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Wettbetrug: So tief steckt der Fußball im Manipulations-Sumpf

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Im Griff der Wettmafia  

So tief steckt der Fußball im Manipulations-Sumpf

28.12.2013, 13:01 Uhr | t-online.de

Wettbetrug: So tief steckt der Fußball im Manipulations-Sumpf. Das Buch von Benjamin Best zeigt, wie das kriminelle Geschäft mit dem Fußball funktioniert. (Quelle: Murmann Verlag)

Das Buch von Benjamin Best zeigt, wie das kriminelle Geschäft mit dem Fußball funktioniert. (Quelle: Murmann Verlag)

Von Maximilian Miguletz

Fußball-Wunder gibt es immer wieder – und auch das vergangene Jahr sah das eine oder andere Mirakel auf dem grünen Rasen. Unberechenbare Wendungen, die sicher geglaubte Verlierer doch noch zu strahlenden Siegern werden ließen. "Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht", sagte einst Deutschlands Trainer-Legende Sepp Herberger. Manche Menschen wissen es aber doch. Zocker und Wettbetrüger, die mit getürkten Spielen ein Milliardengeschäft machen. Die organisierte Kriminalität ist im Fußball angekommen. Als Fan kann man den Glauben an Wunder verlieren (Hier geht es zur Leseprobe aus "Der gekaufte Fußball"). 

In der Europa-League-Qualifikation 2009/2010 traf Rapid Wien vor rund 13.000 Stadion-Zuschauern und live im österreichischen Fernsehen auf KS Vllaznia Shkoder aus Albanien. Zur Halbzeit führte der Favorit aus Wien durchaus erwartungsgemäß 1:0. Doch etwa 20 Minuten vor Schluss brachen die Gäste ein und Rapid schraubte das Ergebnis auf 5:0 hoch. 

Später fiel Ermittlern auf, dass der Tor-Flut ein Zeichen vorausgegangen war. Der Keeper der Albaner hatte seine Wasserflasche vom angestammten Platz ganz rechts im Tornetz entfernt und in der Mitte seines Kastens platziert. Ab diesem Zeitpunkt fanden Livewetten auf ein hohes Ergebnis statt, und ab dann fielen die Tore. Selbst für die UEFA war der Fall klar: Hier wurde manipuliert. Zur Rechenschaft gezogen wurde indes kein einziger der mutmaßlichen Beteiligten. 

Tief in den Wettsumpf eingedrungen

Dieses und viele weitere Beispiele hat Benjamin Best in seinem Buch "Der gekaufte Fußball" zusammengetragen. Der Journalist, Filmemacher und Autor recherchiert seit Jahren im Milieu der Wettbetrüger. Er sprach mit Kriminellen, Ermittlern, Funktionären und Fußballern in ganz Europa und Asien. Seine ARD-Dokumentation "Im Griff der Zockermafia", in der er den Sportwetten und Spielmanipulationen auf die Spuren ging, fand viel Beachtung und sorgte für ungläubiges Staunen. 

Unbeschwerter Genuss von Spielen ist für ihn angesichts seiner Nachforschungen schwer geworden. "Jede Aktion verfolgt man mit anderen Augen und guckt, ob die Mannschaft auffällig ist", sagt er im Interview mit t-online.de: "Wenn zum Beispiel ein Abwehrspieler ungewöhnlich passiv reagiert oder auffällige Rote oder Gelb-Rote Karten auftreten." 

Von falschen Nationalkickern und Geisterspielen

Das verschobene Spiel in Wien ist nur eines von vielen Beispielen. Best stieß auf weitere, teils absurde Vorgänge. "Es gab einen Fall von der Nationalmannschaft von Togo, die ein Länderspiel gegen Bahrain absolviert hat", erzählt Best. Bei diesem Spiel traten aber gar nicht die togoischen Nationalspieler an. "Ein Wettbetrüger hatte einfach andere Menschen in die Nationaltrikots von Togo gesteckt", so Best. 

Eine andere, bizarre Variante des Wettbetrugs ist die Organisation eines Geisterspiels. "Wett-Syndikate schaffen es, Spiele in das Portfolio von Wettanbietern zu bringen, die gar nicht stattfinden", offenbart Best. "Erschreckend, wie viele verschiedene Möglichkeiten Wettbetrüger und Fußballprofis haben." Ihr Einfluss reicht bis in den europäischen Spitzenfußball. 

Das Wunder von Maribor

Im November 2011 traf NK Maribor in der Europa League auf den FC Brügge. Bis zur 73. Minute führte der slowenische Underdog mit 3:0. Dann geschah das "Wunder von Maribor", wie es die Medien nannten. In den letzten 20 Minuten schossen die Belgier vier Tore und gewannen das verloren geglaubte Spiel mit 4:3. Brügges damaliger Trainer Christoph Daum sprach nach Abpfiff von einem "Spiel, an das wir uns lange erinnern werden". 

Bei späteren Nachforschungen fand der ehemalige FIFA-Ermittler Rudolf Stinner heraus, dass 20 Minuten vor Spielende plötzlich riesige Summen auf einen Auswärtssieg gesetzt wurden. Beim Stand von 3:0. Stinners Quellen bestätigten ihm: "Hier ist etwas gelaufen", so der Ermittler gegenüber Best. Öffentlich wurde die Partie dennoch nie in Verbindung mit Wettbetrug gebracht. 

Singapur, "die weltweite Zentrale für Wettbetrug"

Ein großes Problem der Ermittler ist, dass der Wettbetrug nicht an der Landesgrenze aufhört, die entsprechenden Gesetze allerdings schon. "Für deutsche Ermittler ist es wahnsinnig schwierig, in den asiatischen Metropolen zu ermitteln", erläutert Best: "Dort haben sie keine Zugriffsmöglichkeiten." Gerade auf dem asiatischen Wettmarkt kann man im Vergleich zum europäischen sehr viel Geld setzen, "auf gewisse Spiele siebenstellige Summen", so Best. Das zieht Betrüger an. 

Wie etwa Sivakumar Madasamy, ein sogenannter Match-Fixer. "Singapur ist die weltweite Zentrale für Wettbetrug", sagte er im Gespräch mit Best. Er manipuliere Spiele auf der ganzen Welt. Berater und Profis, die illegale Geschäfte machen wollen, kontaktieren ihn, oder er gewinne sie für seine Absichten. "Mittelklassespieler habe ich in 20 Minuten überzeugt", so der Match-Fixer. Manipulation ist bis in den Amateurbereich möglich. Und von Asien aus kann auf fast alles gesetzt werden. "Auf die dritte Liga oder Regionalliga in Deutschland kann ich zwei bis drei Millionen Singapur-Dollar wetten, kein Problem", so Madasamy. 

"Skandalös, das ist ja Wahnsinn"

Im etwa 10.000 Kilometer entfernten Singapur kann sogar auf eine Partie der deutschen A-Jugend-Bundesliga gesetzt werden. Genau das sei die große Gefahr, sagt Best: "Man kann auf Spiele setzen, die im großen Abseits des öffentlichen Interesses passieren, wo selbst hier in Deutschland kaum jemand weiß, wer dort auf dem Platz steht, wo es keine Fernsehkameras gibt." 

Als Eltern von U19-Spielern während einer Partie ihrer Sprösslinge auf diese Möglichkeit hingewiesen wurden, fielen sie aus allen Wolken. "Skandalös" sei dies, sagte ein Zuschauer, denn einen leichteren Weg für Manipulation gebe es nicht. "Das ist ja Wahnsinn!" 

Des Deutschen liebstes Kind

Von Jugendspielen über den Amateurbereich bis zum internationalen Spitzenfußball: Das organisierte Verbrechen ist involviert. Erst jüngst wurde Österreichs Fußball von einem Wettskandal erschüttert, in dessen Zuge Dominique Taboga vom Erstligisten SV Grödig festgenommen wurde. Zuletzt kamen in Italien neue Enthüllungen ans Licht. Hier stehen etwa 30 Partien der Serie A unter Manipulationsverdacht, sogar Gennaro Gattuso soll in den Skandal verwickelt sein, das Haus des Weltmeisters von 2006 wurde durchsucht. 

Die Bundesliga wähnt sich in Sicherheit. Doch auch hierzulande gab es 2005 Gerüchte. Auf das Spiel Hannover 96 gegen Kaiserslautern hatte ein verurteilter asiatischer Wettpate über zwei Millionen Euro gesetzt. "Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelte, dass drei tatverdächtige Profis für je 150.000 Euro spielen wollten, was aber letztendlich daran scheiterte, dass die Wettbetrüger dies als zu viel Geld erachtet haben", schildert Best und fügt an: "Irgendwann wird mal jemand kommen, dem das nicht zu viel Geld ist, und der wird das dann zahlen." 

"Eine größere Gefahr als Doping"

Der Kampf gegen Wettbetrug und Spielmanipulation gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Auch Benjamin Best ist sich dessen bewusst: "Ob man das wirklich aufhalten kann, da bin ich wahnsinnig skeptisch." Nichtsdestotrotz trägt er mit seiner journalistischen Arbeit einen Teil zur Aufklärung bei. Ein wichtiger Schritt, denn die Öffentlichkeit versteht noch nicht wirklich, so Best, wie gefährlich Wettbetrug ist. 

Experten seien der Ansicht, "dass Wettbetrug eine größere Gefahr für den Sport an sich ist als Doping." Denn im letzteren Fall wären Sportler immerhin noch auf den Sieg aus. "Beim Wettbetrug nicht. Dort wollen sie bewusst verlieren." Und wenn die Zuschauer irgendwann merken, dass Sportler nicht ihr Bestes geben, kann dies "ein sehr großes Problem für den Sport werden."

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