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Tiroler Gletscher: Zwischen Charme und Größenwahn

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Tiroler Gletscher: Zwischen Charme und Größenwahn

19.03.2013, 17:34 Uhr | srt/Andreas Lesti

Tiroler Gletscher: Zwischen Charme und Größenwahn. Das "Cafe 3440" ist der "Neue Höhepunkt Tirols" (Quelle: Pitztaler Gletscher)

Das "Cafe 3440" ist der "Neue Höhepunkt Tirols" (Quelle: Pitztaler Gletscher)

Tirol ist eine Region in den Alpen, in dem man sich mit einem "sakrischen Vergelt's Gott" grüßt und sich den Werbespruch "Moments for Eternity" ausdenkt. Ein Land, in dem man sich mit einem Schnapserl zuprostet und 20 Millionen Euro für eine Bergbahn ausgibt. Eine Region, wo jeden Winter fünf Millionen Skigebietsgäste empfangen werden und ein ganzes Tal mal eben vom Strom abgeschnitten ist. Eine Region also, die zwischen Charme und Größenwahn pendelt wie die Gondeln im Pitztal, wenn sie zum neuen "Café 3440" hinauffahren, seit dieser Saison der "Neue Höhepunkt Tirols". Schauen Sie sich diesen und andere Höhepunkte in unserer Foto-Show an.

Das zurückhaltende Pitztal

Das Pitztal ist ein Tal das bislang, zumindest für Tiroler Verhältnisse, als zurückhaltend galt, setzt sich nun an die Spitze Österreichs. Der Gletscher wurde in den frühen 80er Jahren erschlossen, und man hatte sich daran gewöhnt, dass die grantigen Talbewohner unter dem Begriff Dienstleistung verstanden, ihren Gästen den Liftbügel in die Knie zu rammen. Als wir im Pitztal ankamen und im ganzen Tal der Strom ausgefallen war, weil ein paar Waldarbeiter eine Fichte auf die Leitung hatten krachen lassen, war das zunächst, als hätte sich nichts verändert. Wir saßen bei Kerzenlicht und ohne Musik in der Après-Ski-Bar "Hexenkessel" und hatten das Gefühl, dem Wesen dieses Tals ohne Strom deutlich näher zu sein. Und als nach drei Stunden die Lichter angingen, die Umgebung ausleuchteten und die Musik zu stampfen anfing, war das eine Bestätigung für dieses Gefühl. Der alte Werbespruch hatte schon etwas: "Das Pitztal - urgemütlich!" 

Bahn an - Strom aus

Diese Zeiten sind vorbei. Seit der Eröffnung der neuen Wildspitzbahn und des architektonisch ausgefallenen Cafés in der Bergstation auf dem Hinteren Brunnenkogel auf 3440 Metern Seehöhe wird nur mehr in Superlativen gesprochen: Die höchste Seilbahn Österreichs fährt zum höchsten Café Österreichs, wo man sich ins höchste WLAN Österreichs einloggen kann. Und das alles ist mit der größten Investition (20 Millionen Euro) verbunden und der größten Kampagne, mit der das Pitztal jemals geworben hat. Aber Tirol wäre nicht Tirol, wenn solche Präsentationen nicht eine Spur Selbstironie hätten: "Wir haben die neue Bahn gestern zum ersten Mal angeschaltet - deswegen ist im Ort der Strom ausgefallen", sagt Stefan Richter von den Pitztaler Gletscherbergbahnen und lächelt ins Gegenlicht. 

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Terrasse über dem Abgrund

Das spektakuläre Gebäude des Vorarlberger Architektenbüros Baumschlager Hutter Partners klammert sich wie eine Schneewehe an den Gipfel, und seine Terrasse ragt über den Abgrund hinaus. Weit unten sieht man die Skifahrer wie kleine Punkte über die Piste huschen. Auf einer Höhe, in der normalerweise Kleinflugzeuge verkehren, sitzen wir an Eichenholztischen, trinken Espressi und blicken durch die großen Glasscheiben auf den glitzernden Mittelbergferner, dessen Weiß in den Augen blendet. Gleich dahinter erhebt sich die Wildspitze. Tirols höchster (und nach dem Großglockner Österreichs zweithöchster) Berg ist nur 320 Meter höher und wirkt von hier aus wie ein Hügel. "Das 'Café 3440' befindet sich nur 40 Meter unter dem Jungfraujoch", sagt Stefan Richter. Das Jungfraujoch in der Schweiz vermarktet sich seit Jahren als "Top of Europe" und karrt winters wie sommers Unmengen von Touristen aus Asien per Bahn hinauf. Aber das Pitztal hat einen entscheidenden Vorteil: Während man vom Jungfraujoch wieder mit der Bahn hinunter muss, kann man hier direkt vor dem Café die Skier anschnallen und ins Tal fahren. 

Der Schnee ruft

Davor sollte man aber noch die 50 Meter bis zum Aussichtspunkt etwas oberhalb des Cafés durch den Schnee stapfen. Die dünne Luft bringt einen schnell außer Atem, man hat das Gefühl, von einem unsichtbaren Gummiband gehalten zu werden. Doch die kurze Schinderei lohnt sich. Am Horizont erheben sich der Großglockner in den Hohen Tauern und die Marmolada in den Dolomiten, nach einer Vierteldrehung sieht man den Ortler im Vinschgau und den Piz Bernina in der Schweiz, nach einer weiteren Vierteldrehung die Vorarlberger Gipfel und nach einer weiteren Vierteldrehung das Zugspitzmassiv. Ein Langstreckenflieger zieht über den klaren Himmel, und fast kann man das Logo auf der Maschine erkennen, weil man dem Himmel drei Kilometer näher ist. Wer den Blick nicht ganz so weit in die Ferne richtet, der sieht auf zwei andere Tiroler Gletscher: Die Bergbahnen des Stubaitaler Gletschers blitzen drei Bergketten entfernt im Sonnenlicht, und ganz nah, fast schon greifbar, sieht man das Gletscherskigebiet von Sölden im Ötztal, dem bisherigen Höhepunkt Tirols. 

Ötztal - der Nachbar des Pitztals

Das Ötztal also: Als wir am nächsten Tag auf dem BIG 3 genannten Aussichtssteg stehen und Richtung Pitztal schauen, sagt Christoph Nösig, der für das Söldner Marketing zuständig ist, dass das mit den "Neuen Höhepunkten" da drüben ja eigentlich nicht in Ordnung sei. Er lächelt auf diese typisch tirolerische Art, die jede Aussage in ihr Gegenteil verkehren kann. Dann holt er sein Handy aus der Tasche und zeigt auf ein bei Facebook gepostetes Bild des "Café 3440". Darunter steht: "Nähe Sölden". Und Nösig sagt: "Danke, Google Maps!" Es gibt kaum einen besseren Standort als hier, auf diesem Steg am Tiefenbachkogel, um zu sehen, wie nah das Pitztal und das Ötztal beisammen liegen. Und es gibt kaum einen besseren Ort, um zu verstehen, warum seit Jahren über eine Verbindung der beiden Gebiete gesprochen wird. Nösig deutet mit dem Skistock auf den Hang direkt unter uns und erklärt, über welche Linie die Verbindung realisiert würde. 

Alle liegen dicht beieinander

Es klingt logisch. Betrachtet man Westtirol auf einer Landkarte, dann fällt auf, dass das Ötz-, das Pitz- und das Kaunertal, ausgehend von den Gletschern in den Bergen, nur zehn Kilometer voneinander entfernt und fast parallel Richtung Inntal verlaufen. Wer heute von Sölden ins Pitztal will, der ist mit dem Auto zwei Stunden unterwegs. Erst fährt man 40 mühsame Kilometer aus dem Tal, dann ein Stück durchs Inntal, um wieder 40 qualvolle Kilometer hinein ins Pitztal zu kurven. Und wer ins Kaunertal will, der ist noch mal eine Stunde länger unterwegs. Bei diesem Verbund geht es wieder um Superlative. "Zusammen mit dem Pitztal wären wir das größte Gletscherskigebiet der Welt", sagt Christian Schnöller, der andere Söldner Marketingmann. Schnöller reist regelmäßig nach Russland, Brasilien und China, um dort für neue Kunden zu werben - solche Zahlen machen Eindruck: Ski fahren von Oktober bis Mai, und das mit Schneegarantie. 

Kaunertaler sind neidisch

Von solchen Dimensionen können sie im Kaunertal nur träumen. Im letzten der Tiroler Seitentäler leben 630 Bewohner, im Gletscherskigebiet stehen acht Lifte. Der Tourismusdirektor, vom Typ her genau das Gegenteil der Söldner Marketingleute, sagt: "Wenn man einen Kaunertaler siezt, dann riskiert man eine Schellen." Sein Name ist Florian Van der Bellen, Sohn des berühmten österreichischen Grünen-Politikers Alexander Van der Bellen, und er ist schon als Kind durchs Tal getollt. 
Das Kaunertal also: Es verhält sich zum Pitztal in etwa so wie das Pitztal zum Ötztal. Oder mit anderen Worten: Hier ist gar nichts los, und sogar viele Tiroler gestehen offen, dass sie noch nie dort waren. Alles sieht nach 80er Jahren aus, man würde sich nicht wundern, wenn Menschen in engen roten Jethosen und langen, dünnen Skiern über den Gletscher führen. Um hochzukommen, muss man mit dem Auto über eine Straße auf 2750 Meter Höhe fahren, vorbei am Gepatsch-Stausee, und dann durch 26 Kehren hinauf, vorbei an riesigen dunkelbraunen Felsen mit langen Eiszapfen daran und schneebeladenen Zirben. 

Kaunertal will noch höher hinaus

Auf dem Bergrücken hoch über der Straße schiebt sich der gewaltige Gepatsch-Gletscher entlang. Auch wenn "wildromantisch" ein sehr abgenutztes Wort ist, das nach Ludwig Ganghofer klingt - zum Kaunertal passt es ganz gut. Der höchste Punkt im Skigebiet liegt auf 3260 Metern, was für einen neuen "Tiroler Höhepunkt" natürlich schon lange nicht mehr reicht. Aber auf dem Pistenplan ist eine gestrichelte Linie eingezeichnet: "Projekt Weisseespitze" steht darunter, und oben, auf dem Berggipfel, die Höhenmeterangabe: 3518 Meter. Der Föhnsturm peitscht die Wolken über den Gipfel, der sich links vom Falginjoch erhebt. Der Tourismusdirektor sagt: "Ja, dann wären wir höher als das Pitztal." Sie wären sogar höher als das Jungfraujoch, "The Top of Europe". Dann wäre dieses entlegene und auf die sympathischste Weise rückständige Kaunertal der "Neue neue Höhepunkt Tirols", dem Pitztal würde es gehen, wie es gerade dem Ötztal ergangen ist, und das Ötztal, nun ja, das wäre fast schon Flachland. 

Weitere Informationen: 
Anreise: Lufthansa fliegt bis Ende März ab Berlin am Mittwoch, Samstag und am Sonntag nach Innsbruck. Air Berlin fliegt donnerstags, freitags und sonntags ab Berlin, Düsseldorf und Hamburg nach Innsbruck. Informationen unter www.lufthansa.de und www.airberlin.com. Vom Flughafen Innsbruck fahren verschiedene Shuttlebusse in die Skigebiete, www.innsbruck-airport.com/de/transfer
Gletscher-Skifahren: In Tirol gibt es insgesamt fünf Gletscher, auf denen man bis Mitte Mai bei winterlichen Temperaturen Ski fahren kann: Neben den Gebieten im Ötztal, Pitztal und Kaunertal sind das noch das Stubaital und Tux im Zillertal. 
Skipass: Mit dem Liftpass "White 5" kann man auf allen fünf Gletschern unterwegs sein. Er ist an zehn Tagen zwischen Oktober und Mai flexibel einsetzbar und kostet für Erwachsene 335 Euro. 
Allgemeine Informationen unter www.tirol.at, auf www.tirolgletscher. com (mit Wetter-Webcams) und www.kaunertal.com 

Erstmals veröffentlicht am 20.März 2013

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