novasol vermarktet die "Urlaubssuiten der neuen Generation" als "Luxus-Apartments" mit "Wohlfühl-Atmosphäre". Die Historie wird mit einem einzigen Satz erklärt: "1992 wurde Prora als wichtiges Zeugnis der technischen Leistung der 1930er Jahre unter Denkmalschutz gestellt." 

Vom Denkmalschutz ist allerdings nicht mehr viel zu sehen. Block I steht völlig entkernt da, von 162 geplanten Ferienwohnungen sind bis auf sechs alle verkauft, frohlockt Investor "Neues Prora". An Block II und Block IV hängen bereits meerwärts die gläsernen Balkone. Die Rezeption des geplanten Hotels ist auch schon eingerichtet. Block III blieb äußerlich noch weitgehend unangetastet, aber auch hier steht bereits ein bunter Verkaufscontainer. Überall gibt es Musterzimmer, Besucherrundgänge - und tausende Urlauber auf Baustellensafari. Es scheint, als ob "Prora-Gucken" im Spätsommer 2016 zum beliebtesten Tagesausflug der Rügener Badegäste avanciert wäre. 

Zwei Museen erzählen die Geschichte

Noch kann man sich gut ein Bild machen vom Größenwahn der Nazis und dem Leid der DDR-Kriegsdienstverweigerer. Dafür sorgen zwei Museen, die in den vergangenen 20 Jahren das Vakuum der Aufarbeitung des Nazi-Erbes auch ohne große öffentliche Unterstützung gefüllt hatten. Aber ihre Tage scheinen gezählt. Denn auch sie liegen in Block III. Und wo aktuell noch Jugendgruppen informiert werden, sollen ebenfalls bereits bald Strandresidenzen und ein Wellnesshotel entstehen. 

Noch gibt es immerhin die beiden fast schon skurril unterschiedlichen Ausstellungen: Da ist zum einen die "KulturKunstStatt Prora": Unübersehbar wirbt sie mit grellbunten Plakaten für ihre "Museumsmeile" in Block III. Dort gibt es seit 1994 außer einem 18-Meter-Modell der Anlage und einem nachgebauten "KdF"-Ferienzimmer sechs weitere Museen zu besichtigen. Darunter ist auch je eines für DDR-Motorräder und für die Feuerwehr von Binz. Vor allem aber zeigt Museumsbetreiber Kurt Meyer ungezählte DDR-Devotionalien, etwa einen Schießstand der NVA und einen Offiziersclub der Volksarmee. 

Es gibt ein "Konkurrenzmuseum"

Eine "historische Verantwortung" reklamiert dagegen Katja Lucke für ihr Konkurrenzmuseum "Dokumentationszentrum Prora". Das zeigt im Querriegel von Block III seit 2000 seine Dauerausstellung "MachtUrlaub". Der Ableger der Berliner "Stiftung Neue Kultur" tut damit, wozu sich die öffentliche Hand nie durchringen konnte: Er arbeitet - wissenschaftlich konzipiert - die in Prora Stein gewordene Idee der Nazis auf. Bei zwei täglichen Rundgängen zeigen Mitarbeiterin Sabine Sakuth und ihre Kolleginnen, wie es den Nazis gelang, die Werktätigen sogar noch im Urlaub gleichzuschalten. Wie lange sie das noch darf? Das weiß im Augenblick niemand. 

Weitere Informationen: 
Tourismuszentrale Rügen GmbH, Heinrich-Heine-Str. 7, 18609 Ostseebad Binz, Tel. 03838/80770, www.ruegen.de 

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